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Risikoabsicherung

Wirtschaftsforscher "Der Aufschwung erreicht den Arbeitsmarkt erst 2005"

Für den Arbeitsmarkt fällt die Bilanz des Jahres 2003 dürftig aus. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Zimmermann, gibt im F.A.Z.-Interview einen Ausblick auf die Entwicklung 2004.

© dpa Vergrößern Klaus Zimmermann, DIW-Präsident

Für den Arbeitsmarkt fällt die Bilanz des Jahres 2003 dürftig aus. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, gibt einen Ausblick auf die Entwicklung 2004 und nennt weiteren Reformbedarf.

Die Zahl der Arbeitslosen soll von Mitte kommenden Jahres an sinken - darauf setzt zumindest die Bundesanstalt für Arbeit. Ist das Wunschdenken?

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Ein Aufschwung wird sich im nächsten Jahr abzeichnen. Den Arbeitsmarkt wird er aber erst 2005 richtig erreichen. Vielleicht wird es 2004 zu einem leichten Abbau der Arbeitslosigkeit kommen, aber ein Anstieg der Beschäftigung läßt weiter auf sich warten.

Wie stark muß die Wirtschaft wachsen, damit mehr Menschen wieder eine Arbeit finden?

Mittelfristig liegt die Schwelle bei 2 Prozent, und alle Prognosen sagen, daß wir im kommenden Jahr nur schwer an diese Marke herankommen werden.

Einige Ihrer Kollegen zeigen sich optimistischer und setzen vor allem auf mehr Stellen im Niedriglohnsektor.

Im Bereich der geringfügigen Beschäftigung, der neuen 400-Euro-Jobs, ist etwas Bewegung zu erwarten. Dadurch kommen aber nicht die typischen Arbeitslosen wieder in Arbeit. Es sind Hausfrauen, Schüler, Studenten, Zweitverdiener. Dafür geht die Zahl der versicherungspflichtigen Arbeitnehmer zurück. Auch bei den haushaltsnahen Dienstleistungen sehe ich noch keinen Durchbruch. Dieser Bereich wird immer noch von der Schattenwirtschaft bestimmt.

In welchen Branchen und Regionen wird sich die Lage zuerst bessern?

Der Aufschwung wird im wesentlichen von der Exportwirtschaft getragen, hier wird auch die Beschäftigung als erstes anziehen. Außerdem werden die großen Wirtschaftsregionen profitieren, dabei eher der Süden als der Norden und im Osten eher Leipzig als Brandenburg.

Sind gute Nachrichten für den ostdeutschen Arbeitsmarkt absehbar?

Ich rechne mit keinen dramatischen Veränderungen. Es gibt positive Anzeichen bei den Investitionsgüterproduzenten, aber weiter große Probleme in der Bauwirtschaft.

Die Bundesregierung wirbt seit der Verabschiedung der Agenda 2010 damit, daß sich Deutschland doch bewegt. Reicht diese Bewegung aus, um die Zahl der Arbeitslosen zu senken?

Die Bewegung ist sehr langsam. Der Kündigungsschutz wurde ein bißchen gelockert, die Handwerksordnung ein bißchen verändert, die Ladenöffnungszeiten wurden ein bißchen verlängert. Die Diskussionen haben gezeigt, daß selbst solche kleinen Schritte der Politik sehr weh tun. Der große Wurf etwa in der Steuerpolitik ist noch nicht getan, um die Lähmung zu beenden.

Taugen die jüngst verabschiedeten Hartz-Gesetze dazu, die Beschäftigung anzukurbeln?

Die Hartz-Gesetze können den Aufschwung nicht einleiten. Mehr Menschen kann man nur in Arbeit vermitteln, wenn mehr Jobs da sind und die Wirtschaft brummt. Man darf sich davon nicht zuviel erwarten.

Gilt das auch für den Umbau der Bundesanstalt für Arbeit?

Der Umbau setzt nicht in dem Maße ein, wie man sich das gewünscht hätte. Es wäre viel konsequenter gewesen, diesen Riesenapparat in operative Einheiten zu zerschlagen. Im wesentlichen aber wurde der bisherige Zustand bewahrt. Wir haben weiterhin eine große Behörde, die von den Tarifvertragsparteien und der öffentlichen Hand kontrolliert wird. Das bedeutet, daß Kompromisse gefunden werden müssen und der Umbau nicht so radikal ausfällt, wie es nötig wäre. Außerdem steht die Anstalt vor großen Aufgaben, wenn sie auch noch die Verantwortung für die erwerbsfähigen Sozialhilfeempfänger von den Sozialämtern übernimmt.

Welche Reformen müssen im kommenden Jahr angegangen werden?

Die Öffnung der Flächentarifverträge muß gelingen. Daneben ist die Arbeitszeitflexibilisierung ein wichtiges Thema. Dabei geht es nicht darum, daß alle mehr oder weniger arbeiten, sondern darum, daß die Arbeitszeit flexibilisiert wird. Geringqualifizierte sollten eher weniger arbeiten, um mehr Menschen in Arbeit zu bringen, bei höher qualifizierten sind längere Arbeitszeiten angebracht. Im privaten Haushaltssektor sehe ich großes Potential. Hier ist an Dienstleistungsagenturen zu denken, die Arbeitslose einstellen und in Haushalte vermitteln. Und die Dienstleistungsbranchen sollten stärker dereguliert werden.

Vom produzierenden Gewerbe haben Sie sich schon verabschiedet?

Es ist richtig, neue Arbeitsplätze entstehen nicht mehr im produzierenden Bereich. Sie entstehen im Dienstleistungsbereich, aber auch dort nicht überall. Zukunftsträchtige Bereiche sind der Bildungssektor oder das Gesundheitswesen.

Die IG Metall ist mit der Forderung nach 4 Prozent mehr Lohn in die Tarifrunde gestartet. Würgt das die ersten Besserungstendenzen wieder ab?

Es wäre ein fürchterliches Signal, wenn es bei 4 Prozent bliebe. Aber das ist ja erst einmal nur eine Forderung. Wenn man sich bei 2 Prozent träfe, wäre es für die Gesamtentwicklung unschädlich. Ich bin zuversichtlich, daß die IG Metall den Aufschwung nicht kaputtmachen will.

In Osteuropa wird schon jetzt zu einem Bruchteil der Lohnstückkosten hierzulande produziert. Können wir uns Lohnsteigerungen überhaupt leisten?

Es gibt immer noch Unterschiede in der Arbeitsproduktivität. Außerdem werden im Ausland häufig andere Güter produziert. Vor allem Dienstleistungen sind an die physische Präsenz gebunden. Der Wettbewerb trifft uns insofern nicht ganz so hart.

Beschäftigten in der Metallbranche aber schon.

Das ist richtig. Viele Arbeitsplätze werden auf Dauer verlorengehen. Da ist eigentlich jede Lohnsteigerung zuviel. Auf der anderen Seite wird in der Metallbranche nicht mehr so arbeitsintensiv produziert, so daß Lohnsteigerungen die Gesamtkosten in geringerem Maße in die Höhe treiben.

Dezember hatten wohl wieder mehr als vier Millionen Menschen keine Arbeit. Wie wird die Bilanz heute in einem Jahr ausfallen?

Nicht viel besser. Erst für Ende 2005 bestehen Chancen, daß wir weniger als vier Millionen Arbeitslose haben werden.

Das Gespräch führte Claudia Bröll

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Januar 2004

 
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