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Wirtschaftsforscher Axel Ockenfels „Ohne Atomkraft wird der Strom teurer.“

30.08.2010 ·  Sauberer, billiger, sicherer Strom - geht das? Wirtschaftsforscher Axel Ockenfels spricht im Interview über subventionierten Ökostrom, die Kosten des Atomausstiegs und ungebremste CO2-Emissionen.

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Herr Ockenfels, die Leute wollen sauberen, sicheren und billigen Strom. Ist denn das zu viel verlangt?

Ich würde mir das auch wünschen. Aber man muss sich schon entscheiden, wie wichtig die einzelnen Ziele sind. Sauberer Strom, vor allem durch Fotovoltaik, kostet heute mehr als Strom aus konventionellen Kraftwerken. Den höheren Preis zahlt der Kunde. Ebenso funktioniert der Emissionshandel als zentrales Instrument der Klimapolitik über Strompreise: je ambitionierter die Klimaziele, desto höher der Strompreis.

Aber die Politik vermittelt den Eindruck, sauber und billig sei gleichzeitig möglich.

Es ist offenbar politstrategisch unklug, steigende Strompreise oder Abstriche beim Klimaschutz anzukündigen. Ich befürchte nur, dass die große Unterstützung in der Bevölkerung für den Klimaschutz kippt, wenn die geschürten Erwartungen enttäuscht werden. Bei der Fotovoltaik hat sich mittlerweile rumgesprochen, dass die milliardenschweren Subventionen der Industrie und Hausbesitzer von den Stromkunden finanziert werden müssen – und das, obwohl der Klimaeffekt gegen null gehen dürfte.

Sind längere Laufzeiten für Kernkraftwerke sinnvoll?

Das ist eine politische Frage. Wer nach Abwägung aller Fakten das Risiko des Weiterbetriebs deutscher Kernkraftwerke unakzeptabel findet, hat einen guten Grund, dagegen zu sein. Auf der anderen Seite gibt es auch gute Gründe für den Weiterbetrieb. Die Kosten der Stromerzeugung und des Klimaschutzes spielen eine Rolle. Die Politik muss diese Abwägung vornehmen. Politischer Stillstand ist die ineffizienteste Entscheidung.

Machen denn längere Laufzeiten den Strom billiger?

Ja. Bei einem Ausstieg aus der Kernenergie steigen die CO2-Zertifikatspreise, da CO2-freie Stromerzeugung auch längerfristig teilweise durch Kohle und Gas ersetzt werden muss. Höhere Zertifikatspreise führen direkt zu höheren Strompreisen. Dazu kommt, dass bei einem Wegfall der Kernkraftwerke andere Kraftwerke mit höheren variablen Kosten abgerufen werden müssen, was ebenso preissteigernd wirkt. Und schließlich führt eine massive Verknappung der Erzeugungskapazität zu höheren, sogenannten Knappheitspreisen. Diese drei Effekte addieren sich auf, so dass der Preis bei einem Ausstieg aus der Kernenergie im Vergleich zu einer Laufzeitverlängerung deutlich ansteigen wird.

Der Preis hängt doch vom teuersten Kraftwerk ab, das sind doch meistens Gaswerke, oder?

Genauer gesagt, hängt der Preis auf Strommärkten von den Kosten einer zusätzlichen Einheit im System ab. Diese zusätzlichen Kosten steigen, wenn der Zertifikatspreis steigt, wenn Kapazitäten zum Zuge kommen, die vorher nicht eingesetzt waren, und wenn die Erzeugungskapazitäten knapper werden.

Sind die vier Kernkraftwerksbetreiber Eon, RWE, EnBW und Vattenfall nicht zu mächtig und bestimmen so die Preise?

Marktmacht ist auf allen Strommärkten ein wichtiges Thema. Deshalb ist es gut, wenn der Markt regelmäßig durchleuchtet wird, wie zurzeit vom Bundeskartellamt. Allerdings basierten in der Vergangenheit viele Vorwürfe der Marktmachtausübung auf einem falschen Verständnis der Wettbewerbsmechanismen in Strommärkten. Tatsächlich rangiert die deutsche Marktstruktur und die deutsche Strombörse im internationalen Vergleich bei vielen Indikatoren auf den besten Plätzen. Auch ist es nicht so, dass die deutschen Börsenpreise etwa im europäischen Vergleich überhöht wären.

Was würde im theoretischen Fall passieren, wenn Eon, RWE und Co ihre Atomkraftwerke abstellten?

Deutschland würde zum Stromimporteur, die Strompreise würden steigen, der Klimaschutz würde teurer. Andererseits würden die mit deutscher Kernkraft verbundenen Risiken abnehmen. Das Risiko von Engpässen in der Stromversorgung könnte steigen. Dies könnte dann zu einer ernsten Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft werden. Viele Experten sind allerdings eher optimistisch, dass es so weit nicht kommen würde.

Ist die Brennelementesteuer angemessen, sinnvoll und gerecht?

Solange die Brennelementesteuer nicht den Kraftwerkseinsatz verändert, wirkt sie so, als ob sie den Kernkraftwerksbetreibern schlicht Geld abnehmen. Mit Effizienzeinbußen ist in diesem Fall nicht zu rechnen. Aus ökonomischer Sicht ist also nichts einzuwenden.

Könnte es sein, dass die Brennelementesteuer Braunkohlekraftwerke wirtschaftlich attraktiver macht und somit indirekt dem Klima schadet?

Ja. Wenn die Steuer hoch und die Zertifikatspreise niedrig sind, ist das denkbar. Aber selbst in diesem Fall sind die Auswirkungen der Einführung einer Brennelementesteuer überschaubar.

Kleine Energieversorger argumentieren, AKW-Laufzeitverlängerung sei unfair, weil sich dann ihre eigenen Investments in saubere Energieproduktion nicht mehr amortisierten.

Ja, das ist unfair – das Vertrauen in eine stabile Energiepolitik ist aus der Rückschau vielleicht zu naiv gewesen. Doch was heißt es eigentlich, dass sich Investitionen nicht mehr amortisieren? Dass die Strompreise bei einer Laufzeitverlängerung zu niedrig sind. Bei einer Politik, die ihren Haushalt konsolidieren muss und die Strompreise klein halten möchte, wird dieses Fairness-Argument gegen eine Laufzeitverlängerung wohl kein Gehör finden.

Deutschland gibt viel Geld für saubere Energie aus. Ist das Geld gut angelegt?

Das Klimaproblem kann Deutschland so nicht lösen: die CO2-Emissionen steigen global ungebremst weiter. Es ist nicht vorstellbar, dass das Klima gesteuert werden kann, ohne die internationale Staatengemeinschaft mitzunehmen. Einige argumentieren, dass die deutschen und europäischen Bemühungen bei dieser zentralen Herausforderung sogar kontraproduktiv wirken. Ich befürchte, sie könnten recht haben.

Aber wenigstens ist eine weltweit konkurrenzfähige Ökoenergieindustrie entstanden. Ist das nichts?

Wenn sie wirklich weltweit konkurrenzfähig ist, warum subventionieren wir sie jedes Jahr mit vielen Milliarden Euro? Jedenfalls haben sich die diesbezüglichen Hoffnungen zumindest in einigen Bereichen relativiert: Ein erheblicher Teil der in Deutschland installierten und finanzierten Fotovoltaikmodule kommt aus dem Ausland. Wenn wir weltweit beim Klimaschutz führend sein wollen, sollten wir das Geld besser in die Forschung stecken. Zum Beispiel in bessere Speicher- und Effizienztechnik.

Muss Klimapolitik dem Bürger weh tun, damit sie etwas bringt?

Nein, saubere Energie schafft ja auch Nutzen. Die Herausforderung ist, für den Preis, den die Menschen für Klimaschutz zahlen, möglichst viel Nutzen zu stiften.

Müssen wir Ökotechnik subventionieren, oder reicht der Emissonshandel zur Rettung des Klimas?

Es mangelt nicht an ausgezeichneten Vorschlägen, wie Klimaschutz effektiver gestaltet werden kann. Doch die zentrale Herausforderung wird regelmäßig vernachlässigt: Wie kann es auf globaler Ebene gelingen, Staaten vom Trittbrettfahrerverhalten abzubringen? Die Hoffnung, man könne die Belastungen eines globalen Reduktionsziels in Verhandlungen zwischen extrem ungleichen Ländern einträchtig aufteilen, erscheint naiv. Kopenhagen hat dies leider bestätigt. Doch es gibt auch Hoffnung.

Und zwar?

Ein Weg könnte sein, das Ziel der Klimapolitik nicht an einer trügerisch exakt spezifizierten Menge der CO2-Reduktion in ferner Zukunft festzumachen, sondern ein globales Ziel für den zu zahlenden Preis bei Emission einer Tonne CO2 festzulegen. Verhandlungen über ein solches Ziel könnten zu freiwilliger Kooperation eigennütziger Staaten bei nicht minder ambitionierten Klimazielen führen.

Woher kommt eigentlich die große Konfusion in der Energiepolitik?

Es kommen drei Dinge in ungewöhnlicher Intensität zusammen. Erstens parteipolitisches Kalkül bei großem medialen Interesse. Zweitens energische Lobbyarbeit im milliardenschweren Spiel um die Zukunft der Energieversorgung. Und drittens ein ökonomisch, geostrategisch und naturwissenschaftlich äußerst komplexes Umfeld.

Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.

Quelle: F.A.Z.
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