19.09.2007 · Der Politik sei dank, sind die Hersteller von Windparks auf der größten Messe der Branche „Husumwind“ euphorisch gestimmt. Mit Milliardeninvestitionen könnnen sie allein beim „Repowering“ rechnen. Dabei werden zehn alte Räder durch ein neues ersetzt.
Von Rüdiger KöhnWo lässt sich trefflicher über Windkraft streiten als an der Nordseeküste, besonders wenn es um die Frage Onshore und Offshore geht? Was ist effektiver und sinnvoller: der Aufbau der weißen Windräder an Land (Onshore) oder auf See nahe der Küste (Offshore)? Um diese Frage entbrennt zunehmend eine Debatte - auch auf der Husumwind, der größten Messe dieser Branche. Die Interessen sind unterschiedlich. Unternehmen wie Repower oder Siemens sehen eine große Zukunft in den Meerwasseranlagen. Vestas aus Dänemark, General Electric und die deutsche Enercon setzen ebenso auf Onshore wie die Nordex. Denn die Technologie muss auf hoher See wesentlich größere Ansprüche erfüllen.
Wunsch und Realität passen nicht zusammen
„99 Prozent der Aktivitäten sind Onshore“, sagt Nordex-Vorstandsvorsitzender Thomas Richterich. „Aber zu 80 Prozent wird über Offshore gesprochen.“ Da passten Wunsch und Realität nicht zusammen. Es gebe genügend Arbeit an Land. Und er zitiert Studien, wonach in fünf Jahren bestenfalls 5 Prozent des Gesamtmarktes auf Offshore entfallen würden. Andererseits aber ist die Diskussion um Offshore auch Zeichen für den Zustand einer mittlerweile etablierten Branche, die nicht mehr über Auf-, sondern über Ausbau nachdenkt. „Der Aufbau des Onshore-Geschäftes ist relativ weit fortgeschritten, weshalb der Blick zunehmend auf die Offshore gerichtet ist“, sagt etwa Bernard Fischer, Vorstandsmitglied der Eon Energie AG, die große Stücke auf Meeranlagen setzt.
Das hat auch Auswirkungen auf die Debatte um die staatliche Unerstützung, wie sie auch auf der Husumwind am Dienstag deutlich zum Ausdruck kam. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel betonte anlässlich der Eröffnung, es sei nötig, Anreize zu schaffen. Einerseits stemmt er sich dagegen, den eigentlich vorgesehenen jährlichen Abbau der Einspeisevergütung für Onshore-Windkraft entsprechend mancher Forderungen auszusetzen, um der Windkraftindustrie nicht frühzeitig die Dynamik zu nehmen. Derzeit wird eine Kilowattstunde (kWh) für Landstrom mit 8,19 Cent vergütet. Andererseits aber plädiert er für eine höhere Vergütung von bis zu 14 Cent je Kilowattstunde - statt der bisherigen 9,1 Cent je kWh, während die schleswig-holsteinische Landesregierung eine Bundesratsinitiative über 12 Cent eingereicht hat. Die Diskussion ist Grundlage für die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das nach Möglichkeit Anfang 2009 in Kraft treten soll.
Offshore einfacher durchsetzbar
Nach Angaben der European Wind Energy Association werden Offshore-Projekte in den nächsten Jahren kräftig an Bedeutung gewinnen, sollen doch bis 2020 Windräder mit insgesamt 70.000 Megawatt (MW) Leistung im Meer installiert werden. Windkraftparks auf hoher See sind einfacher durchsetzbar. Dort stören Rotoren und die Fülle von Befeuerung der hohen Masten für den Flugverkehr am wenigsten. Längst sind die weißen Windräder wegen der Geräuschkulisse nicht mehr unumstritten, nimmt doch der Widerstand für den Bau neuer Anlagen in den Kommunen auf dem Land zu. Womit ein weiteres Thema auf der „Husumwind“ ausgemacht ist. Das heißt „Repowering“. Dabei geht es um den Ersatz von Anlagen aus den neunziger Jahren durch größere, leistungsfähigere Windräder. Die heutzutage produzierte Leistung eines Windrades erreicht 2 bis 3 MW. Damit kann eine Anlage 10 kleine Räder ersetzen.
Das EEG bringt der Windkraftindustrie einen Schub. Denn der Anteil der umweltschonenden regenerativen Energien soll bis 2020 einen Anteil von annähernd 30 Prozent an der Stromproduktion haben, bis 2030 sogar 45 Prozent. Nicht ohne Stolz sagte Gabriel in Husum: „Schon jetzt liegen wir bei 13 Prozent, obwohl erst für 2010 ein Anteil von 12,5 Prozent angepeilt war.“ Windkraft wird daran mit 6 Prozent den größten Anteil unter den erneuerbaren Energien haben.
Branche bestens ausgelastet
Unterstützt durch die Politik, ist die Branche auf der „Husumwind“ euphorisch gestimmt. 640 Ausstellern aus aller Welt sind angereist und 17.000 Besucher werden erwartet. Investitionen allein durch Repowering schätzt der Bundesverband Windenergie (BWE) bis 2020 auf 50 Milliarden Euro allein in Deutschland. Mit dem Aufbau von Offshore-Windkraft mit rund 10.000 MW könnten noch einmal 20 bis 30 Milliarden Euro Investitionen hinzukommen. Damit ist die Branche bestens ausgelastet.
Die Lieferzeiten erreichen mittlerweile bis zu zwei Jahre. Bei dem Erhalt von Aufträgen geht es unter den Wettbewerbern vor allem darum, am schnellsten zu liefern. Das gilt auch für das Auslandsgeschäft. Vor allem Asien und Nordamerika holen auf. Hierzulande sind Zuwächse allenfalls noch über das Repowering zu erzielen. Denn Deutschland hat mit einem Anteil von 28 Prozent an der weltweit aufgestellten Leistung die höchste Dichte vor Spanien sowie den Vereinigten Staaten (jeweils 16 Prozent). Daher werden die Auftragsvolumen in den nächsten Jahren hierzulande nur noch um 9 Prozent wachsen, weshalb der Ausfuhranteil der deutschen Hersteller von derzeit rund 75 Prozent noch kräftig steigen wird. In Europa wird indes ein Zuwachs von jährlich 16 Prozent erwartet, in Nordamerika von 24 Prozent und in Asien sogar von 29 Prozent.
Wunsch und Realität passen nicht zusammen
Heinz Thieme (HeinzThieme)
- 20.09.2007, 22:15 Uhr
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