28.01.2012 · Mancher Manager wurde auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos von der Kritik am Kapitalismus kalt erwischt. Angela Merkel blieb tapfer, wurde aber von David Cameron attackiert. Und wie gewinnt man jetzt Vertrauen zurück?
Von Carsten KnopDer Manager sagt es ganz im Vertrauen: Klaus Schwab, der Mitbegründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums in Davos, werde vielleicht so langsam alt. „Kapitalismuskritik? Was meint er denn damit überhaupt?“, fragt ein anderer: „Von welchem Kapitalismus reden wir da eigentlich - meint Schwab damit die Soziale Marktwirtschaft? Doch ganz bestimmt nicht.“ Das Thema besitzt Konjunktur in Davos.
„Mit welcher anderen Wirtschaftsordnung soll es eigentlich gelingen, den Millionen Menschen in Schwellenländern, die noch unterhalb der Armutsgrenze leben, eine Perspektive zu geben?“, mischt sich ein Dritter ein. „Ja, aber warum hat das denn Klaus Schwab niemand sofort auf offener Bühne geantwortet?“, fragt man zurück. „Ach ja, es ist ja immer so eine Sache mit den öffentlichen Bekenntnissen“, kommt die Antwort zurück - so ganz im Vertrauen natürlich.
Das Thema hatte der langjährige Chef des Weltwirtschaftsforums selbst auf die Tagesordnung gesetzt: Der Kapitalismus sei wohl ein bisschen veraltet, hatte Schwab gesagt. Man könne sogar sagen, „dass das kapitalistische System in seiner jetzigen Form nicht mehr in die heutige Welt passt“. Aufgegriffen haben solche Bälle dann liebend gern - und sehr schnell - die Vertreter der Linken, zum Beispiel Sharan Burrow, die als Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC rund 175 Millionen Arbeitnehmer in aller Welt vertritt.
Sie sekundierte Schwab und sprach von „gebrochenen Versprechen des Kapitalismus“. Schon jetzt sei der Wohlstand so ungleich verteilt wie seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr, klagte sie. In vielen Ländern nähmen die Ökonomien junge Arbeitskräfte kaum noch auf. „Das Wirtschaftsmodell untergräbt sich selbst“, meinte sie. „Die sozialen Unruhen, die daraus entstehen können, werden niemandem gefallen.“
Als Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung des Forums nach Davos kommt, geht sie mit dem Thema ganz anders um: im Stile einer Politikerin, die nur einmal kurz aus dem Krisenmanagement heraus nach Davos eilt - um den versammelten Wirtschaftsführern, Wissenschaftlern und Künstlern ihre Sicht der Dinge zu erklären. Sie räumt zwar ein, dass die Staatengemeinschaft bisher zu wenig Lehren aus der Wirtschafts- und Finanzkrise gezogen habe.
Sie meint das aber anders als Klaus Schwab - und trägt es mit etwas müden Augen, aber großer Willenskraft vor. Deutschland sei als Europas führende Volkswirtschaft einerseits relativ groß und stark. Es dürften andererseits aber keine Verpflichtungen eingegangen werden, die am Ende nicht zu halten seien. „Wenn Deutschland, stellvertretend für alle europäischen Länder etwas verspricht, was bei harter Attacke der Märkte dann auch nicht einlösbar ist, dann hat Europa eine ganz offene Flanke“, sagt Merkel.
Es sei nicht sinnvoll, eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Euro-Hilfen zu fordern, sagt Merkel mit Blick auf die Debatte um eine Ausweitung des Rettungsschirms ESM. „Ich frage mich immer: Wie lange ist das glaubwürdig?“ Auch weist sie Vorhaltungen von Partnern aus der Europäischen Union und aus den Vereinigten Staaten von Amerika zurück, Deutschland müsse mehr zum Abbau der Ungleichgewichte beitragen.
Sie wisse, dass es diese Spannungen im Euroraum gebe, sagte die Bundeskanzlerin. Es dürfe bei der Wettbewerbsfähigkeit aber keine Gleichmacherei ohne Ambitionen geben. Man sollte dem Besten in Europa nacheifern, nicht einem Durchschnitt auf niedrigerem Niveau. Und so wird die Rede am Ende dann doch ein deutliches Bekenntnis zur Marktwirtschaft, wie sie in Deutschland erfolgreich praktiziert wird. Und wenn man so will, handelt es sich auch um ein Bekenntnis zum Kapitalismus.
Beifallsstürme erntete Merkel für ihre Rede indes nicht; eine begeisternde Rednerin wird sie wohl nicht mehr. Aber immerhin: Merkel stellt sich der Debatte. Sie wirbt für ihr Wirtschaftsmodell und ihren wirtschaftspolitischen Kurs, was immer man in einzelnen Punkten davon halten mag. Auf dem Abendempfang am Tag danach fragt dann der deutsche Spitzenmanager: „Glauben Sie, wir haben auf die Kritik von Schwab zu schlapp reagiert?“ Antwort: „Ja, die Manager sind auf dem falschen Fuß erwischt worden.“ Darauf der Manager: „Vielleicht haben Sie recht.“
Mindestens seine deutschen Kollegen üben sich bei dem Thema in Davos in großer Zurückhaltung. Sie sind zwar mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung ihres eigenen Unternehmens weiterhin sehr optimistisch, werden gar zu „Optimismus-Weltmeistern“ erklärt. Sie haben auch (meist zu Recht) gelernt, Banker an ihre wahre Rolle im Wirtschaftsleben zu erinnern. Und manche attestieren der Politik nach jahrelangem Finanzkrisen-Trommelfeuer mit ihren langen Etappen und langsamen Entscheidungen etwas entschuldigend eine Art „Burn-out“-Syndrom. Aber die überzeugende Verteidigungsrede für unser Wirtschaftssystem ist in den ersten Tagen von Davos auf öffentlicher Bühne von ihnen nicht zu hören.
Es bleibt alten Haudegen unter den Teilnehmern des World Economic Forum vorbehalten, zuerst die Sprachlosigkeit überwunden zu haben. Zu ihnen zählt zum Beispiel Ben Verwaayen, der Vorstandsvorsitzende des französischen Netzwerkspezialisten Alcatel-Lucent: „Auf der Welt findet man immer noch Orte, an denen sich Menschen nach Kapitalismus sehnen, weil er Millionen aus der Armut hilft.“ Das Problem sei also wohl nicht das Konzept, sondern wie wir es umsetzen. Über gierige Konzerne zu schimpfen helfe nicht weiter. Gefragt seien Innovationen, betont Verwaayen: „Wir leiden an Nostalgie. Zu der alten Welt führt kein Weg zurück. Wir müssen uns fragen, wie wir neue Jobs schaffen, nicht wie wir alte erhalten.“
Auch David Rubenstein gibt Kontra. Er ist Mitbegründer der Carlyle Group, die zu den weltgrößten Investoren in Beteiligungskapital („Private Equity“) gehört. Er ist ein echter Kapitalist. In Anlehnung an Churchill nennt er den Kapitalismus „die schlechteste Wirtschaftsform überhaupt - wenn man von allen anderen absieht“. Und er fragt, wer 1912 wohl vorhergesehen hat, wie sich der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts entwickeln würde. „Jetzt sind wir wieder an dem Punkt, an dem erst 12 Prozent des neuen Jahrhunderts um sind“. Man dürfe dem Kapitalismus also weiter einiges zutrauen.
Aber was darf man ihm zutrauen? „Es ist das erste Mal, dass ich nach Davos komme und das Gefühl habe, dass die Menschen nicht hierher gekommen sind, um mit Antworten nach Hause zu fahren, sondern um herauszufinden, was eigentlich die richtigen Fragen sind, die man stellen sollte“, stellt Shimon Peres fest, der Präsident Israels, der sich auf einer Veranstaltung des Massachusetts Institute of Technology über Fragen der Neurowissenschaft weiterbilden will. Eine Frage lautet, wie die Manager und Politiker der „kapitalistisch“ organisierten Welt Vertrauen zurückgewinnen können. Denn das ist verloren gegangen. Dies zeigen alle Studien, die zu Beginn des Forums veröffentlicht werden, in ihren Ergebnissen eindrucksvoll.
Manager übersetzen dieses Thema auf dem Forum in die Frage, wie sie nachhaltig erfolgreich sein können - und erinnern in diesem Zusammenhang an den Niedergang der einstigen Foto-Ikone Kodak. Dort wurde die Digitalkamera erfunden, aber ihr Potential war vom Management des kapitalistischen Konzerns als Bedrohung empfunden worden, nicht als Chance.
Doch nur mit Innovationen, die zu Erfolgen werden, entstehen neue Arbeitsplätze, lässt sich der Wohlstand schaffen, der nötig ist, um wieder mehr Menschen von den Vorzügen des marktwirtschaftlichen Systems zu überzeugen. Aber auch das tragen nur wenige Forumsteilnehmer mit fester Stimme vor. Und schon gar nicht erklären sie den Anwesenden, wie sie ihr eigenes Unternehmen vor einer Fehlentscheidung wie bei Kodak bewahren wollen.
Die Politiker hingegen vertreten ihre Ansichten zwar offensiver, wie eben Angela Merkel, streiten sich dafür aber auch auf offener Bühne - und büßen so gleich wieder Vertrauen ein. Tiefen Einblick gibt in dieser Hinsicht ein kleines Scharmützel zwischen Deutschland und Großbritannien. Während Merkel in ihrer Eröffnungsrede sagt, dass eine Finanztransaktionssteuer ein starkes politisches Signal an alle Bürger gewesen wäre, proklamiert nur einen knappen Tag später der britische Premierminister David Cameron an der selben Stelle: „Wenn man diese Steuer jetzt in Betracht zieht, dann ist das einfach Wahnsinn. Das sollte man nicht weiter verfolgen.“
Immerhin spricht sich Cameron für ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten aus. Damit schließt er sich dann doch einer Aussage Merkels an, dass ein solches Abkommen dem Welthandel einen dringend benötigten Impuls geben könne. Immerhin: Ein freier Handel gehört zu einer freien Wirtschaft. Es gibt also noch Hoffnung für den Kapitalismus - und vielleicht schafft es Klaus Schwab mit seiner Bemerkung ja noch in den Monaten nach Davos, auch den einen anderen deutschen Manager mehr für einen Erhalt unseres Wirtschaftssystems eintreten zu lassen. Denn auch in das System muss das Vertrauen wieder nachhaltiger werden. Wie sagte Merkel zu ihrem Abschied? „Es gibt noch viel zu tun in der Welt.“
Davos: Ein aufgescheuchter Hühnerhaufen.
Hans-Jörg Naumer (hjpierre)
- 29.01.2012, 22:18 Uhr
Nochmal: Nicht die Banken haben die Schulden gemacht sondern die Regierungen
Peter Alt (petera000)
- 29.01.2012, 21:02 Uhr
Man kann Geld nicht essen?
otto sundt (drto)
- 29.01.2012, 15:45 Uhr
Als wir
Frank Sperling (Auch-Ein-Buerger)
- 29.01.2012, 15:41 Uhr
Machtkonzentration gefährdet unseren Wohlstand
Johannes Schwarz (Laberbacker)
- 29.01.2012, 13:53 Uhr
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.383,93 | +1,01% |
| Dow Jones | 12.504,50 | +1,09% |
| EUR/USD | 1,2784 | −0,17% |
| Rohöl Brent Crude | 109,30 $ | 0,00% |
| Gold | 1.592,50 $ | +0,19% |
Anonym bewerben? Ist das gut?