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Weltwirtschaftsforum Brückenbauer in Davos

26.01.2007 ·  Vertreter der größten Unternehmen und viele prominente Politiker treffen sich beim Weltwirtschaftsforum. Besonders beliebt ist die zwanglose Atmosphäre der Schweizer Berge. Carsten Knop berichtet aus Davos.

Von Carsten Knop
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Davos liegt im Schnee. Gemessen daran, dass das Thermometer hier oben auf 1500 Meter Seehöhe am Samstag vor acht Tagen noch 8 Grad Celsius angezeigt hat und die bekannte Eislaufbahn wegen der hohen Temperaturen gesperrt werden musste, ist das selbst mitten im Winter durchaus bemerkenswert. Pünktlich zum Beginn des Forums am Mittwoch knirschte also trockener Pulverschnee unter den Schuhsohlen der Teilnehmer, die einmal mehr in Richtung Kongresszentrum aufbrachen, um über das Weltklima zu sprechen. Das ist auf dem Weltwirtschaftsforum zum einen wörtlich, zum anderen in vielerlei übertragenem Sinn gemeint.

Denn es geht hier natürlich um die Reduzierung der sogenannten Treibhausgase wie Kohlendioxid, also tatsächlich um die vermutete Steigerung der auf der Erde vorherrschenden Durchschnittstemperatur. Aber allein dafür kommen natürlich keine 24 Staats- und Regierungschefs und 800 oder 900 Führungskräfte aus der Wirtschaft in die Schweizer Berge. Diskutiert wird ebenso engagiert über die politische und wirtschaftliche Großwetterlage, in allen ihren Verästelungen, von der Liberalisierung des Welthandels über eine verstärkte Regulierung von Hedge Fonds bis hin zur Frage, wo eigentlich die Zukunft des Journalismus liegt.

Zustand der Welt Schritt für Schritt verbessern

Denn auch die Medien und ihre zahlreichen Vertreter gehören zu dieser Veranstaltung unbedingt dazu, sollen sie doch die Botschaften, mit denen von Davos aus die Welt verbessert werden soll, in ebenjene tragen. Das wird Klaus Schwab, der Gründer des Forums, das in diesem Jahr zum 37. Mal seine Jahrestagung abhält, nicht müde zu betonen. In der Hektik des Eröffnungstages steht er da im Hotel Belvedere, das neben dem Kongresszentrum der Dreh- und Angelpunkt der Veranstaltung ist, gemeinsam mit seiner Frau, begrüßt seine Gäste mit Handschlag und kann mit beinahe allen Namen etwas anfangen.

Der Mann ist das Forum. Und wer Schwab in das schmale, konzentrierte und freundlich-sympathische Gesicht blickt, zweifelt keine Sekunde daran, dass ihn die Probleme, die hier in fünf Tagen diskutiert werden, tatsächlich umtreiben. Dass er wahrhaftig alles in seiner Kraft Stehende tut, den Zustand der Welt Schritt für Schritt zu verbessern. Dass er dabei den Unternehmensführern, die ihm hier die Hände schütteln, die Gelegenheit gibt, nebenher so manches Geschäft anzubahnen, nimmt er billigend in Kauf. So ist eben die Welt.

Komplett vernetzt, aber machtlos gegen das Wetter

Und so ist es doch ein wenig tröstlich, dass die Kräfte der Natur auch im Jahr 2007 noch so manchem, der zum elitären Kreis der Teilnehmer gehört, die Planung seiner Anreise kräftig durcheinander wirbeln konnten. Die Welt mag längst komplett vernetzt und damit „flacher“ geworden sein, ihre Bewohner mögen alles, was sie an Informationen suchen, zu jeder Zeit über die Internetseiten von Google, Yahoo oder MSN finden. Dem Google-Vorstandsvorsitzenden Eric Schmidt hat das den Weg in das globale Bergdorf Davos aber nicht einfacher gemacht.

Zum offiziellen Auftakt der Veranstaltung und der Eröffnungsrede durch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ebenfalls witterungsbedingt vom Hubschrauber auf das Auto umsteigen musste, hat der Amerikaner es jedenfalls nicht pünktlich geschafft. Nur sein Namensschild in der Nachbarschaft der Kanzlerin kündete von der Bedeutung, die seine Person inzwischen erlangt hat. Die Zeiten, in denen man ihn übernächtigt, ohne Krawatte, dafür mit einer Kaffeetasse in der Hand zwanglos im Düsseldorfer Büro seines vorherigen Arbeitgebers, des Softwarekonzerns Novell, treffen konnte, sind bei Eric Schmidt lange vorbei.

Mit abgewetzter Jacke und unschickem Rollkragenpulli

Dabei ist die ganze Veranstaltung in Davos auf genau eine solche lockere Atmosphäre angelegt. Das funktioniert mal etwas besser, mal etwas schlechter. Jedenfalls gelingt es längst nicht allen Managern, Politikern und Wissenschaftlern, auf ihre Krawatten zu verzichten - oder, wichtiger noch, jenseits der Gespräche auf eine vollends ungezwungene, lockere Form der Unterhaltung umzustellen. Zu sehr - dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf - sind die Anwesenden damit beschäftigt, die Namensschildchen der Teilnehmer zu studieren.

Stets mit dem Gedanken im Kopf, möglicherweise doch noch einen besseren, für das Geschäft wichtigeren Gesprächspartner zu finden. Ausnahmen bestätigen die Regel. So gibt sich zum Beispiel Neville Isdell, der Vorstandsvorsitzende des Getränkekonzerns Coca-Cola, betont locker, begrüßt jeden, der auf ihn zugeht, mit einem freundlichen Lächeln, in einer abgewetzten Jacke und einem nicht wirklich schicken Rollkragenpulli.

In die Mitte setzen und das Geschehen beobachten

Isdell hat Klaus Schwabs Botschaft verstanden, dass ihn der zwanglose Auftritt nicht davon abhalten muss, mit ernsthafter Mine vor den Gefahren zu warnen, die der Welt durch eine Rückkehr zum Protektionismus drohen könnten. Isdell ist seit Jahren hier und längst ein echter Davos-Profi geworden. Um den Geist zu erfahren, der diese Veranstaltung umweht, muss man nicht in dünner Bergluft von einem Diskussionsforum zum nächsten rennen. Es reicht völlig aus, sich in eine zentral gelegene Cafeteria des Konferenzzentrums zu setzen, mit der Hilfe von Laptop und drahtlosem Internetzugang seine Arbeit zu erledigen und dabei aufmerksam das Geschehen in der unmittelbaren Umgebung zu beobachten.

Davos heißt, dass im Umkreis von wenigen Quadratmetern in einer Stunde zufällige Gespräche mit dem Renault-Vorstandsvorsitzenden Carlos Ghosn, dem Motorola-Vorstandschef Ed Zander und seinem Kollegen Henning Kagermann von SAP möglich sind. Ghosn plaudert über seine Pläne mit dem Billigauto Dacia Logan und sein Verhältnis zum Wettbewerber General Motors, während in der Zwischenzeit noch zwei hochrangige Manager von Hewlett-Packard (HP) hallo sagen und darauf aufmerksam machen, dass dort links ein wichtiger amerikanischer Senator (liberal) stehe, knapp dahinter der Chefvolkswirt der Citigroup (hochintelligent) und rechts einer der bekanntesten Wagniskapitalgeber des Silicon Valley sitze (hat die Gründung von Sun mitfinanziert).

„Viele Unternehmer hier sind auch unsere Kunden“

Sie alle kommen hierher, weil die anderen auch da sind. „Es gibt auf der Welt keine andere Gelegenheit, in einer so zwanglosen Atmosphäre in so kurzer Zeit so viele andere Manager und wichtige Politiker aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt zu treffen“, sagt Todd Bradley, der bei HP unter anderem für das gesamte Geschäft mit Personalcomputern verantwortlich ist und dafür sorgt, dass alle Teilnehmer mit einem kleinen elektronischen Helferlein ausgestattet sind, dem sogenannten „Companion“, einem HP-Taschencomputer und Mobiltelefon, mit dem man anderen Teilnehmern elektronisch Nachrichten senden und sich für die Veranstaltungen des jeweils kommenden Tages anmelden kann.

„Das ist auch für uns sinnvoll. Denn die meisten der Unternehmer, die hier sind, sind zugleich auch unsere Kunden, denen wir so unsere Leistungsfähigkeit beweisen können.“ Es ist 14 Uhr. Bis zum Abend hofft Bradley noch drei wichtige Gespräche mit Politikern zu führen. Unter anderem treiben ihn Fragen zum Handel mit China um.

Gedanklich in Windeseile von Russland nach China

Und dann ruft einer der zahlreichen Empfänge, von denen in der Regel gleich mehrere parallel oder hintereinander im Belvedere stattfinden: „Am besten von allen ist die Google-Party am Freitag“, sagt Bradley. „Ich besorge Ihnen eine Einladung.“ Wieder andere sind mit anderen Vorstandschefs zum Abendessen verabredet. Im Hotelzimmer bleibt hier niemand, dafür ist die Zeit zwischen Mittwoch und Sonntag einfach zu kurz. Dafür ist man auch nicht hergekommen. Denn die Teilnahmegebühr ist so hoch, dass jede Minute genutzt werden muss, um Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.

Nur die Führungskräfte, die ihre Partner mitgebracht haben, hören von diesen am Abend, wie unglaublich leer die Pisten oben im Skigebiet des von Touristen entvölkerten Ortes sind. „Und oben liegt nach den Schneefällen ein Meter Neuschnee“, ist zu hören. Schade eigentlich. „Aber es herrscht noch Lawinengefahr“, wird zum Trost schnell nachgeschoben, um sich wieder den ernsten Themen zuzuwenden, die es zu besprechen gilt. In Davos werden in diesen Tagen Brücken in die Welt gebaut, auf denen man gedanklich in Windeseile von Russland nach China fahren kann, nur um dabei noch einen kleinen Umweg über die Probleme im Nahen Osten oder in Afrika zu nehmen.

Keine dezenten Hinweise an die Bundeskanzlerin

Davos ist ein wahres Gipfeltreffen, bei dem die Bundeskanzlerin, von der die wichtigsten deutschen Wirtschaftsführer zum Abendessen eingeladen worden sind, von Telekom-Chef René Obermann mal eben gar nicht dezent darauf hingewiesen wird, um wie viel entspannter Deregulierung in anderen Ländern verstanden wird, dass es in den Vereinigten Staaten nur noch vier große Telekommunikationsunternehmen gibt, in Deutschland aber Dutzende - und die Frage gestellt bekommt, warum das von Nutzen sein soll, nur um danach mit anderen weiter über Themen der Energiepolitik zu reden.

Ob sie alle dabei ein Auge für eine andere spektakuläre, tatsächlich vorhandene Brücke behalten haben, die die Umfahrung des Davos vorgelagerten Ortes Klosters ermöglicht, ist hingegen eine ganz andere Frage. Alle, die nicht hierhergeflogen werden, müssen sie überqueren. Eröffnet wurde sie im Dezember 2005.

Viele unsichtbare Brücken gebaut

Anschließend durchdringt man in einem kühn geschwungenen, modern illuminierten Tunnel den Berg - und ist beinahe in Davos. Zehn Jahre Bauzeit waren dafür erforderlich. Die Jahrestagung des Forums hat nun sogar schon zum 37. Mal stattgefunden. Die Brücken, die hier gebaut werden, bleiben aber unsichtbar. Schwab mahnt daher auch alle, die Botschaft von Davos wieder mit nach Hause zu nehmen.

Jedoch wird er auch in einer „flachen“, eng vernetzten Welt noch manchen dicken Berg durchbohren müssen, um seinen Zielen näher zu kommen. Zum Beispiel im nächsten Jahr in Davos, dem Ort, der einst schon von weitem an seiner charakteristischen Kirche mit ihrem schlanken, hohen Turm zu erkennen war, die auch einem Ernst Ludwig Kirchner Modell gestanden hat. Das Gotteshaus fällt auf 145 Jahre alten Bildern aus Davos, die im Restaurant nebenan hängen, sofort ins Auge. Inzwischen ist die Sicht verstellt. Und es wird weiter gebaut.

Quelle: F.A.Z., 27.01.2007, Nr. 23 / Seite 13
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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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