In Davos hängt alles an einem kleinen Schild, dem Namensschild. Seine Farbe ist entscheidend auf dem Weltwirtschaftsforum, sie trennt Weltenlenker, Wirtschaftselite und Vordenker von den Zaungästen. Die echten Teilnehmer tragen weiße Schildchen mit blauem Streifen. Rosa und Orange gilt für die Presse, Dunkelblau für die Mitarbeiter des Forums und reines Weiß erhalten die Ehepartner. Weiß waren über Jahrzehnte vor allem Frauen, die ihre erfolgreichen Ehemänner für eine Woche in die Bergwelt begleiteten. So gesehen war Davos nie eine reine Männerveranstaltung.
Das umfangreiche „Damenprogramm“, das der Gipfel für die Ehefrauen organisierte, war eine feine Sache: Sie konnten sich vergnügen bei Husky-Rennen, Kunst-Spaziergängen, Shopping-Ausflügen ins nahe St. Moritz oder - unter individueller Anleitung - auf den Skipisten. Sie durften auch, so sie denn wollten, die Diskussionsforen besuchen. Den Männern zuhören, wie sie die Welt erklärten und gedachten, sie besser und schöner zu machen. Nur selbst reden, das blieb ihnen in der Regel verwehrt. Die Bühne gehörte den Männern.
Die Zeiten sind vorbei. Die wichtigsten Stimmen in Davos waren diesmal weibliche. Die von Christine Lagarde vom Internationalen Währungsfonds zum Beispiel, die der angereisten Bundeskanzlerin Angela Merkel und etlicher weiblicher Firmenchefs wie Marissa Mayer von Yahoo, Indra Nooyi (Pepsi) und Sheryl Sandberg, die First Lady vom kalifornischen Internetgiganten Facebook.
Längst nicht mehr nur die Frauenfrage
Geht man die Listen der mächtigsten Frauen der Welt durch - sie sind hier. Aus Deutschland trifft Ursula Piëch, neue Aufsichtsrätin von Volkswagen, auf Ann-Kristin Achleitner, künftige Munich-Re-Aufsichtsrätin, und Deutsche-Telekom-Vorstand Claudia Nemat.
Die Alphafrauen sind die neuen Stars hier, tragen weiße Schilder mit blauem Streifen, sie dürfen reden, und zwar nicht irgendwo, sondern auf der Hauptbühne. Zudem beschränkt sich das Spektrum ihrer Expertise längst nicht mehr auf die Frauenfrage, sie äußern sich vielmehr zu allen Themen. Und die Männer hören zu.
Die neue Stärke der Frauen spiegelt sich gar nicht mal in den Zahlen. Davos ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Quote allein nichts aussagt. Denn nur 17 Prozent der Teilnehmer sind weiblich, genauso viele wie 2011. Das ist zwar mehr als vor zehn Jahren, als Frauen auf keine neun Prozent kamen. Aber immer noch viel zu wenig, heißt es entschuldigend seitens des Veranstalters, der von einer 25-Prozent-Quote träumt. Die hat er in diesem Jahr abermals deutlich verfehlt. Auch auf den Podien kommt auf drei Männer nur eine Rednerin. Demnach wäre Davos also nach wie vor ein übler Platz für Frauen.
Doch wer hier war, hat gemerkt, das Gegenteil ist der Fall: Die Frauen sind ins Zentrum der Macht vorgerückt. Längst haben sie das Damenprogramm, in das die Frauen einst abgeschoben waren, hinter sich gelassen. Zunächst tauchten sie vor einigen Jahren auf den Nebenschauplätzen auf, wo die Gender-Debatte geführt wurde. In kleinen Räumlichkeiten diskutierten sie das Thema lebhaft, aber unter sich, vor einer Handvoll Zuhörerinnen, während die Männer sich in den großen Sälen den wichtigen Themen widmeten - den Märkten, Finanzen, Ressourcen. Letztes Jahr schaffte das Thema „Women as the way forward“ es dann ins Zentrum der Debatte - auf die Hauptbühne.
Dieses Jahr sicherten sich gleich mehrere Frauen die Hauptbühne, eine Ehre, die nur wenigen Auserkorenen zuteilwird. Zudem hatte Yahoo-Chefin Mayer einen der wenigen Solo-Auftritte, die unter dem Motto „An Insight/Idea With...“ laufen und für gewöhnlich Alphamännern wie dem legendären Investor George Soros vorbehalten sind. Sogar der Star des Eröffnungstags war eine Frau: die IWF-Chefin Christine Lagarde. Sie war dazu auserkoren, die Zukunft der Weltwirtschaft zu skizzieren. Und was tut sie? Sie eröffnet das Forum vor versammelter Wirtschaftselite mit den Worten: „Ich widme diesen Moment Malala, der Tochter Pakistans, und einer Tochter Indiens.“
Zwei jungen Frauen also, deren Schicksal in jüngster Vergangenheit die ganze Welt schockierte. Dem Mädchen Malala, das in den Kopf geschossen wurde, weil sie in Pakistan für das Recht auf Bildung demonstrierte, und einer 23 Jahre alten indischen Studentin, die in einem Bus vergewaltigt wurde.
„So sorry, but Sheryl is fully booked“
Es sei Aufgabe des Forums, so fuhr die Französin fort, die Erwartungen der jungen indischen und pakistanischen Frauen an die Gleichberechtigung zu erfüllen. Das war ein ungewöhnlicher Einstieg für einen Ausblick auf Schuldenkrise, Konjunktur und Jugendarbeitslosigkeit. Ein sehr emotional-weiblicher Einstieg, könnte man sagen, den die toughe Anwältin und Politikerin ganz gezielt gewählt hat. Und das Erstaunliche: Die Zuhörer des Wirtschaftsgipfels waren ergriffen. Niemand hat sich daran gerieben, dass die Keynote-Speakerin eine Frau ist und Davos 2013 den unterdrückten Frauen widmet. Im Gegenteil: Wo immer Lagarde in Davos das Podium betrat, und das tat sie mehrfach in der Woche, füllte sich umgehend der Saal.
Einen ähnlich großen Rummel erlebte Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, die umringt wurde, wo immer sie auftauchte. Jeder hätte sie gerne gesehen, gehört, gesprochen. Zwei Tage war die 43-jährige Top-Managerin in Davos, jede Minute davon verplant - mit Reden, Hintergrundtreffen, informellen Essen in kleinem Rahmen. Etliche Wirtschaftsgrößen, die sie gerne persönlich kennengelernt hätten, musste ihr Stab abblitzen lassen. „So sorry, but Sheryl is fully booked.“
Unter den Zuhörern, die sich nach der Diskussion um Sandberg scharten, fanden sich etliche „spouses“ ein, leicht zu erkennen an den weißen Schildchen. Dabei hielt das Damenprogramm zur gleichen Zeit eigentlich ein Highlight für sie parat: Der indische Mahindra-Konzern hatte oberhalb von Davos in die Schatzalp zu einem literarischen Lunch geladen. Stargast: Paulo Coelho, der gefeierte Bestsellerautor aus Brasilien. Auch hier war jeder Platz besetzt - doch das ist längst nicht mehr immer der Fall bei den Veranstaltungen. Viele Angebote ignorieren die „spouses“ heute einfach.
Es zieht sie ins Forum, zu den Debatten. Deshalb existiert das Damenprogramm nur noch in stark abgespeckter Form. Und natürlich heißt es nicht mehr Damenprogramm, sondern läuft geschlechtsneutral unter „leisure“. Denn immerhin sind neben den 285 Gattinnen auch 36 Ehemänner angereist. Von der Quote her gesehen mehr denn je.
Grosses Kopfschuetteln
Sandra Haberger (SandraHaberger)
- 27.01.2013, 18:45 Uhr
Mit einem weinenden und einem lachenden Auge
Edda Kuhlmann (DTaggert)
- 27.01.2013, 18:19 Uhr
Die smarten boys and toughen girls von Davos!
Joachim Schroeder (Pequod)
- 27.01.2013, 17:53 Uhr
Die Power-Frauen
Monika Lorenz (Diaulina)
- 27.01.2013, 17:23 Uhr
Also bei allem Respekt vor den teilnehmenden Frauen..
Michael Baumann (Senore)
- 27.01.2013, 17:22 Uhr