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Weltklimarat : Protest gegen Klima-Schwarzmalerei

Gletscher im Himalaja: 2007 blamierte sich der Klimarat mit einer völlig überzogenen Prognose der Schmelzgeschwindigkeit. Bild: AFP

Betreibt der Weltklimarat Panikmache? Ein führender Wissenschaftler erhebt schwere Vorwürfe - und hat seinen Namen von dem anstehenden Bericht zurückgezogen.

          Wenige Tage vor Veröffentlichung des neuen Berichts des Weltklimarates der Vereinten Nationen (IPCC) hat ein führender Klimaökonom aus Protest gegen „Panikmache“ seinen Namen von dem Bericht zurückgezogen. Richard Tol von der Universität Sussex, koordinierender Leitautor des Kapitels über die wirtschaftlichen Auswirkungen, erhebt schwere Vorwürfe. In der Endfassung des Berichts seien Formulierungen abgeändert und Aussagen umgedreht worden. Das könne er als Wissenschaftler nicht mittragen. Tol vertritt die Position, dass die ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels eher gering sind. Außerdem sei es weniger teuer, eine Strategie der Anpassung an den Klimawandel zu wählen, statt ihn durch drastische CO2-Reduktion verhindern zu wollen.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          „Die Botschaft des ersten Entwurfs war, dass durch Anpassung und eine kluge Entwicklung die Risiken handhabbar sind, aber dass dies ein gemeinsames Handeln erfordert“, sagte Tol dem britischen Fernsehsender BBC. Diese Botschaft des Entwurfs sei aber in der gut 30 Seiten umfassenden Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger herausgefallen, beklagte Tol. Die Endfassung sei nun wieder in einem apokalyptischen Tonfall gehalten. Es gebe zu viel „Klima-Alarmismus“. Im Gespräch mit der F.A.Z. kritisierte Tol, dass es einen starken Druck gebe, die Klimaberichte möglichst dramatisch zu formulieren. „Es gibt viele Bürokraten, Politiker und Wissenschaftler, deren Jobs davon abhängen, dass die Klimakatastrophe möglichst schlimm erscheint“, sagte Tol. Außerdem gebe es eine Art Selbstselektion der beteiligten Wissenschaftler und Politiker: Vornehmlich solche, die Klima-Alarmismus zuneigten, würden sich bei dem Thema engagieren. Tol kritisiert auch die Aussagen des neuen IPCC-Entwurfs zum Zusammenhang zwischen Klimawandel und Kriegen. Diese widersprächen den meisten Ergebnissen der Forschung.

          Übertrieben alarmistische Szenarien?

          Der Rücktritt Tols wirft einen Schatten über die laufenden Verhandlungen über die Endfassung des Berichts der Arbeitsgruppe 2 des IPCC im japanischen Yokohama. Am kommenden Montag soll der Bericht veröffentlicht werden. Er handelt von den Folgen des Klimawandels auf Natur und Gesellschaft, den Risiken sowie den Möglichkeiten einer Anpassung in verschiedenen Regionen. Kurz vor Abgabe ringen nun noch Wissenschaftler und Politiker um einzelne Formulierungen in dem 30 Kapitel umfassenden Bericht. „Es gibt kaum Fortschritte“, sagte Tol. Insgesamt haben gut 400 Wissenschaftler an dem Bericht mitgearbeitet.

          Kritiker hatten schon früheren Berichten des IPCC vorgeworfen, dass sie übertrieben alarmistische Szenarien prognostizierten. Der vierte Sachstandsbericht von 2007 enthielt einen peinlichen Fehler in den Prognosen über das Gletscherschmelzen. Tol und einige andere Klimaforscher forderten daraufhin eine Reform des IPCC, um solche Pannen künftig auszuschließen. Außerdem weisen Kritiker darauf hin, dass der tatsächliche Temperaturverlauf deutlich unterhalb der IPCC-Prognosen liegt. In den vergangenen fünfzehn Jahren ist die Durchschnittstemperatur kaum gestiegen. Nun ist die Rede von einer „Klimawandel-Pause“.

          Der Niederländer Tol, 44 Jahre alt, der neben seinem Lehrstuhl in Sussex eine Professur für Klimawandelökonomie an der Freien Universität Amsterdam innehat, zählt zu den einhundert meistzitierten Wirtschaftswissenschaftlern der Welt und hat insbesondere über die Ökonomie des Klimawandels publiziert. Seit 2007 berät er das IPCC. Seine Arbeiten waren eine maßgebliche Quelle für den Stern-Bericht. Anders als der britische Ökonom Nicholas Stern kommt Tol aber zu dem Ergebnis, dass die wirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel eher klein seien. Bei einem geringen Temperaturanstieg seien die Auswirkungen unterm Strich sogar positiv. Erst bei einer Erderwärmung von mehr als 2 Grad überwögen negative Effekte. Der Schaden eines Jahrhunderts Klimawandel entspräche aber nur etwa der Größenordnung von einem Jahr Wachstum der Weltwirtschaft, sagt Tol. „Verglichen etwa mit der Wirtschaftskrise in Südeuropa ist der Schaden durch den Klimawandel ein kleines Problem.“

          Quelle: F.A.Z.

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