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Wege nach Europa Neue Gas-Pipelines sollen steigende Nachfrage befriedigen

17.01.2009 ·  Drei neue Gas-Pipelines sollen die steigende Nachfrage befriedigen und die Kassen der Transitländer klingeln lassen. Deutschland liebäugelt mit Turkmenistan als möglichem Partner. Doch können neue Pipelines die Abhängigkeit von Russland wirklich entschärfen?

Von Andreas Mihm
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Es war kein Zufall, dass der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann am Mittwoch vergangener Woche dem turkmenischen Präsidenten Gurbanguly Berdymuchammedow in Aschgabat seine Aufwartung machte. Großmann will in Turkmenistan Gas kaufen und an Russland vorbei nach Europa schaffen. Zufall war jedoch, dass das Treffen genau an dem Tag stattfand, an dem die russischen Gaslieferungen über die Ukraine zum Erliegen kamen.

Anderthalb Stunden dauerte das Gespräch im Präsidentenpalast. Großmann nannte das Land einen vielversprechenden Geschäftspartner. Berdymuchammedow sprach nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur von einem vertrauensvollen Dialog, der „in der nahen Zukunft zu neuen Großprojekten“ führen werde.

Importabhängigkeit wird ansteigen

Erst Mitte November war der Präsident zu Besuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gewesen und hatte Turkmenistan als reich an Bodenschätzen gepriesen. Deutschland könne mit seinem Land zusammenarbeiten.

Auf eine solche Zusammenarbeit in der Erdgasversorgung wartet nicht nur RWE, sondern die ganze EU, vor allem ihre südöstlichen Mitgliedstaaten, die fast völlig von Gaslieferungen aus Russland über die Ukraine abhängen. Drei neue Pipelineprojekte sind geplant. Sie sollen das Transitland Ukraine umgehen und für zusätzliche Transportkapazitäten für die wachsende Nachfrage sorgen.

„Der Importbedarf in Europa wird bis 2020 um knapp 70 Prozent auf 515 Milliarden Kubikmeter steigen“. sagt Florian Haslauer von der Beratungsgesellschaft AT Kearney. Die EU-Kommission erwartet, dass die Gaseinfuhr von 2005 bis 2025 um 195 Milliarden auf 509 Milliarden Kubikmeter wachsen wird.

Die Bundesregierung stellt in ihrem jüngsten Bericht zur Öl- und Gasmarktstrategie fest: „Die Importabhängigkeit der EU wird bei absehbar stagnierender oder rückläufiger Förderung in Europa von derzeit 60 Prozent auf bis zu 80 Prozent ansteigen.“ Würden auf russischer Seite die Förderkapazitäten nicht gesteigert, müsse in den kommenden Jahren mit Lieferengpässen gerechnet werden, sagt Haslauer.

120 Milliarden Kubikmeter Kapazität

Rund ein Viertel des in der EU verbrauchten Gases kommt durch russische Leitungen, die Lieferungen machen 40 Prozent der Gas-Einfuhr aus. Vier Fünftel des Brennstoffs fließen durch die Ukraine, der Rest über die nördlich verlaufende Jamal-Pipeline. Die durch Weißrussland und Polen verlaufende Leitung hat eine Kapazität von 30 Milliarden Kubikmeter.

Drei neue Leitungsprojekte sind derzeit in Planung, die Süd- und Westeuropa mit zusätzlichem Gas versorgen sollen: Nordstream und Southstream sowie Nabucco. Bei Nordstream und Southstream ist der russische Staatskonzern Gasprom federführend; bei Nabucco ein Konsortium aus sechs europäischen Gasfirmen.

Unter Führung von Österreichs OMV sind daran RWE und Gasunternehmen aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Türkei zu gleichen Teilen beteiligt. Alle drei Pipelines zusammen erreichen eine Kapazität von knapp 120 Milliarden Kubikmeter im Jahr.

Noch erpressbarer durch Ostseepipeline?

Am weitesten fortgeschritten sind die Planungen im Nordstream-Projekt. Auf Rügen türmen sich bereits Rohre, die auf ihre Verarbeitung warten. Durch die Ostseepipeline soll von 2011 an westsibirisches Gas vom russischen Wyborg nach Greifswald gepumpt werden. Von dort soll es dann Richtung Niederlande und Tschechien fließen. Die derzeit auf mehr als 7,4 Milliarden Euro budgetierte Leitung soll am Ende 55 Milliarden Kubikmeter Gas nach Deutschland bringen.

Anteilseigner des Bau- und Betreiberkonsortiums sind Gasprom (51 Prozent), BASF und Eon mit je 20 Prozent und die niederländische Gasunie mit 9 Prozent. Die EU unterstützt das Projekt, das in Schweden und Finnland noch auf umweltpolitische Vorbehalte stößt. Die sind bedeutsam, weil die Leitung deren Hoheitsgebiet durchquert.

Widerstand kommt aus den baltischen Staaten und Polen. Die Regierungen fürchten eine wachsende Abhängigkeit und Erpressbarkeit durch Russland, wenn die neue Leitung einmal liegt. Die amerikanische Regierung hat mehrfach ihr Missfallen bekundet und vor der wachsenden Abhängigkeit Europas von russischem Gas gewarnt.

Die zuletzt stark gestiegenen Kosten für den Leitungsbau sind nach Angaben von Branchenkennern kein Hindernis. Einerseits wird mit steigenden Öl- und Gaspreisen gerechnet, die die Kosten rechtfertigten. Anderseits fallen auch bei einer Leitung über Land einmalige Bau- und zudem wiederkehrende Transitkosten an. Allein die jährlichen Überweisungen von Gasprom an die Ukraine für den Transit kalkulieren Fachleute auf 2 Milliarden Dollar.

Alle wollen am Transit verdienen

Weniger weit in den Planungen, dafür aber härter umkämpft sind die beiden Projekte, die das derzeit frierende Südosteuropa mit den Gasvorkommen im kaspischen Becken verbinden sollen. Gasprom will hier eine Leitung mit einer Kapazität von 30 Milliarden Kubikmetern im Jahr in westlicher Richtung 900 Kilometer durch das Schwarze Meer legen, die über Bulgarien bis nach Österreich führt, mit einem Abzweig über Griechenland nach Italien.

Deshalb ist der italienische Energiekonzern Eni auch Partner bei dem Gasprom-Projekt. Das Gas für die Leitung soll aus Turkmenistan, Kasachstan und Usbekistan kommen.

Fachleute weisen auf die besonderen technischen und politischen Schwierigkeiten des Southstream-Projekts hin: Das Meer sei mehr als 2000 Meter tief. Zudem müsse Gasprom die Leitung durch ukrainisches oder türkisches Hoheitsgebiet legen, was auf Widerstand stoßen könnte.

Denn die Staaten wollen selbst am Gastransit verdienen. Die Türkei sieht sich zudem als künftiger Gashändler, das Land als Drehscheibe für Gas aus dem kaspischen Becken, Ägypten, der arabischen Halbinsel, Irak und – langfristig – aus Iran. Über die von Gasprom und Eni gebaute, in Nord-Süd-Richtung durch das Schwarze Meer verlaufende 1200 Kilometer lange „Bluestream“-Pipeline bezieht die Türkei schon heute russisches Gas.

Wird überhaupt genug Gas da sein?

Die Nabucco-Leitung, geplant unter der Federführung der österreichischen OMV, soll von 2013 an Gas aus dem Osten der Türkei bis nach Österreich transportieren. Die notwendigen Staatsverträge sollen unterschriftsreif sein, Ende Januar wird dazu eine Konferenz in Budapest stattfinden. In diesem Jahr soll dann der endgültige Beschluss über den Bau fallen, Beginn wäre 2010.

„Die Finanzierung des aktuell auf knapp 8 Milliarden Euro kalkulierten Projekts stellt ungeachtet der Finanzkrise nach kürzlich geführten Gesprächen mit internationalen Finanzinstitutionen kein Problem dar“, sagt Stefan Judisch, der bei RWE für das Gasgeschäft zuständig ist.

Internationale Kreditorganisationen beteiligten sich gerne an solchen Projekten. Eine Marktumfrage habe unlängst gezeigt, dass die Gasnachfrage die Kapazität der Leitung um das Doppelte übertreffe.

Bleibt die Frage, ob die Konsortien genügend Gas bekommen, um die Röhre zu füllen. Bernhard Reutersberg, der Vorstandsvorsitzende der eng mit Gasprom kooperierenden Eon Ruhrgas, bezweifelt das. Auch politische Analysten sind mit Blick auf die politisch instabile Lage rund um das Kaspische Meer und die nie ganz gekappten Verbindungen nach Moskau skeptisch.

Doch von Aserbaidschan, wo neue Gasfelder erschlossen werden, führt schon eine Gaspipeline durch Georgien in die Türkei. Allerdings müsste Gas aus Kasachstan und Turkmenistan erst einmal das Kaspische Meer überqueren. Ob per Leitung oder Schiffshuttle, die technischen Möglichkeiten dafür ergründet eine kürzlich eigens von RWE und OMV gegründete Gesellschaft.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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