05.08.2009 · Alleinerziehende, Ausländer, Arbeitslose - sie leben am häufigsten in Armut. Einige Parteien, Sozialverbände und Kirchen werben dafür, die Hartz-IV-Regelsätze zu erhöhen. Besser wäre es jedoch, wenn Menschen erst gar nicht in Not geraten würden.
Von Philipp Krohn, MonheimStadtteile wie das Berliner Viertel in Monheim gibt es in jeder Kommune. Vierstöckige Plattenbauten ziehen sich durch ganze Straßenreihen; Wohnschlangen werden sie genannt. Hier wohnen die armen Monheimer, die Arbeitslosen, die Zuwanderer, die Alleinerziehenden. 11.000 der 44.000 Einwohner leben hier, rund ein Fünftel ist auf Sozialtransfers angewiesen. Dieses Quartier wird auch mit einem Medienereignis verbunden, das in ganz Deutschland Aufsehen erregt hat. „Crash-Kid Andi“ stammt von hier, der seit 1998 mehrfach Lastwagen gestohlen hatte, bis er zwei Jahre später im Alter von 14 Jahren einen niederländischen Polizisten tot fuhr.
Mehrere teure Aufenthalte in Jugendheimen hatte er hinter sich; auch eine Therapie auf Gomera war erfolglos geblieben. „Deshalb haben wir uns gefragt, warum es eigentlich immer nur der Reparaturbetrieb sein muss“, sagt Bürgermeister Thomas Dünchheim. Bevor der CDU-Politiker 1999 Bürgermeister wurde, waren die Kosten für Heimunterbringungen auf schwindelerregende Höhen geschnellt. Wenn man dieses Geld einsetzen würde, um gezielt etwas gegen Kinderarmut zu tun, würde das sehr viel erfolgreicher sein, dachten sich Dünchheim, seine Jugendamtsleiterin und die Arbeiterwohlfahrt (AWO).
Ein Zahnrad muss ins andere greifen
Die Ergebnisse der Überlegungen wurde drei Jahre später als „Mo.Ki – Monheim für Kinder“ in einem Modellprojekt verwirklicht. Es gewann 2004 den Präventionspreis von Bertelsmann-Stiftung und Bundesgesundheitsministerium und wurde in einer OECD-Bildungsstudie als „beispielhaftes Projekt“ vorgestellt. Der Kerngedanke des Programms ist eine stärkere Vernetzung. „Keine Stadt, kein Träger von Kindertagesstätten allein kann etwas gegen Armut tun – und auch nicht Inge Nowak“, sagt Inge Nowak, die das Projekt als Mitarbeiterin der Stadt koordiniert.
Im ersten Schritt öffneten sich die fünf Kindertagesstätten im Viertel für eine Zusammenarbeit: AWO, evangelische und katholische Kirche und die Stadt sahen sich nicht mehr als Konkurrenten – und sie kommunizierten enger mit dem Jugend- und dem Gesundheitsamt. Für Erzieher wurden kostenlose Fortbildungen angeboten, die ihnen vermittelten, wie man Stärken stärkt (Marte Meo). Das Geld wurde aus dem städtischen Haushalt umgeschichtet: Stunden der Familienhelfer wurden statt für akute Beratungen für Fortbildungen genutzt. Außerdem können die Einrichtungen Etatmittel und Spenden einsetzen, um Kindern Sportangebote, Kunstschulungen und Musikerziehung zu ermöglichen.
Unterstützung von der Geburt bis zum Beruf
Die Fortbildung beschränkt sich allerdings nicht auf die Mitarbeiter, sondern wird auch Eltern angeboten. „Früher waren wir froh, wenn sie um 9 Uhr die Kita verließen. Heute sind sie willkommen“, berichtet Nowak. Gülsüm Erdogan wurde in drei Seminaren zur Familienmoderatorin fortgebildet. Einmal im Monat wird die gebürtige Türkin von anderen Müttern eingeladen, um Erziehungsthemen zu besprechen. „Meist bekommen sie die Lösungen durch Gespräche heraus; erst wenn die Probleme größer sind, gehe ich zur Erziehungsberatungsstelle“, erzählt sie. An Werktagen treffen sich viele der ausländischen Mütter im Familiencafé. Zahnprophylaxe und Vorlesetraining sind weitere Angebote, über die Eltern hier informiert werden. Durch die Koordinationsarbeit von Inge Nowak weiß jede Institution über alle Hilfen Bescheid. Und statt im Rathaus hat sie ihr Büro im sozialen Brennpunkt.
„Unser Ziel war von Anfang an, eine Präventionskette von der Geburt bis zur Berufsausbildung zu bieten“, sagt Bürgermeister Dünchheim. Deshalb wurde Mo.Ki nach und nach um mehrere Stufen erweitert. Damit die Unterstützung nicht plötzlich abbricht, wenn die Kinder in die Schule kommen, hat die Stadt zwei Sozialarbeiterinnen entsandt. An den beiden Grundschulen des Viertels haben sie ebenfalls Elterncafés eingerichtet, wo neue altersspezifische Angebote an die Familien gerichtet werden. „Wenn Eltern das schon aus einer früheren Phase kennen, nehmen sie Hilfen auch schneller in Anspruch“, sagt Corinna Hartmann, eine der Mitarbeiterinnen. Als Teil des Marte-Meo-Erziehungskonzepts filmt sie Grundschullehrer, mit denen sie anschließend analysiert, wie sie noch gezielter die Konzentrationsfähigkeit der Kinder trainieren können.
Nicht jedes arme Kind ist benachteiligt
Vergangenen Herbst startete die Stufe „Mo.Ki unter 3“, für die die AWO vier Stellen mit Hilfe der Stiftung Wohlfahrtspflege Nordrhein-Westfalen finanziert. Neugeborene bekommen ein Begrüßungspaket, wodurch die Stadt frühzeitig dokumentiert, dass sie die Verantwortung für die Kinder mitübernimmt. Eine Familienhebamme, die zusätzlich in einer gynäkologischen Praxis arbeitet, nimmt frühzeitig Kontakt zu Risikofamilien auf und vermittelt ihnen bei Bedarf weiterführende Hilfen wie zum Beispiel Elternkompetenzkurse. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass nicht jedes arme Kind unter Deprivationserscheinungen leiden muss; aber je länger die Armut andauert, desto wahrscheinlicher werden sie. „Das kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten akut werden“, sagt Inge Nowak. „Und unsere Präventionskette erlaubt uns, darauf zu reagieren.“
Die Erfolge des Projekts sind naturgemäß nicht einfach zu messen. „Aber unsere Quote von ambulanter und stationärer Jugendhilfe weist mit 70 zu 30 den besten Wert aller geprüften Kommunen des Landes auf“, sagt Jugendamtsleiterin Annette Berg. Im Durchschnitt liegt die Quote in Nordrhein-Westfalen bei 44 zu 56. Koordinatorin Inge Nowak nennt ein anderes Erfolgsmaß: 128 Kinder aus dem abgehängten Berliner Viertel hätten 2009 am alljährlichen Stadtlauf teilgenommen, sechs Jahre zuvor war es kein einziges. Sie fühlten sich zunehmend als Teil der Kommune. Eine Erzieherin berichtet, dass vom Berliner Viertel nicht mehr als „Asi-Stadtteil“ gesprochen wird, stattdessen werde oft gefragt, wann Mo.Ki den nächsten Preis zugesprochen bekomme. Die Zahl der Angebote für Familien wachse stetig, berichtet Inge Nowak; auch größere Kommunen wie München oder Gelsenkirchen suchten Rat bei ihr.
Monheim habe mit seinem Ansatz erreicht, dass keiner in der Stadt mehr sagen könne, Armut gehe ihn nichts an, sagt die Frankfurter Sozialforscherin Gerda Holz, die das Projekt wissenschaftlich begleitet hat. „Zunächst wurde die Tabuisierung aufgehoben und dadurch war keine Handlungsoption mehr ausgeschlossen“, erklärt die Mitarbeiterin des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Das sei nichts Besonderes, findet Bürgermeister Thomas Dünchheim. „Man sollte das Problem nicht leugnen – nur weil es vermeintlich nicht zum Stadtmarketing passt.“ Dankbar sei er für die Anschubfinanzierung der Stiftung Wohlfahrtspflege und des Landschaftsverbandes. Am Ende aber lohne sich die Prävention auch finanziell. Und deshalb sollen demnächst Mo.Ki 3 und 4 für weiterführende und Berufsschulen eingeführt werden.
Scheinheilig
Ingo Lange (Ingoatwork)
- 04.08.2009, 11:26 Uhr
Verantwortung, was heisst das heute im Jahre 2009
Dieter Wundrak (wundi)
- 04.08.2009, 11:34 Uhr
Bildung, Bildung, Bildung
Harry Leng (VEDY)
- 04.08.2009, 11:48 Uhr
Danke und Schade
Marcel Hanke (Halasz_Gyoztes)
- 04.08.2009, 13:17 Uhr
@Steve Lutzmann (TomderAffe) - Ihr Beitrag "reine Polemik"...
Alfons Crocusé (ALCR)
- 07.08.2009, 13:17 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,22 | +0,19% |
| Dow Jones | 12.529,80 | +0,27% |
| EUR/USD | 1,2534 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 106,62 $ | −0,12% |
| Gold | 1.568,50 $ | +1,26% |
Anonym bewerben? Ist das gut?