22.03.2010 · Weiterbildung gilt als Geheimwaffe gegen Erwerbslosigkeit. Milliarden fließen in Bildungsprogramme für Arbeitslose. Das klingt sinnvoll. Schade, dass es so wenig bringt. Finanziert werden oft Warteschleifen, Erfolge sind nur schwer messbar.
Von Konrad Mrusek„Nur eine Sache auf der Welt ist teurer als Bildung - keine Bildung.“ Auf diese Weisheit John F. Kennedys berufen sich Arbeitsmarktpolitiker gerne. Ihre Botschaft: Ohne Bildung keine Arbeit, und für Arbeitslosigkeit zahlt die Gesellschaft. Allerdings haben Deutschlands Arbeitsmarktpolitiker das Prinzip inzwischen umgedreht: Wer ohne Arbeit ist, der wird kräftig gebildet - auch auf Kosten der Gesellschaft. Ausgebildet, weitergebildet, fitgemacht für neue Jobs werden die Arbeitslosen.
Weiterbildung gilt als Geheimwaffe gegen Erwerbslosigkeit. Lernen schadet nie, predigen die Qualifizierungspropheten, deshalb kann nichts falsch machen, wer für Bildungsprogramme Geld lockermacht. So werde man Arbeitslosigkeit nicht völlig abschaffen, wohl aber erheblich reduzieren. Vor allem die SPD glaubt fest an das Weiterbildungswunder: Soeben schlug die Partei sogar vor, das Arbeitslosengeld ein Jahr länger zu zahlen (Ältere erhielten es dann maximal drei Jahre), wenn die Empfänger eine „anspruchsvolle Qualifizierung“ machten.
Die Kosten der Qualifikationsmaschinerie gehen in die Milliarden, der Aufwand ist gigantisch, und das Fördergeld fließt durch ein Labyrinth von Kanälen. Nur die Wirkung der „aktiven Arbeitsmarktpolitik“ kann (oder will?) kein Ökonom vernünftig beziffern.
Mehr als 10 Milliarden Euro gehen in die Förderung
Die Kosten sind jedenfalls bekannt: In diesem Jahr steckt die Bundesagentur für Arbeit aus der Versicherungskasse 4,2 Milliarden Euro in die berufliche Integration von Kurzzeit-Arbeitslosen. Hinzu kommen 6,6 Milliarden Euro aus der Staatskasse für die Weiterbildung von Hartz-IV-Empfängern. Die schwarz-gelbe Koalition will davon knapp eine Milliarde erst dann freigeben, wenn die Wirksamkeit der Programme nachgewiesen ist.
Die funktionieren nach dem Modell Gießkanne. Wer seine Stelle verliert oder partout keine Arbeit findet, dem werden eben EDV-Kurse bezahlt, eine Gabelstapler-Schulung oder ein zweiwöchiger Lehrgang „Wie schreibe ich einen ordentlichen Lebenslauf?“ Schon ist das soziale Problem gelöst, jubeln die Qualifizierungstheoretiker. Jetzt fehlt zum neuen Wissen nur noch die neue Stelle.
Weg vom „Födern und Fordern“
Eigentlich hatte die SPD schon einmal andere Wege in der Arbeitsmarktpolitik eingeschlagen. Vor fünf Jahren hatte die rot-grüne Bundesregierung sich mit der Agenda 2010 für ein Modell entschieden, das der Weiterbildung nicht länger die höchste Priorität gibt. Damals wollte man durch verkürzte Fristen Arbeitslose zur möglichst schnellen Jobsuche bewegen, sie also fördern, aber zugleich mehr fordern. Nun wollen die Sozialdemokraten abermals das Verharren in der Arbeitslosigkeit unterstützen, garniert mit Weiterbildung. Je länger aber jemand arbeitslos ist, umso schlechter sind - trotz Weiterbildung - die Vermittlungschancen.
„Die weitere Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes ist nicht vorteilhaft“, sagt Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), „weil dies falsche Anreize setzt.“ Sein Kollege Thomas Kruppe vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat ebenfalls Bedenken: „Die Idee ist im Prinzip richtig, aber sie muss auch richtig umgesetzt werden. Vor allem muss die Qualität der Weiterbildung für die Geringqualifizierten stimmen.“
Finanzierung von Warteschleifen
Kann Qualifizierung Erwerbslosigkeit vermindern, finden die Weitergebildeten leichter eine Stelle? Erfahrungen mit der aktiven Arbeitsmarktpolitik raten zur Vorsicht. Gerade hier ist das Gutgemeinte nicht immer das Gutgemachte. Teilweise wird Geld verpulvert, weil manche Programme nicht qualifizieren, sondern bloß Warteschleifen in der Arbeitslosigkeit finanzieren. Teilweise finanziert das System Anbieter mit dubiosem Kursprogramm.
„Wir haben ein System, das anfällig ist für Missbrauch,“ sagt Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaft an der Fachhochschule Koblenz. Er schätzt, dass sich 10000 Anbieter auf dem Weiterbildungsmarkt tummeln - darunter etliche „schwarze Schafe“, obwohl inzwischen eine Zertifizierung vorgeschrieben ist.
Immerhin habe die Hartz-Reform in der Weiterbildung schon einiges verbessert, sagt Sell: „Früher war das System völlig intransparent und anfällig für Klüngelwirtschaft“. Weil in den Gremien der Arbeitslosenversicherung Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände sitzen, die alle ihre Bildungsakademien haben, konnten sie sich faktisch Aufträge zuschanzen. So wurden Tausende Stunden Computerkurse eingekauft und auf Anbieter in den Regionen verteilt - einerlei, ob Vermittler und Bewerber diese wollten oder nicht. Heute bekommen Erwerbslose Bildungsgutscheine, mit denen sie Kurse wählen können.
Erfolge nur schwer messbar
Es gibt also mehr Transparenz im System, aber nicht viel mehr Klarheit über seine Effizienz. Diese sei auch schwer zu ermitteln, beteuert der Arbeitsmarktforscher Kruppe. Die Fortbildungen seien kaum vergleichbar. Wie wolle man den fiskalisch messbaren Nutzen einer Umschulung von Kurzzeit-Arbeitslosen vergleichen mit dem „sozialen Ertrag“ eines Grundkurses für Hartz-IV-Empfänger, in dem diese lernen, dass Pünktlichkeit im Beruf unerlässlich ist?
Eine Kosten-Nutzen-Rechnung für die gesamte Weiterbildungsindustrie gibt es denn auch nicht, es liegen nur Teilrechnungen vor. Sie zeigen, dass wenige Programme Nutzen stiften, dass Kurse ohne beruflichen Abschluss aber das Zwei- bis Vierfache dessen kosten, was man kurzfristig als Nutzen definieren kann. Eine Studie von Michael Lechner von der Universität St. Gallen ergab, dass Umschulungen die Wahrscheinlichkeit einer neuen Beschäftigung um höchstens 15 Prozent steigern.
Das Resümee der Wirksamkeitsstudien kann man am besten mit den Worten von Radio Eriwan ausdrücken: „Im Prinzip ist das System gut, aber ...“ Der Mangel an analytischer Deutlichkeit ist auch eine Folge der finanziellen Interessen im Qualifikationssystem: Die Studien bezahlen oft jene, die das System konzipieren. Weil Arbeitgeber, Handelskammern und Gewerkschaften von der Weiterbildung finanziell profitieren, wollen sie diese selbstverständlich nicht zerpflücken, sondern höchstens modifizieren.
„Weniger ist mehr“
Letztlich hilft die beste Qualifizierung auch nichts, wenn der Arbeitsmarkt sich anders entwickelt, als es die Berater in den Jobcentern unterstellen. So wurden Anfang der neunziger Jahre in Ostdeutschland viele Arbeitslose in Bauberufe umgeschult, weil es einen Bauboom gab. Bald danach war der Vereinigungsboom beendet, und die meisten Bauarbeiter standen wieder ohne Stelle da.
Stefan Sell hält die aktive Arbeitsmarktpolitik auch nicht für komplette Geldverschwendung - selbst wenn er als einer der hartnäckigsten Kritiker gilt. „Es gibt sehr gute berufliche Qualifikationen und viel ineffizienten Leerlauf“, meint Sell. Sein Ratschlag für Reformen lautet daher: „Weniger ist mehr.“
Auch Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt plädiert dafür, das „Dickicht der Fördermaßnahmen“ zu lichten, weil diese zu bürokratisch, intransparent und unflexibel sind. „Qualifizierungsprogramme dürfen nicht zum Selbstzweck verkommen. Die Arbeitsvermittler vor Ort brauchen mehr Spielraum, um besser auf konkrete Bedürfnisse reagieren zu können. Das hilft den arbeitslosen Menschen und spart Geld“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Unternehmen droht Fachkräftemangel
Möglicherweise kann man bald noch mehr Geld sparen und die Weiterbildungsindustrie verkleinern. Denn Deutschland droht eine Fachkräfte-Lücke. Schon heute fehlen im Osten Lehrlinge, können nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden. Im Westen wird es bald ähnlich sein. Die Unternehmen werden dann fast jede verfügbare Arbeitskraft nehmen und selbst dafür sorgen, dass sie qualifiziert wird. Da braucht es nicht mehr den Staat.
Bis dahin hat die SPD Zeit, das Sozialgesetzbuch genauer zu studieren, worauf die Partei im Reformeifer offenbar verzichtete: Schon jetzt ist es möglich, mit einer beruflichen Qualifizierung länger Geld vom Arbeitsamt zu bekommen, die Hälfte der Kursdauer wird angerechnet - bis zu einem Jahr.
Richtige Aussagen - sinnlose und kurzsichtige Schlußfolgerungen
Sabine Siemsen (BiWiBine)
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Weg mit allgemeinen "Bildungs"programmen
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
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Welche Weiterbildung?
claus bronner (kritiker111)
- 22.03.2010, 18:09 Uhr
Weiterer Selbstbedienungsladen
Chris Heidrich (Rockwilder1979)
- 22.03.2010, 18:12 Uhr
Ich werde nicht von anderen weitergebildet.
adrian kroflin (neretovin)
- 22.03.2010, 18:16 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.327,08 | −2,73% |
| Dow Jones | 12.393,50 | −0,21% |
| EUR/USD | 1,2326 | −0,29% |
| Rohöl Brent Crude | 99,45 $ | −2,14% |
| Gold | 1.558,00 $ | 0,00% |
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