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Torsten Albig : Der Gerechte aus Kiel

Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) ganz m Norden: auf Helgoland Bild: dpa

Vor der Wahl in Schleswig-Holstein macht Regierungschef Torsten Albig ganz auf Gerechtigkeit. Der robuste Finanzpolitiker von einst ist kaum wiederzuerkennen.

          Manchmal kann Torsten Albig immer noch recht ruppig werden. Dabei hatte der 17-jährige Schüler des örtlichen Gymnasiums nur ganz harmlos fragen wollen, und dann noch zu einem recht geläufigen Thema. Warum denn die SPD nach der letzten Bundestagswahl die Sozialkassen für die Rente mit 63 „geplündert“ habe, will er wissen, statt das Geld für seine eigene Generation aufzusparen? Und wieso, wenn schon, nicht auch die harte Arbeit in der Schule auf die nötigen 45 Beitragsjahre angerechnet werde?

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Ministerpräsident zögert bei diesem Wahlkampfauftritt in Itzehoe nicht lange, mit jedem Nachsatz des Fragestellers erwacht bei ihm die polemische Lust umso mehr. „Jetzt kommen wir langsam in tiefes Wasser, junger Mann“, hebt er an und stellt der „ziemlich arroganten Haltung eines jungen Menschen“ den berühmten Dachdecker entgegen, der schon mit 16 Jahren schuftete und irgendwann nicht mehr kann. „Streng dich selbst an und nimm das Geld nicht denjenigen weg, die auf den Dächern gearbeitet haben“, schiebt er noch hinterher.

          Das sitzt. Stilistisch betrachtet, ist das genau der Torsten Albig, den man in Berlin einst kannte. Der als kongenialer Sprecher des nicht minder rauhbeinigen Bundesfinanzministers Peer Steinbrück 2008 zum Cheferklärer der Bankenkrise wurde und durchaus auch volljährige Journalisten bei vermeintlich dummen Fragen in demselben Tonfall abfertigen konnte wie den Schüler in Itzehoe. Der sich 2009 zum Oberbürgermeister von Kiel wählen ließ und 2012 zum Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. Der sich seither vorzugsweise als sanfter Landesvater in Szene setzt, während Steinbrück mit seinem allzu ruppig-selbstbewussten Ton 2013 den SPD-Bundestagswahlkampf vergeigte. Albig, das muss man ihm zugutehalten, hatte seinen Ex-Chef öffentlich vor der Kandidatur gewarnt.

          Nur ein großes Thema im Wahlkampf

          In drei Wochen stellt sich Albig das erste Mal zur Wiederwahl, und in seinem Wahlkampf gibt es nur ein großes Thema. „Zeit für Gerechtigkeit“, dieser Slogan prangt auf seinen Plakaten, deren Design so auffallend betulich daherkommt, als könne allzu viel Modernität die Wähler mit all ihren Zukunftsängsten gleich wieder verschrecken. Der Zusatz „Wir machen das“ soll den Amtsbonus des Ministerpräsidenten ins Spiel bringen, eine Variation auf das „Sie kennen mich“ der Kanzlerin vor der zurückliegenden Bundestagswahl.

          Als eine Art Martin Schulz von der Küste will Albig am 7. Mai gewinnen. Das ist nicht ohne Ironie, weil er kurz vor Beginn der Flüchtlingskrise vor anderthalb Jahren im Fernsehen noch die Meinung äußerte, einen Kandidaten mit ernsthaften Ambitionen aufs Kanzleramt brauche die SPD gegen Angela Merkel gar nicht erst ins Rennen zu schicken. Spätestens seit Schulz vor zweieinhalb Monaten die Erlösungsphantasien der Sozialdemokraten beflügelte, taugt das Zitat allenfalls noch fürs Geschichtsbuch. „Ich bin froh, dass das Thema Gerechtigkeit auch ein Gesicht bekommen hat“, sagt Albig heute schmallippig dazu.

          Inhaltlich betrachtet könnte der Wandel größer gar nicht sein. Albig war früher mal der Mann, der als Pressesprecher schon die rigide Sparpolitik des rot-grünen Ministers Hans Eichel verkaufte („Spar-Hans“) und dann in gleicher Funktion, aber einem Vielfachen an Gehalt zu den Kapitalisten von der Dresdner Bank wechselte. Nachdem er zu Steinbrück ins Finanzministerium zurückgekehrt war, hätte gleichfalls keiner den Verdacht geäußert, einer der beiden könnte in der SPD auf dem linken Flügel stehen. Um es vorsichtig zu formulieren.

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