12.06.2008 · Als vor 60 Jahren die D-Mark kam, waren mit einem Schlag die Läden wieder voll. Die Währungsreform wirkte Wunder. Selbst die Kühe gaben über Nacht mehr Milch. Kein Zufall, dass es der Euro bis heute schwer hat.
Von Werner AbelshauserAls die Deutsche Mark nach mehr als 50 Jahren auf dem Altar der europäischen Einheit geopfert wurde, folgte ihr ein Ruf wie Donnerhall. Noch heute, sechs Jahre nach ihrem endgültigen Abgang, trauern die Deutschen ihr nach. Die Mehrheit zieht sie dem Euro vor, mehr als ein Drittel fordern sie sogar zurück.
Dabei fiel ihre Schlussbilanz gar nicht so glänzend aus: Die D-Mark musste über ihre gesamte Lebensspanne eine durchschnittliche Inflationsrate von 3 Prozent hinnehmen; am Ende repräsentierte sie nur noch ein Viertel ihres ursprünglichen Wertes. Ungerechte Welt: Der Euro, der während seiner ersten Dekade durchschnittlich nur 2,1 Prozent an Wert verlor, wird dennoch als "Teuro" geschmäht. Dabei hat er - wie die D-Mark - gegenüber anderen Währungen viel Boden gutgemacht und seine Stabilität nach außen eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Was hatte die Mark, was der Euro nicht hat?
Was also besaß die D-Mark, was der Euro nicht hat? Sie sonnt sich vor allem im Glanze ihres Gründungsmythos. Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 gilt den Deutschen noch heute als Ursache des Wirtschaftswunders der fünfziger Jahre. Die meisten Zeitgenossen sahen in dem separaten Währungsschnitt in den drei westlichen Besatzungszonen aber auch die Geburtsstunde der Bundesrepublik und identifizierten deren politische Stabilität nicht zuletzt auch mit der Stabilität ihres Geldes.
Seit Mitte der fünfziger Jahre verbanden sich mit der harten D-Mark in der Tat glänzende wirtschaftliche und politische Erfolge: die vorzeitige Tilgung der Vor- und Nachkriegsschulden, die "Wiedergutmachung" gegenüber Israel und den NS-Opfern, die "Weltmeisterschaft" im Außenhandel, eine - ungeachtet deutscher Souveränitätslücken - große außenpolitische Handlungsfreiheit, die Finanzierung des europäischen Integrationsprozesses, die Brechung der amerikanischen Hegemonie über das Weltwährungssystem durch den Aufbau eines eigenen Europäischen Währungssystems, dessen Anker die D-Mark war. Paradoxerweise pushte sie auch den deutschen Vereinigungsprozess, bevor dieser auf europäischer Ebene ihren politischen Tod herbeiführte. Am Ende vererbte sie dem Euro auch noch viele ihrer Erfolgsrezepte. Wahrlich ein erfülltes Währungsleben.
Die ersten Scheine sahen aus wie eine Mickey-Mouse-Version des Dollar
Dabei war ihr Start alles andere als glänzend. Die ersten Geldscheine sahen aus wie eine Mickey-Mouse-Version des Dollar, ihres Patenonkels. Ihr Einzug in den Westzonen besiegelte für viele Jahre die Spaltung Deutschlands. Dem Geldschnitt folgten hohe Preissteigerungen und Arbeitslosigkeit. Schließlich dauerte es zehn Jahre, ehe sie frei handelbar war. Dem standen allerdings auch unbestreitbare Vorzüge gegenüber. 1945 war jedermann klar, dass die während des Krieges eingetretene ungeheure Geldmengenvermehrung beseitigt werden musste. Alle politischen Kräfte in Westdeutschland verspürten wenig Neigung, an dem unpopulären System der Aushilfen und Provisorien länger als unbedingt nötig festzuhalten. Die meisten deutschen Experten sahen in einer Währungsreform sogar fast ein Allheilmittel gegen die deutsche Wirtschaftsnot.
Die alliierten Besatzungsmächte beurteilten die Frage der Währungssanierung wesentlich nüchterner. Die Vereinigten Staaten ergriffen erst die Initiative, nachdem das Konzept einer gemeinsamen Deutschlandpolitik der Alliierten Ende 1947 im Londoner Rat der Siegermächte gescheitert war. Erst jetzt einigten sich die Westmächte auf eine Währungsreform, um die schon begonnene Mobilisierung der Wirtschaft ihrer Zonen fortzusetzen. Der Plan lag seit 1946 in den Schubladen der Militärregierung und stammte von dem früheren Kieler Finanzwissenschaftler Gerhard Colm und dem deutschstämmigen Ökonomen Raymond W. Goldsmith.
Das Geld wurde in 5.000 Holzkisten nach Frankfurt gebracht
Sie hatten klare Anweisung, den Währungsschnitt nicht mit einem Lastenausgleich zu verbinden, wie es nahezu alle deutschen Pläne forderten. Die Banknoten waren schon von Oktober 1947 an in den Vereinigten Staaten gedruckt und bis April 1948 in 5000 Holzkisten nach Frankfurt am Main gebracht worden. Sie wurden anonym emittiert und trugen keine Unterschrift, weil es noch keine westdeutsche Zentralbank gab. Mehr als 250 deutsche Währungsreformpläne, die in der Zwischenzeit die Diskussion bestimmt hatten, waren nun Makulatur. Der "Homburger Plan" der von Ludwig Erhard geleiteten deutschen Wirtschaftsverwaltung machte da keine Ausnahme. Eine auserlesene Schar deutscher Sachverständiger, die von der Militärregierung während der Schlussphase des Unternehmens in einer Kaserne bei Kassel (Konklave von Rothwesten) interniert worden war, sah sich auf die Aufgabe beschränkt, Formulare und Merkblätter zu entwerfen.
Wenn die Reform dennoch reibungslos verlief, so lag dies vor allem an der Beschränkung der Operation auf die technische Seite des Währungsschnitts. Die amerikanische Armee erfüllte ihre Aufgabe auf ihre Weise. Sie brachte am 20. Juni 1948 Banknoten im Gewicht von 500 Tonnen und im Nennwert von 5,7 Milliarden Deutsche Mark in den Verkehr. Der Leiter der Operation "Bird Dog", der 27-jährige Leutnant Edward A. Tenenbaum, sah in der Währungsreform in erster Linie "die größte logistische Leistung der amerikanischen Armee seit der Landung in der Normandie".
Den Sparern blieben nur 6,5 Prozent ihres Geldvermögens
Das Währungsgesetz sah im Prinzip den Umtausch von Reichsmark in die neue "Deutsche Mark" im Verhältnis eins zu eins vor. Doch konnte jeder zunächst nur 40 DM in bar eintauschen, einen Monat später noch einmal 20 DM. Löhne und Mieten wurden eins zu eins ungerechnet, Bargeld und Sparguthaben im Verhältnis 100 Reichsmark zu 6,50 DM. Insgesamt wurden so 93,5 Prozent des alten Reichsmarkvolumens aus dem Verkehr gezogen, so dass den Sparern nur noch 6,5 Prozent ihres Geldvermögens blieben - der schärfste Währungsschnitt in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Nachdem der Westen für sein Währungsgebiet gehandelt hatte, musste die Ostzone rasch reagieren, um den Zufluss abgewerteter Reichsmarknoten in ihr Wirtschaftsgebiet zu unterbinden. Seit Ende Dezember hielt die sowjetische Seite Kupons vorrätig, um sie gegebenenfalls auf die alten Reichsmarknoten zu kleben, sollten die in Auftrag gegebenen neuen Geldzeichen noch nicht fertig sein. Am 21. Juni fand ein erster Bargeldumtausch in "Tapetenmark" statt, wie die beklebten Scheine von der Bevölkerung genannt wurden. Im "chicken game" um die Schuld an der währungspolitischen Teilung Deutschlands hatte damit der Osten demonstrativ die Nerven bewahrt. Erst vier Wochen später fand ein zweiter Umtausch statt, mit dem die Deutsche Mark der Deutschen Notenbank als alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt wurde.
Das große Warenangebot festigte den Mythos der Reform
Die westdeutsche Währungsreform konnte auf gefüllte Lager zurückgreifen, lief doch die westdeutsche Produktion schon seit einem Jahr wieder auf Touren. Das große Warenangebot verblüffte die Zeitgenossen und festigte auf lange Zeit den Mythos der Reform als eigentlicher Initialzündung und Beginn einer nunmehr stürmisch verlaufenden Phase des Wiederaufbaus. Schon am 21. Juni tauchten in den Schaufenstern des Einzelhandels Waren auf, die der Normalverbraucher seit langem nicht mehr gesehen hatte. Aus verborgenen Horten kamen Kochtöpfe, Zahnbürsten, Bücher und andere Gebrauchsartikel ans Tageslicht, die jetzt ohne Bezugsscheine verkauft wurden. Sogar ein Volkswagen war zum Preis von 5300 DM binnen acht Tagen lieferbar. Selbst die Kühe reagierten offenbar positiv auf den Währungsschnitt; denn schon in der ersten D-Mark-Woche wurde wesentlich mehr Butter angeliefert als in der Vorwoche.
Wesentlich beschleunigt hat die Währungsreform den Aufschwung nicht, doch war die psychologische Wirkung des Schaufenstereffekts beträchtlich. Für die meisten Zeitgenossen stand weder der Tag der Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 noch die Konstituierung des Bonner Parlaments am 7. September 1949 für den entscheidenden Neubeginn in Staat und Wirtschaft, sondern eben der 20. Juni 1948. In einer Hinsicht hatten sie recht. Die Sanierung der Kriegsinflation ebnete der Wirtschafts- und Ordnungspolitik neue Wege. Wie immer die Neuordnung der Wirtschaft aussehen sollte - sie musste mit der Sanierung der Währung beginnen. Für die reformliberale Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards galt dies ganz besonders, vertraute sie doch weitgehend auf den Wettbewerbsmechanismus des Marktes, der dem Geld eine wichtige Funktion in der Steuerung der wirtschaftlichen Prozesse zumisst.
Erst im Rückblick gewann die Reform ihr Wunderimage
Folgte der Währungsschnitt selbst strikt amerikanischen Plänen, so kamen die marktwirtschaftlichen Vorstellungen Ludwig Erhards in dem "Gesetz über Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform" vom 24. Juni 1948 zum Zuge. Erhard erhielt Vollmacht, die herrschende Wiederaufbaustrategie auf den Kopf zu stellen. Wurde bisher der Produktionsgütersektor mit allen, wenn auch unzulänglichen Mitteln auf Kosten des Verbrauchsgütersektors bevorzugt, so förderte der Wirtschaftsdirektor nun die Konsumgüterindustrien. In wesentlichen Bereichen blieb die Preisbindung aber bestehen. Dies galt mit wenigen Ausnahmen für die Produkte der Ernährungswirtschaft, Erdöl und Benzin, landwirtschaftliche Düngemittel, Erzeugnisse der eisenschaffenden Industrie, Mieten und Pachten, den Kapitalmarkt, die Versorgungsbetriebe sowie für sämtliche Verkehrstarife.
Dennoch stiegen die Preise der Lebenshaltung um 14 Prozent. Am 12. November kam es deshalb zum ersten - und vorläufig letzten - Generalstreik gegen "Preistreiberei". Auch die Arbeitslosigkeit, die auf den Geldschnitt folgte, hielt noch einige Jahre an. Erst im Rückblick der "goldenen" langen fünfziger Jahre gewann die Währungsreform ihr Wunderumage.
Heute muss der Euro dem D-Mark-Mythos Tribut zollen
Diese Erkenntnis ist seit den siebziger Jahren Gemeingut der Forschung. Sie macht andere Gründe für das Wirtschaftswunder verantwortlich: einen üppigen Kapitalstock, der deutlich größer, jünger, effizienter und moderner war als vor dem Krieg - zielte der Bombenkrieg doch auf die zivilen Quartiere der Städte und ließ die Industrie weitgehend ungeschoren. Einen gewaltigen Überschuss an qualifizierter Arbeit, der sich aus dem Millionenheer der Flüchtlinge rekrutiert und immer wieder neu aufgefüllt wurde. Und schließlich den Willen der Amerikaner, dieses Reservoir zur Stabilisierung Westeuropas auch zu nutzen. Deutschland war arm, aber nicht unterentwickelt. Den Zeitgenossen blieben diese Zusammenhänge weitgehend verborgen, und so fiel der Währungsreform bald die Rolle zu, das Unerklärliche begreifbar zu machen.
Eine Mythenbildung, die noch ein halbes Jahrhundert später, im deutschen Vereinigungsprozess, weitreichende Folgen haben sollte. Die Hoffnung auf ein zweites Wirtschaftswunder trug dazu bei, den Wechselkurs von Ost-Mark zu D-Mark nicht wirtschaftlich, sondern politisch zu definieren. Er wurde auf einem Niveau fixiert, das nach dem Urteil der Experten weit über dem wirtschaftlich Vernünftigen lag und das zu einem guten Teil für die folgenden Probleme der wirtschaftlichen Anpassung verantwortlich war. Abermals war es die Währungsfrage, die die wirklichen Ursachen verdeckte. Sie ließ den heillosen Zustand der DDR-Wirtschaft vergessen machen: ihre hoffnungslose Überschuldung, die Überalterung ihres Kapitalstocks und die sträfliche Vernachlässigung ihrer innovativen Potentiale.
Heute ist es der Euro, der dem Mythos der D-Mark Tribut zollen muss. Solange er und nicht die Realität Benchmark im Leistungsvergleich der Währungen bleibt, hat die europäische Währung kaum Chancen, das Teuro-Image loszuwerden.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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