http://www.faz.net/-gqe-7tutw

Energiewirtschaft : Volle Gasspeicher machen Betreiber unglücklich

Unrentabel, aber wichtig: Gasspeicher verdienen kaum das Geld, das sie kosten. Bild: dpa

Während die Politik über eine nationale Gasreserve nachdenkt, schreibt die Branche neue Speicherprojekte ab. Wieso bloß?

          Im Oktober wird die Gasversorgung in Deutschland wieder ein bisschen sicherer. Dann bietet der Speicherbetreiber Storengy bei Salzwedel die fünfte und letzte Kaverne seines Untergrundspeichers Kunden zur Befüllung an. Damit können in Deutschland mehr als 24 Milliarden Kubikmeter Gas gelagert werden. Das ist mehr als ein Viertel dessen, was deutsche Verbraucher und Unternehmen im Jahr verbrennen. Und so bleibt die Bundesregierung trotz wachsender Spannungen mit dem wichtigsten Gaslieferanten Russland gelassen, sind die heimischen Speicher vor Beginn der Heizsaison doch zu mehr als 90 Prozent gefüllt. Wissenschaftler der Universität Köln haben das gerade bekräftigt.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Niemand müsse sich im bevorstehenden Winter Sorgen um die Gasversorgung machen, hebt auch die Energiewirtschaft hervor. Längerfristig vermutlich schon. Denn Gasspeicher verdienen kaum das Geld, das sie kosten. Neue werden kaum mehr gebaut, viele Projekte sind zurückgestellt, schon gehen erste Speicher aus dem Markt, weil die Betreiber fürchten, dass sie die Modernisierungskosten nicht refinanzieren könnten. „Der Wettbewerbsdruck auf dem Speichermarkt ist sehr groß“, sagt Infrastruktur-Vorstand Hans-Joachim Polk von der Leipziger VNG Verbundnetz Gas AG. Grund seien hohe Importraten, aber auch, dass viele Speicherkapazitäten verfügbar sind. „Deshalb wird der wichtige Beitrag von Erdgasspeichern zur Versorgungssicherheit vom Markt nicht mehr in ausreichendem Maße honoriert“, beklagt Polk.

          RWE beispielsweise hat schon beschlossen, den Porenspeicher Kalle mit einem Gesamtvolumen von 630 Millionen Kubikmetern zu schließen und alles Gas herauszuholen. Der Geschäftsführer der RWE Gasspeicher GmbH, Michael Kohl, berichtet, man habe aus Gründen der Wirtschaftlichkeit nur die Hälfte der im sachsen-anhaltinischen Staßfurt zunächst geplanten acht Gaskavernen gebaut. Sonderabschreibungen in dreistelliger Millionenhöhe führten erstmals zu roten Zahlen.

          Viele Speicherbetreiber haben Probleme mit dem Geschäft

          RWE steht nicht allein da. Fast jeder der zwei Dutzend Speicherbetreiber in Deutschland hat Probleme mit dem laufenden Geschäft, sucht Wege, die Marge zu verbessern, hat Ausbaupläne zurückgestellt. Marktführer Eon hatte schon erklärt, man werde „nicht mehr in weitere Speicherprojekte investieren“. Auch Arno Büx, deutscher Geschäftsführer von Storengy, der Erdgasspeichergesellschaft des französischen Energieriesen GDF Suez, hat Buchwerte an die Realität anpassen müssen. Auf die Frage, ob Storengy voriges Jahr einen Gewinn erzielt habe, sagt er: „Wir werden 2014 schwarze Zahlen schreiben.“ Seit Jahresanfang ist auch bekannt, das Storengy einen mittelgroßen Speicher bei Hamburg-Reitbrook verkaufen will.

          Alles in allem könnten in den vergangenen Jahren Ausbaupläne bis zu 10 Milliarden Kubikmeter begraben worden sein, schätzt ein langjähriger Branchenkenner. Allerdings stehen in der jedes Jahr penibel vom niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie fortgeführten Projektliste immer noch Vorhaben, die das maximale Arbeitsvolumen der deutschen Speicher auf bis zu 30 Milliarden Kubikmeter treiben könnten; das wäre ein Fünftel mehr als heute.

          Ob es dazu kommt, ist fraglich. „Wir rechnen damit, dass das Speichervolumen mittelfristig um mehr als zehn Prozent zurückgehen wird“, sagt Bernd Protze, Vorsitzender der neugegründeten Initiative Erdgasspeicher und Geschäftsführer der VNG Gasspeicher GmbH. Das wären 2 bis 4 Milliarden Kubikmeter weniger als heute.

          Milder Winter und Energiewende lassen Nachfrage schrumpfen

          Denn aus Sicht der Betreiber ist der Speichermarkt kaputt. Als Beleg dafür nehmen sie, dass der Preisunterschied zwischen Winter- und Sommergas sich fast egalisiert habe. Von der Differenz haben sie bisher gelebt: Im Sommer preisgünstig einspeichern, im Winter teuer ausspeichern. Noch 2010 seien Bauprojekte auf Basis von 6 bis 8 Euro Preisdifferenz je Megawattstunde aufgelegt worden, heute erreiche man gerade ein Viertel davon.

          „Mit einem Sommer-Winter-Preisunterschied von 2 Euro rechnet sich kein Speicherprojekt, das ist ganz klar“, sagt Peter Schmidt. Er ist kaufmännischer Geschäftsführer bei der EWE Gasspeicher GmbH. Der Preisverfall hat mehrere Ursachen. Eine ist das große Überangebot an Erdgas auf dem europäischen Markt, als Folge langfristiger Liefer- und Abnahmevereinbarungen. Der milde Winter, auch die Energiewende, die Gaskraftwerke aus dem Markt gedrängt hat, lassen die Nachfrage schrumpfen.

          Auch die Deregulierung trägt dazu bei. Das Geschäft, früher einmal in einer Hand, ist heute stark segmentiert in Großhändler, Vertriebe, Netzbetreiber, Speicheranbieter. Speicher werden weniger für die Winterreserve genutzt als für den aktiven Handel. So kam es, dass der Netzbetreiber OGE im vorigen Winter Alarm schlug, als die Händler munter Gas verkauften und Speicher sich leerten, als es kalt wurde. Jeder verlasse sich in puncto Versorgungssicherheit auf den anderen, heißt es. Das gehe aber nur so lange gut, wie genügend Gas vorhanden sei.

          Wintershall verkauft seine Speicher

          „Speicher sind die einzige physische Quelle für Flexibilität und somit Garant für Versorgungssicherheit“, sagt Wintershall-Sprecher Michael Sasse. Derzeit bestehe der Eindruck, der Markt schaffe diese Flexibilität. „Doch jeder virtuelle Markt funktioniert nur, wenn dahinter mit ausreichend Speichern auch physische Fakten stehen; wir müssen begreifen, dass Versorgungssicherheit und Flexibilität langfristig einen Preis haben.“

          Wintershall hat das Interesse an dem Geschäft verloren und verkauft seine Speicher an die deutsche Tochtergesellschaft des russischen Energieriesen Gasprom. Der nutzt seine Speicher weniger als Instrument für den Handel denn zur Sicherung seiner Lieferverpflichtungen. Man kalkuliere entsprechend anders, sagt der Speicher-Chef Detlef Weidemann. Reine Speicherbetreiber müssen anders rechnen: „Auf Dauer wird es nicht gelingen, bestehende Speicher mit einem Entgelt von 2 oder 3 Euro je Megawattstunde Arbeitsgaskapazität am Leben zu halten“, sagt Schmidt von der EWE.

          Dabei ist das Gesamtvolumen der Speicher das eine, ihre Lage das andere. Denn was hülfen riesige Speicher an der niederländischen Grenze, wenn das Gas in Süddeutschland benötigt werde, die Leitungskapazitäten aber nicht reichten, es in kurzer Frist dorthin zu pumpen?, fragt einer aus dem Kreis der Netzbetreiber.

          Die Sorge um die Versorgungssicherheit treibt auch die Politik um. Nicht nur in Deutschland. Auch die EU-Kommission. Denn nicht jeder große Gasverbraucher in Europa, siehe Großbritannien, hält entsprechend große Speicher vor. Nicht zuletzt mit Blick auf den Konflikt um die Ukraine hat der Bundesrat auf Antrag Bayerns die Bundesregierung aufgefordert zu prüfen, ob eine nationale Gasreserve von 45 Tagen angelegt werden könne. Vorbild könnte die in den siebziger Jahren eingeführte Ölreserve für 90 Tage ein. Gas für 45 Tage zu bevorraten entspräche einem Volumen von etwa 10 Milliarden Kubikmetern, fast die Hälfte des heutigen Speichervolumens. Schon werden Forderungen laut, eine Gasreserve müsse den Verbrauch von 90 Tagen sicherstellen.

          Auch das Wirtschaftsministerium weiß, „dass der wirtschaftliche Betrieb von Gasspeichern derzeit vor verschiedenen Herausforderungen steht“. Man beobachte „die Situation sehr genau“, heißt es. Jetzt sucht das Ministerium wissenschaftlichen Beistand. Gerade hat es ein Gutachten ausgeschrieben. Es trägt den sperrigen Titel: „Möglichkeiten zur Verbesserung der Gasversorgungssicherheit und der Krisenvorsorge durch Regelungen der Speicher (strategische Reserve, Speicherverpflichtungen), einschließlich der Kosten sowie der wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Markt“.

          Die Speicherbetreiber haben ihre Lösungsvorschläge schon skizziert. Sie halten wenig von einer festen Reserve wie beim Mineralöl. Lieber würden sie die Händler zur Reservehaltung verpflichten. „Jeder Händler sollte für seine Reserven sorgen müssen“, sagt Protze von der Initiative Erdgasspeicher. Alternativ könne man sich vorstellen, dass die Gasnetzbetreiber feste Mengen in den Speichern bevorraten müssten, immerhin hätten die schon heute besondere Durchgriffsrechte zur Aufrechterhaltung der Versorgung.

          Weitere Themen

          Milliarden Euro für nichts?

          Hilfen für Europas Bauern : Milliarden Euro für nichts?

          Der nächste EU-Haushalt sieht 265 Milliarden Euro Subventionen für Landwirte vor. Die hohe Belastung der Steuerzahler wird mit Klimaschutzargumenten gerechtfertigt. Einer Überprüfung hält dieses Argument bisher kaum stand.

          Wird Guinness teurer? Video-Seite öffnen

          Irische Brauerei in Sorge : Wird Guinness teurer?

          Das Dunkelbier ist nicht nur in seiner Heimat Irland beliebt, sondern auch der Exportschlager der Insel. Abgefüllt wird das das Getränk allerdings in Nordirland, was zu Großbritannien gehört. Das könnte in Zukunft zum Problem werden.

          BASF setzt Sparprogramm auf

          Aktie gibt nach : BASF setzt Sparprogramm auf

          Effizienter, transparenter, innovativer – gut ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt setzt der neue BASF-Chef hohe Ziele. Um die zu erreichen, seien auch Zu- und Verkäufe nicht ausgeschlossen. Analysten reagierten auf die Ziele aber skeptisch.

          Topmeldungen

          Eine Frau läuft an dem Weißen Haus in Washington vorbei.

          Gespräche über Zölle? : Deutsche Autobosse ins Weiße Haus geladen

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat wiederholt damit gedroht, Importzölle auf europäische Autos zu verhängen. Jetzt wurden die Chefs der wichtigsten deutschen Hersteller ins Weiße Haus geladen.
          Diesmal kommt die Kritik für SPD-Vorsitzende Andrea Nahles aus den eigenen Reihen: Die Europawahlliste sorgt für Aufregung.

          FAZ Plus Artikel: SPD und die Europawahl : Nach oben geschubst

          Die SPD-Liste für die Europawahl sorgt für Ärger, weil gewählte Kandidaten lediglich auf den hinteren Plätzen landen. Die Parteispitze steckt in einer Zwickmühle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.