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Vollbeschäftigung Brüderle rechnet mit Hunderttausenden neuen Jobs

28.07.2010 ·  Wirtschaftsminister Brüderle glaubt, dass die Arbeitslosigkeit bald deutlich sinkt. Dieses Jahr werden nur noch weniger als drei Millionen Menschen arbeitslos sein, sagt er. Seine Botschaft: Vollbeschäftigung ist machbar.

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Rainer Brüderle (FDP) kann es nicht lassen. Derzeit zeigt sich der Bundeswirtschaftsminister aktiv wie selten. Er wollte die Rentengarantie streichen (siehe Brüderles Vorstoß für Abschaffung der Rentengarantie wird abgebügelt) und auch deutsche Bergwerke früher schließen (siehe Brüderle befürwortet frühes Aus der Bergwerke). Nun zeigt er sich auch optimistisch und rechnet mit einer deutlich sinkenden Arbeitslosigkeit.

„Ich glaube, dass wir nachhaltig die Arbeitslosigkeit abbauen können und dieses Jahr noch unter drei Millionen kommen“, sagte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) am Mittwoch. Brüderle rechnet trotz derzeit noch 3,15 Millionen Erwerbsloser über kurz oder lang mit Vollbeschäftigung. „Das halte ich schon für die Perspektive für machbar“, sagte er am Mittwoch im ZDF. Dabei helfe auch die demografische Entwicklung: Wegen der seit Jahren niedrigen Geburtenrate wird es künftig weniger Erwerbstätige geben.

Vollbeschäftigung herrscht nach gängiger Definition dann, wenn alle Arbeitswilligen einen Job haben. Als Richtwert dafür gilt eine Arbeitslosenquote von unter vier Prozent. Derzeit liegt sie mit 7,5 Prozent deutlich über dieser Schwelle. „Wir werden nicht hundert Prozent Beschäftigung haben können, aber deutlich niedrigere Quoten“, sagte Brüderle. Die Bundesagentur für Arbeit wird am Donnerstag die Zahlen für den Juli veröffentlichen.

„Für Euphorie ist nicht die Zeit“

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm erwartet angesichts der guten Konjunktur ebenfalls eine positive Entwicklung. „Es gibt aber auch weiterhin sehr viel Handlungsbedarf“, mahnte er. Die Probleme reichten von der hohen Langzeitarbeitslosigkeit bis zum drohenden Fachkräftemangel. Den Begriff Vollbeschäftigung wollte er nicht strapazieren. „Ich möchte mich darauf nicht einlassen.“ Auch die Arbeitgeberverbände mahnten bei allen positiven Indikatoren zur Zurückhaltung. „Wir sind erfreut über die positive Entwicklung in der Wirtschaft und auch am Arbeitsmarkt“, sagte ein Arbeitgebervertreter zu Reuters. „Aber für Euphorie ist nicht die Zeit“. Es gebe noch Risiken.

Gewerkschaften kritisieren, dass Unternehmen zunehmend auf Zeitarbeit setzen. Die Jobangebote in der Leiharbeit haben sich seit Jahresanfang mehr als verdoppelt, geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei hervor. Jede dritte Stelle wird inzwischen in der Zeitarbeit angeboten. „Leiharbeit vermehrt sich geradezu rasant und verdrängt mehr und mehr Stammbeschäftigung“, sagte der Zweite Vorsitzender der IG Metall, Detlef Wetzel. Dieser Weg „setzt auf Billiglohn und eine Politik des Heuern und Feuerns“.

Vollzeitjobs werden bis 2020 um 1,7 Millionen steigen

Einen dauerhaften Aufschwung am Arbeitsmarkt sagt auch die Bertelsmann-Stiftung voraus. Bis 2020 werde die Zahl sozialversicherungspflichtiger Vollzeitjobs im Vergleich zu 2003 um 1,7 Millionen zunehmen - obwohl die Industrie weiter Jobs ins Ausland verlagern wird. Für geringfügig Beschäftigte stünden bis dahin 820.000 zusätzliche Arbeitsplätze zur Verfügung. „In den nächsten Jahren wird die Nachfrage nach Arbeitskräften stärker wachsen als das Angebot“, sagte Eric Thode, der Leiter der Studie „Wer gewinnt, wer verliert? - Globalisierung und Beschäftigungsentwicklung in den Wirtschaftsbranchen“.

Die Lücke lasse sich nicht allein durch Einwanderung schließen. „Wichtig ist neben einer besseren Qualifikation vor allem, mehr Frauen und Ältere in Beschäftigung zu bringen“, sagte Thode Reuters. Viele Mütter würden nach der Babypause nicht auf ihre alte Position zurückkehren, stattdessen in Teilzeit arbeiten oder Minijobs annehmen oder gar ihren Job ganz an den Nagel hängen. „Hier werden Ressourcen verschwendet.“

„Der Spardruck ist hier relativ hoch“

Trotz der guten Aussichten fordern Arbeitgeber, den Kündigungsschutz zu lockern. „Wenn wir jetzt den Arbeitsmarkt entfesseln, können wir die Arbeitslosigkeit nicht nur kurzzeitig auf deutlich unter drei Millionen drücken“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, der Bild-Zeitung. Dazu müsse man „ganz konsequent Einstellungshürden beseitigen“ - etwas das Recht auf Teilzeit einschränken und vermehrt befristete Arbeitsverhältnisse erlauben. Auch solle der Kündigungsschutz erst für Betriebe ab 20 und nicht wie bisher 10 Mitarbeitern gelten.

Besonders gefragt werden der Bertelsmann-Stiftung zufolge in zehn Jahren Akademiker sein: Der Bedarf steige um rund 800.000 Universitäts- und 1,1 Millionen Fachhochschulabsolventen. Die besten Aussichten haben demnach Absolventen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Ingenieure, Erziehungs- und Naturwissenschaftler, Mathematiker, Juristen und Maschinenbauer. Gesucht würden demnächst aber auch Meister, Techniker und Fachschulabsolventen. Hier steige das Arbeitsplatzangebot ebenfalls um mehr als eine halbe Million. Jeder dritte Arbeitnehmer werde in zehn Jahren einen entsprechenden Berufs- oder Universitätsabschluss vorweisen können.

Besonders zukunftsträchtig seien auch Dienstleistungsjobs - vor allem Gesundheitsberufe wie Altenpfleger, Krankenschwester und Sprechstundenhilfe oder sozialpflegerische Berufe wie Heimleiter oder Sozialarbeiter. Besonders zukunftsfest seien auch die Arbeitsplätze von Kaufleuten in der Datenverarbeitung, im Speditions- und Rechnungswesen, im Fremdenverkehr oder der Werbung. In der Industrie rechnet die Bertelsmann-Stiftung dagegen mit weniger Jobs. „Hier wird die Rationalisierung und die Verlagerung ins Ausland weitergehen“, sagte Thode. „Der Spardruck ist hier relativ hoch.“

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