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Volkswirtschaft Geht es den Dicken bald an den Geldbeutel?

15.11.2004 ·  Übergewicht ist nicht nur ein Problem für Fluggesellschaften, sondern auch für die Volkswirtschaft. Fettleibigkeit und ihre Folgekrankheiten kosten den Staat im Jahr viele Milliarden.

Von Thiemo Heeg
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Franziska Schmitz hatte sich schon so auf den Urlaub gefreut. Jetzt schnell zum Flughafenschalter, das Gepäck aufgeben. Alles in Ordnung, der Koffer blieb knapp unter der erlaubten Grenze von 20 Kilogramm. Doch dann mußte sie selbst auf die Waage.

„25 Kilo Übergewicht, das macht 250 Euro extra“, verkündete der Mitarbeiter mit süffisantem Lächeln. Die Warteschlange hinter ihr feixte. Und Schmitz wollte am liebsten im Airportboden versinken, anstatt jetzt in die Ferien zu fahren.

Extrazahlung für dicke Flugpassagiere?

Ein surreales Szenario - doch wie lange noch? Zwar weist man bei der Lufthansa Überlegungen dieser Art weit von sich. „Es ist unfair, Menschen nach ihrem Gewicht zu beurteilen“, moralisiert Sprecher Bernd Hoffmann. Usus in der Branche sei es vielmehr, bei der Zuladung mit einem Durchschnittsgewicht zu kalkulieren. Und das beträgt 100 Kilogramm pro Passagier, inklusive Gepäck.

Trotzdem sind die Entwicklungen der vergangenen Jahre erschreckend - auch unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA stellte fest, daß Flugpassagiere zwischen 1995 und 2003 im Schnitt um 10,3 Kilo zulegten. Die Konsequenz für die Airlines: Sie müssen ein höheres Durchschnittsgewicht pro Passagier ansetzen. In der Praxis könnte dies bedeuten, daß bei kleineren Jets Sitze frei bleiben müssen - und möglicherweise die betroffene Gesellschaft versucht, die weggefallenen Einnahmen durch eine Preiserhöhung für alle Passagiere auszugleichen.

Schon heute gilt: Allzu wohl Gebaute zahlen über den Wolken im Zweifelsfall das Doppelte. Wem zum Beispiel die knapp bemessenen 42 Zentimeter Sitzbreite in der Economy Class nicht genügen, der muß auch noch den Nachbarsitz mitbuchen. Vor fünf Jahren machte der Franzose Jean-Paul Touze Schlagzeilen: Der Mann brachte damals 170 Kilogramm auf die Waage und wollte zur Frauen-Schachweltmeisterschaft nach China. Höchstens mit zwei Tickets wollte ihn Air France fliegen lassen - Touze verzichtete und klagte wegen Diskriminierung, ohne Erfolg.

Fettsucht: gewichtiges Menschheitsproblem

Übergewicht ist nicht nur bei den Airlines ein dickes ökonomisches Problem. Bald werden ganze Volkswirtschaften massiv darunter leiden. Das glaubt nicht nur Verbraucherschutzministerin Renate Künast, die vor zwei Wochen das Buch „Die Dickmacher“ zum Thema vorlegte. Vielmehr lassen eine Reihe wissenschaftlicher Studien aufhorchen, die in der Adipositas - der Fachbegriff für die Fettsucht - eines der gewichtigsten Menschheitsprobleme des 21. Jahrhunderts sehen.

„Too big to ignore“ - zu gewichtig, um die Tatsache einfach zu ignorieren - lautet der Titel einer neuen Studie der Schweizer Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re. „Wahrscheinlich wäre die gute Entwicklung der Sterblichkeitsquote noch besser ausgefallen, wenn sich die Rate der Fettleibigen konstant gehalten hätte“, sagt Koautorin Paula Francombe. Im Klartext heißt das: Übergewichtige sterben statistisch gesehen einfach früher als Menschen ohne Rettungsringe.

Dicke sind auf dem Vormarsch

Und das hat Folgen, unter anderem für die Berechnung von Versicherungsbeiträgen. Die Swiss Re errechnete „hypothetische Kosten“ der Fettleibigkeit: Der Studie zufolge könnte die Todesrate heute bei knapp vier von tausend liegen. Tatsächlich jedoch beläuft sich die Sterblichkeit auf sechs Promille.

Kein Wunder: In praktisch allen Industrieländern sind die Dicken auf dem Vormarsch. Nach den Ergebnissen des deutschen Mikrozensus 1999 war fast jeder zweite erwachsene Bundesbürger übergewichtig. Nach Erkenntnissen der FAO, der Ernährungs- und Agrarorganisation der Vereinten Nationen, kommen die Dicken zahlenmäßig erstmals in der Geschichte der Menschheit an die Unterernährten heran. „Fettleibigkeit ist ein so signifikantes Problem, daß wir uns darum kümmern müssen“, warnt FAO-Manager Prakash Shetty.

Folgekrankheiten verursachen Kosten

Signifikant sind bereits heute die volkswirtschaftlichen Kosten. Eine aktuelle Studie des Bundesamtes für Gesundheit in Bern beziffert die „Kosten der Adipositas in der Schweiz“ auf bis zu 3,23 Milliarden Franken (2,13 Milliarden Euro). Rechnet man diesen Anteil prozentual auf die Bevölkerung hoch, ergäbe sich für Deutschland ein Betrag von weit mehr als 20 Milliarden Euro.

Vor allem die Folgekrankheiten, die den Fetten drohen, schlagen zu Buche: Die Behandlung von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Depressionen macht neun Zehntel der berechneten Gesamtkosten aus. Mittelfristig ist zu befürchten, daß die Kosten weiter in die Höhe schnellen, weil die Dicken-Quote weltweit zunimmt.

Unterm Strich kommt es alle teuer, die Dicken jedoch besonders, und das nicht nur im Flugzeug. Die Londoner Guildhall-Universität ermittelte, daß Schwergewichtige beim Gehalt eher als Leichtgewichte behandelt werden: Im Schnitt verdienen sie zehn Prozent weniger als ihre normalgewichtigen Kollegen. Kaum ein Trost: Bei unattraktiven Mitarbeitern soll der Lohn-Abschlag noch höher sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.11.2004, Nr. 46 / Seite 41
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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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