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Veröffentlicht: 19.06.2014, 18:21 Uhr

Großbritannien Land der Armut

Großbritannien wird immer wohlhabender, aber die Armen halten nicht mit. In kaum einem anderen Land Europas ist das so deutlich. Das liegt auch an Margaret Thatcher.

von , London
© picture-alliance/ dpa Lebensmittel-Suche im Abfall.

Eltern, die am eigenen Essen sparen, um ihre Kinder satt zu bekommen. Bürger denen es an Bekleidung fehlt und Familien, die daheim frieren, weil sie Heizkosten sparen müssen: In Großbritannien sind solche Zustände einer neuen Armutsstudie zufolge keine seltenen Ausnahmen, sondern ein Massenphänomen. Obwohl sich die Wirtschaftsleistung Großbritanniens in den vergangenen drei Jahrzehnten verdoppelt hat, ist die Armut im Land nach Erkenntnis der britischen Sozialforscher seit Anfang der achtziger Jahre drastisch gewachsen: Während es damals 14 Prozent der Haushalte am nötigsten fehlte, ist der Anteil der Armen mittlerweile auf ein Drittel gestiegen.

Marcus Theurer Folgen:

Die brisanten Ergebnisse liefern neuen Stoff für die internationale Debatte um eine wachsende Ungleichheit in den Industrieländern, die der französische Ökonom Thomas Piketty mit seinem zum Bestseller gewordenen Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ losgetreten hat. Pikettys umstrittene These: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter, weil die Rendite auf Vermögen höher ist als das Wirtschaftswachstum.

„Die Armen leiden unter größerer Armut und die Lücke zwischen Arm und Reich wächst“, sagt auch der Sozialforscher David Gordon von der Universität Bristol, der an der britischen Untersuchung beteiligt ist.  Die Arbeit ist nach Angaben der Wissenschaftler die umfangreichste, die auf der Insel jemals  durchgeführt wurde. Beteiligt an dem Gemeinschaftprojekt „Poverty and Social Exclusion“ (Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung) sind Forscher von zehn Hochschulen und Denkfabriken. Die Ergebnisse wurden am Donnerstag auf einer Konferenz in London vorgestellt.

Arm und Reich sind in Großbritannien weit auseinander

Dass die materielle Ungleichheit in Großbritannien im europäischen Vergleich groß ist, zeigen statistische Untersuchungen immer wieder. So liegt der sogenannte Gini-Koeffizient, eine häufig verwandte Messgröße für die Einkommensverteilung, auf der Insel deutlich höher als etwa in Deutschland und Frankreich. Der konservativ-liberalen Regierungskoalition des britischen Premierministers David Cameron wird immer wieder vorgeworfen, sie habe mit ihrem harten Sparkurs der vergangenen Jahre die Wohlstandslücke im Land größer gemacht.

Die Ursachen reichen aber sehr viel weiter zurück: Vor allem in den achtziger Jahren unter der damaligen konservativen Regierungschefin Margaret Thatcher entwickelten sich die Einkommen in Großbritannien stark auseinander. Die „Eiserne Lady“, die das Land zwischen 1979 und 1990 regierte, war eine überzeugte Anhängerin der freien Marktwirtschaft. Sie  setzte eine radikale Liberalisierungs- und Reformpolitik ins Werk, die der am Boden liegenden britischen Wirtschaft neues Leben einhauchte. Allerdings waren die wirtschaftlichen Früchte der Thatcher-Reformen sehr ungleich verteilt. Die Grundlinien dieser liberalen Wirtschaftsordnung haben in Großbritannien bis heute Bestand. Auch mehr als ein Jahrzehnt unter den sozialdemokratischen Premierministern Tony Blair und Gordon Brown machten die während der Thatcher-Ära entstandenen Wohlstandsunterschiede nicht rückgängig.

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Auch die OECD, der Zusammenschluss der Industrieländer, veröffentlichte am Donnerstag neue Zahlen, die darauf hindeuten, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich weiter geöffnet hat: 2011 lag das Einkommen der reichsten 10 Prozent der Bevölkerung in den 34 OECD-Staaten 9,6 Mal so hoch wie das der unteren 10 Prozent. 2007 hatte diese Relation, die auch Sozialleistungen einbezieht,  noch bei 9,3 gelegen. In Deutschland ist die Einkommensungleichheit mit einem Faktor von 6,9 deutlich geringer als im OECD-Durchschnitt.

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