24.11.2005 · Die Bahn will ihre Tickets zukünftig auch in großstädtischen „Kiezlagen“ verkaufen. Mit den neuen Läden versucht man, notorische Nichtfahrer in die Züge zu locken. In Frankfurt eröffnet ein erstes „Mobility Center“.
Die Züge rollen auch künftig nur bis an die Bahnsteigkante. Im Werben um mehr Fahrgäste will die Bahn den Kunden jetzt aber weiter entgegenkommen - in die Einkaufsstraßen zwischen Blumengeschäften und Bäckereien. In Frankfurt öffnet der bundeseigene Konzern an diesem Samstag das erste „DB Mobility Center“, einen Laden mit Tickets und anderen Angeboten vom Leihfahrrad bis zum Mietauto. Ansprechen soll der Test vor allem Großstädter, die ICE und Intercity bisher nur von außen kennen. Fahrgastvertreter begrüßen die Idee, fordern aber eine Ausdehnung auch auf kleinere Städte.
„Wer gar nicht daran denkt, Zug zu fahren, geht auch nicht zum Bahnhof“, sagt Ralf Klein-Bölting, Marketing-Generalbevollmächtigter des Konzerns. Bahnchef Hartmut Mehdorn erläutert das Konzept: „Mit dem DB Mobility Center erreichen wir vor allem die Menschen, die bisher nicht Bahn fahren. Wir sprechen sie direkt in ihrem Stadtgebiet an und beraten sie umfassend.“ Geplant sind Läden in Großstädten, insbesondere in in so genannten
Kiezlagen. Darüber hinaus bereitet die Bahn auch die Eröffnung kleiner Verkaufsstellen in Top-Einkaufslagen vor.
Tickets an der Kneipenmeile
Das Potenzial der neuen Verkaufsstrategie ist enorm: Zwar zählt der Fernverkehr jährlich 115 Millionen Reisende. Doch rund 60 Prozent der Deutschen sind noch nie oder schon lange nicht mehr in einen Zug gestiegen, wie Umfragen ergaben. Dabei buchen junge Leute und Ältere noch recht häufig. Doch bei den über 35-Jährigen machen besonders viele einen Bogen um Ticketschalter und Automaten.
Vor allem solche Nichtkunden will die Bahn künftig in „Mobility Centern“ umwerben. „Man kann sich ganz in Ruhe informieren“, sagt Jürgen Büchy, Vertriebschef des Personenverkehrs. Der Testladen in Frankfurt liegt an der Bergerstraße, einer Kneipen- und Einkaufsmeile etwas außerhalb der eigentlichen City. Und hinter dem Schaufenster gibt es Sitzecken, einen Kaffeeautomaten und Internet-Terminals, um Online-Buchungen auszuprobieren. Zu haben sind auch Urlaubsreisen auf der Schiene und Souvenirs von der Uhr bis zur Miniaturlokomotive.
Umstrukturierung des Verkaufs
Daß sich an ungewohnten Orten neue Kunden anlocken lassen, hat die Bahn im Frühjahr erlebt. Bei einer Werbeaktion beim Discounter Lidl gingen binnen Stunden mehr als eine Million Billigtickets weg - gut die Hälfte der Schnäppchenjäger wäre laut Befragungen sonst nicht Zug gefahren. Beim Trubel im Supermarkt zählte allein der Preis. Die neuen Läden sollen aber vor allem persönliche Beratung bieten. „Das ist überfällig und eine gute Sache“, sagt Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. Aber gebraucht würden Mobilitätszentren nicht nur in Metropolen, sondern auch auf dem Land.
Vor allem in kleineren Städten hatte die Bahn in den vergangenen Jahren zum Ärger vieler Kunden Ticketschalter mangels Rentabilität dichtgemacht. Verkauften Reisezentren vor fünf Jahren noch 54 Prozent aller Fahrscheine, sind es heute 37 Prozent. Im Gegenzug verdoppelte sich der Umsatz an Ticketautomaten auf 1,2 Milliarden Euro, Internet- Buchungen vervielfachten die Erlöse auf 450 Millionen Euro. Wie groß das Netz der „Mobility Center“ einmal werden könnte, ist offen. Die französische Staatsbahn SNCF betreibt 250 ähnliche „Boutiquen“. Das Kundenecho hier zu Lande will die Bahn aber vorerst behutsam testen und nur eine Hand voll Standorte eröffnen, darunter in Berlin.
Konkurrenz mit Reisbüros vermeiden
Den rund 3200 Reisebüros mit Bahnlizenz sollen die DB-Läden nicht in die Quere kommen, wie Vertriebschef Büchy versichert. „Wir suchen Standorte, wo es keine unmittelbare Konkurrenz gibt.“ Wenn das neue Konzept zusätzlich Kunden gewinne, profitierten alle Verkaufsstellen. Der Deutsche Reisebüro- und Reiseveranstalter-Verband will dennoch ein Auge auf die Entwicklung haben. Aus Sicht von Pro Bahn müßten in einem echten Mobilitätszentrum auch Tickets privater Bahnkonkurrenten zu haben sein.
Die Fahrt der eigenen Fernzüge verfolgt Bahnchef Hartmut Mehdorn derweil durchaus zufrieden. Die einstige Sorgensparte holt im Kampf mit den Billigfliegern weiter auf und zählte bis Ende September rund 700.000 Fahrgäste mehr als ein Jahr zuvor. Noch während Mehdorn am Donnerstag das neue Center in Frankfurt vorstellte, zogen jedoch an anderer Stelle Probleme auf. Die neue Koalition in Berlin diskutiert über massive Kürzungen der Bundeszuschüsse für den Nahverkehr. Das bedroht einen der wichtigsten Ertragsbringer der Bahn - und träfe damit am Ende womöglich auch die Pläne für einen Börsengang.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.428,90 | −1,21% |
| EUR/USD | 1,2393 | −0,77% |
| Rohöl Brent Crude | 103,26 $ | −3,36% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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