30.11.2008 · Wir stehen vor der schlimmsten Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik. Jetzt muss der Staat handeln. Und die Bürger zum Einkaufen animieren.
Von Christian Siedenbiedel und Patrick BernauNun muss der Staat helfen, denn die Lage ist dramatisch. Auch wenn sich auf der Straße noch keine Schlangen von Arbeitslosen bilden und sich noch keine Spekulanten erschießen wie in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 - es droht eine Rezession, wie sie die Bundesrepublik noch nicht gesehen hat. "In einigen Branchen sind die Aufträge um 60 Prozent eingebrochen", sagt Michael Hüther, der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. "Die Unternehmen kommen gar nicht so schnell hinterher, ihre Kapazitäten anzupassen."
Täglich neue Schreckensmeldungen. Die Firmenteile der Tageszeitungen malen tiefschwarz. Opel steht am Abgrund. BASF schließt vorübergehend 80 Anlagen. Und selbst Daimler verkündet Kurzarbeit. Nächstes Jahr stehen Massenentlassungen bevor: Jedes dritte Unternehmen will Stellen streichen. Die nüchterne Bundesbank spricht vom "größten Abschwung der Nachkriegsgeschichte".
Ausgerechnet jetzt versagt die Zentralbank
Ausgerechnet jetzt versagt die Institution, auf die im Abschwung sonst alle setzen: die Zentralbank. In normalen Zeiten kann sie die Zinsen senken - und die Unternehmen investieren wieder, weil Kredite billiger werden. Aber in dieser Krise ist nichts normal. Die Welt hat schon einen Zinssenkungswettlauf hinter sich. Jetzt sind die Zinsen überall niedrig. Trotzdem investieren die Unternehmen nicht.
"Die Geldpolitik wirkt nicht wie sonst", sagt Dirk Schumacher, Deutschland-Chefvolkswirt von Goldman Sachs. Das Geld, das die Zentralbanken billig abgeben, kommt bei den Unternehmen nicht an. Die Banken sind wegen der Finanzkrise in der Kreditvergabe vorsichtig geworden. Und an den Kapitalmärkten verlangen die Investoren hohe Risikoaufschläge. Beispiel BMW: Noch vor einem Jahr musste der bayerische Autohersteller weniger als fünf Prozent Zinsen zahlen, wenn er eine Anleihe auflegen wollte. Jetzt sind es fast neun Prozent.
Widerwillig zurück zu Keynes
In dieser Lage empfehlen selbst Ökonomen, die sonst wenig mit John Maynard Keynes (1883 bis 1946) im Sinn haben, auf den britischen Altmeister zu hören (Wege aus der Rezession: Zurück zu Keynes?). "Keynesianische Situation" nennen sie eine Lage, in der Zinssenkungen die Konjunktur nicht mehr beflügeln. Keynes malt für solche Fälle ein düsteres Szenario: Die Unternehmen investieren nicht mehr, viele gehen pleite, die Arbeitslosigkeit steigt, der Konsum bricht ein. Eine Abwärtsspirale beginnt. Jetzt muss der Staat Vertrauen schaffen, meint Keynes. Er muss selbst die Produktion anstoßen - und so Arbeit und Einkommen schaffen.
Darum diskutiert Deutschland über ein Konjunkturprogramm. So, wie es die Amerikaner seit längerem praktizieren. Zum ersten Mal seit 20 Jahren sprechen sich sogar die fünf Wirtschaftsweisen für ein solches Programm aus. Selbst Bundesbankpräsident Axel Weber, der sich sonst mit Empfehlungen für die Politik sehr zurückhält, fordert von der Bundesregierung mehr Aktivität. Ein 25-Milliarden-Programm hat Berlin bereits aufgelegt. Aber das reicht offenkundig nicht. Die Wirtschaftsweisen nennen das Paket "putzig", die FDP nennt es "mickrig". Und auch internationale Organisationen von der Europäischen Union bis zur OECD drängen, es müsse mehr kommen.
Der leichte Weg führt in die Irre
Aber was? Politiker lassen sich besonders gern Investitionsprogramme einfallen. Der Staat macht Schulden und baut neue Autobahnen, Bahnlinien oder Schulen. Dann bekommt jeder Abgeordnete in seinem Wahlkreis Lob dafür, dass er ein "wichtiges Projekt für die Region" durchgesetzt hat.
Dieser Weg ist leicht - führt aber in die Irre. Der Internationale Währungsfonds hat die Erfahrungen mit solchen Programmen aus 40 Jahren rund um den Globus ausgewertet. Sein Ergebnis: Investitionsprogramme wirken zwar, aber oft zu spät. Erst muss die Autobahn geplant, das Geld bereitgestellt und der Auftrag ausgeschrieben werden. Bis die Arbeit beginnt, ist die Rezession in der Regel vorbei. Schneller geht's, wenn der Staat den Menschen das Geld, das er ihnen in Form von Steuern abgenommen hat, direkt zurückgibt. Zusätzlicher Pluspunkt: Die Leute können es verwenden, wofür sie wollen. Sparen sie einen Teil, kommt es wenigstens den Banken zugute, die dann selbst wieder leichter Kredite vergeben. Den Rest geben die Bürger aus und erfreuen den Handel.
Die Lust am Einkaufen haben die Deutschen nämlich trotz der Krise nicht verloren. "Der Konsum liefert noch einen positiven Beitrag zum Wachstum", bestätigt Kai Carstensen, Konjunkturchef beim Ifo-Institut. Die Leute glauben eher, was sie an der Tankstelle oder im Einkaufszentrum sehen, als was sie über die Krise lesen. Schließlich zahlt man für einen Liter Benzin statt 1,60 Euro wie noch im Sommer nur noch 1,16 Euro. Das stabilisiert die Konsumlaune. Zudem haben viele dieses Jahr noch einmal eine ordentliche Gehaltserhöhung bekommen.
Steuern senken?
Größere Anschaffungen allerdings zögern die Leute hinaus: Der Küchenbauer Poggenpohl berichtet, er habe zwar noch genügend Aufträge, es kämen aber weniger neue. Und wenn im nächsten Jahr viele arbeitslos werden, dürfte die Kauflaune schnell dahin sein.
Darum muss im richtigen Moment frisches Geld in die Taschen der Bürger kommen, fordern Ökonomen. Auch das kann nicht alle Probleme lösen: Ein Ansturm auf die Einkaufszentren kann wenigstens Jobs im Handel bringen.
Manch einer verlangt deshalb: Senkt die Steuern. Das ist für die Bürger immer gut - hat aber als Konjunkturprogramm einen Nachteil. Wenn die Einkommensteuer sinkt, geht das Geld zu großen Teilen an Menschen, die relativ viel verdienen. Die aber geben nur einen kleinen Teil davon aus.
Die Mehrwertsteuer senken? Das machen die Briten zu Weihnachten. Aber damit das wirkt, müssen die Läden dann auch ihre Preise senken. Das ist ein Risiko. Außerdem merken die Menschen gar nicht richtig, dass der Staat etwas getan hat. Da fehlt ein fühlbarer Ruck.
Ein Ruck wäre wichtig
Der Ruck aber ist wichtig, findet der Bonner Verhaltensökonom Armin Falk. Er testet in Versuchen, wie Menschen mit ihrem Geld in der Praxis umgehen. Er kommt zu dem Schluss, die Finanzämter sollten Schecks oder Einkaufsgutscheine an die Bürger verschicken. "Das ist viel konkreter als abstrakte Steuervergünstigungen. Es erinnert mich daran, dass ich Konsumchancen habe."
Der Fanclub der Schecks reicht inzwischen vom Wirtschaftsweisen Peter Bofinger bis zu Bundesbankpräsident Axel Weber. Der Chefvolkswirt der OECD, Klaus Schmidt-Hebbel, gehört ebenso dazu wie Clemens Fuest, der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Finanzministeriums.
Die amerikanische Regierung hat schon im Sommer solche Schecks verschickt - und damit immerhin erreicht, dass durchschnittliche Familien innerhalb von vier Wochen vier Prozent mehr konsumierten als sonst, wie Chicago-Ökonom Christian Broda errechnet hat. Die Rezession wurde nicht verhindert - aber abgefedert.
Allerdings: Die Kanzlerin müsste die Schecks mit den richtigen Worten ankündigen. Sie müsse Zuversicht verbreiten, findet Verhaltensökonom Falk. Ein bisschen weniger vom griesgrämigen Wirtschaftsminister Glos. Ein bisschen mehr vom strahlenden Präsidenten Obama. Dann ist fürs nächste Jahr noch nicht alles verloren.
John Maynard Keynes: Vater aller Konjunkturprogramme
Lange war er aus der Mode. Auf einmal berufen sich wieder alle auf ihn. Die Finanz- und Konjunkturkrise beschert dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883 bis 1946) ein Comeback. Schließlich war Krise sein Lebensthema. Keynes hatte die Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre erlebt und wusste, wie hilflos die Ökonomen vor der Katastrophe standen.
1936 erschien seine „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“. Darin deutet er die Krise - die in manchem Parallelen zur heutigen Situation aufwies. Keynes meinte: Wenn die Menschen zu viel Angst um die Wirtschaft haben, kann eine Abwärtsspirale beginnen. Die Unternehmen investieren trotz niedriger Zinsen nicht, weil sie keine Absatzmärkte sehen. Das kostet Arbeitsplätze. Je mehr Menschen arbeitslos werden, desto weniger kaufen sie ein. Und desto mehr Unternehmen kommen in Schwierigkeiten. Nur der Staat kann den Kreislauf durchbrechen - indem er sich Geld leiht und es ausgibt.
Konjunktur
Klaus Hill (morchel)
- 30.11.2008, 13:39 Uhr
Kein Strohfeuer entfachen !!!
Jürgen Rieger (Riegerparis)
- 30.11.2008, 14:30 Uhr
Konsum ist nur die halbe Lösung ...
Sen Inno (sen_inno)
- 30.11.2008, 14:50 Uhr
Verantwortungsabgabe an Dritte (wie Staat, Bank) schafft kein Marktvertrauen!
Closed via SSO (Morrissey)
- 30.11.2008, 15:35 Uhr
Ich hab ...
Frank Geiser (geiser123)
- 30.11.2008, 15:57 Uhr
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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