Der Neurologe Karl Max Einhäupl kennt noch die goldenen Zeiten. "Als ich studiert habe, galt: Wenn du dein Physikum bestanden hast, dann hast du dein sehr gutes Auskommen sicher", erzählt der Vorstandsvorsitzende des Berliner Universitätsklinikums Charité. "Das kann man heute nicht mehr behaupten." Er will damit nicht sagen, dass die Ärzte verarmen. Doch er zeigt, was sich verändert hat, seit die Ausgaben im Gesundheitssystem immer stärker reguliert werden: Die Zeiten, in denen Ärzte automatisch Spitzenverdiener waren, sind vorbei.
Im Krankenhaus haben vor allem die Chefs verloren. "Früher haben einige Chefärzte durchaus eine Million Euro und mehr eingenommen. Das schaffen jetzt nur noch wenige", sagt Einhäupl. Der Grund: Wer heute Chefarzt wird, darf seine Privatpatienten häufig nicht mehr privat abrechnen. Damit versiegt eine bedeutende Einnahmequelle.
Der Traum vom Porsche - vorbei
Für die niedergelassenen Ärzte war der Traum vom Porsche vor der Praxis schon früher vorbei. Im Jahr 1993 endete für sie die Niederlassungsfreiheit. Von da an konnten sie eine Praxis für gesetzlich Versicherte nur noch eröffnen, wenn ein Bedarf ermittelt war - eine Reform des damaligen Gesundheitsministers Horst Seehofer, um die Zahl der Ärzte zu begrenzen.
Er erreichte das Gegenteil: Panisch ließen sich kurz vor der Reform Tausende Ärzte nieder. Im Jahr 1993 stiegen die Neuzugänge um elf Prozent. Das wurde schnell zum Problem. Denn das Honorar, das die gesetzlichen Kassen den Praxen zugestanden, stieg zwar weiterhin im gewöhnlichen Maß. Doch plötzlich musste es für mehr Ärzte reichen. Die Selbstverwaltung der Ärzte, die das Geld verteilt, musste rationieren. Manch eine Praxis erlitt in den folgenden Jahren Gewinneinbrüche um zehn Prozent. Seitdem gilt: In vielen Praxen wird schlechter verdient als in der Klinik.
Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass sich ein Medizinstudium heute nicht mehr lohnt. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagt: "Es gibt wenige Berufe, in denen man als Angestellter in relativ unkündbarer Position ähnlich hohe Einkünfte generieren kann." Er hat recht. Angestellte Ärzte verdienen im Schnitt mehr als viele andere Akademiker, etwa Architekten oder Ingenieure, sogar mehr als Berater. Anwälte und Manager liegen hingegen noch darüber. Wer heute Chefarzt ist, kann sich auch nicht beklagen. Laut einer Vergütungsstudie der Unternehmensberatung Kienbaum verdient er durchschnittlich 266 000 Euro brutto im Jahr. Das ist etwa so viel, wie der Geschäftsführer eines Wirtschaftsunternehmens bekommt.
In der Arztpraxis kann man verdienstmäßig nicht ganz so hoch aufsteigen. Nach Hochrechnungen des Marktanalysten Rebmann Research warf sie im Jahr 2007 für den Allgemeinmediziner im Schnitt einen Gewinn von 107 202 Euro ab, für den Orthopäden von 134 246 Euro. Davon muss er zwar noch Steuern, seine Altersvorsorge und die Krankenversicherung bezahlen. Ein schlechter Verdienst ist das trotzdem nicht. Die Reichtumsgrenze des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung würde der Durchschnittsarzt, wenn er Single ist, locker knacken - sie ist allerdings auch niedrig gewählt. Von der populäreren Reichtumsgrenze von einer Million Euro ist er hingegen weit entfernt. Lauterbach fasst die Lage so zusammen: "Reich wird man als Arzt heute nur noch in Ausnahmefällen. Aber wohlhabend kann man durchaus werden."
Auf der Straße: Unterdurchschittlich bezahlte Ärzte
Dass Ärzte trotzdem für mehr Geld auf die Straße gehen oder ihre Praxen schließen, hat nicht nur mit Träumen von alten Spitzenverdiensten zu tun. Es sind vor allem die unterdurchschittlich bezahlten Ärzte, die sich beschweren. Das sind nicht wenige.
Die Honorare sind extrem ungleich und ungerecht verteilt. Das trifft besonders die niedergelassenen Ärzte. So kann es sein, dass der Radiologe in Frankfurt-Mitte nur lächeln kann, wenn er sich mit dem Durchschnitt vergleicht, der Allgemeinmediziner in Berlin jedoch schlucken muss. Radiologen und Laborärzte verdienen im Schnitt sehr gut. Anderen geht es schlechter. "Es ist nicht unbedingt ratsam, sich als Kinderarzt niederzulassen, wenn man drei Kinder hat, denen man das Studium finanzieren muss", sagt etwa Einhäupl. Zudem ist das Honorar auch noch ungleich über Deutschland verteilt: der Süden verdient mehr als der Norden, der Westen mehr als der Osten.
Das wäre nicht weiter schlimm, wenn diese Ungleichheit durch unterschiedliche Leistung der Ärzte entstünde. Doch damit hat das Honorar im überregulierten Sektor nur noch wenig zu tun. Nicht der verdient am meisten, der am meisten leistet, sondern der, dessen Standesvertreter die beste Lobbyarbeit geleistet haben. Oder der, der Glück hat, weil die Kassenärztlichen Vereinigungen, die Krankenkassen oder die Politik seine Art zu wirtschaften gerade unterstützen. Dazu kommt, dass sich ständig ändern kann, wer Glück hat - wie durch die neue Honorarreform. "Die Verunsicherung der Ärzte ist sehr groß", sagt Lauterbach.
Die Aussichten werden besser
Trotzdem ist es übertrieben, aus Angst um den Verdienst nun dem Arztberuf abzuschwören. Denn die Aussichten werden besser. Gesundheit ist den Deutschen viel wert. Gleichzeitig gibt es schon jetzt vielerorts zu wenig Ärzte. Die meisten Krankenhäuser haben offene Stellen; auf dem Land und in Ostdeutschland fehlen Mediziner. Deshalb sind die Honorare für niedergelassene Ärzte in der Summe im vergangenen Jahr stark gestiegen und werden das auch 2009 tun. Deshalb haben sich in den vergangenen Jahren gerade die Gehälter der jüngeren Ärzte in der Klinik verbessert. Und deshalb sagt Jörg Debatin, der Ärztliche Leiter des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf: "Es ist noch nie so gut gewesen wie jetzt, mit dem Medizinstudium zu beginnen. Der Ärztemangel wird stärker. Und wer rar ist, der wird auch besser bezahlt."
Altersvorsorge
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