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Vereinigte Staaten Teuer und mittelmäßig

02.02.2010 ·  46 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung - für Barack Obama ein entscheidender Grund für die Reform des Gesundheitswesens. Der Reformdruck steigt auch deshalb, weil die Medizintechnik besser und damit immer teurer wird.

Von Norbert Kuls, New York
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Der amerikanische Präsident Barack Obama lässt bei seinem wichtigsten innenpolitischen Projekt nicht locker. In der Rede zur Lage der Nation beschwor er die Kongressabgeordneten, die nach einer Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse im Senat gefährdete Gesundheitsreform doch noch zu verabschieden und allen Amerikanern eine Krankenversicherung zu ermöglichen. "Wenn ich heute Abend meine Rede beendet habe, werden weitere Amerikaner ihre Krankenversicherung verloren haben. Millionen werden sie in diesem Jahr verlieren. Die Versicherungsprämien werden steigen. Zuzahlungen werden steigen. Patienten werden nötige Behandlungen verweigert werden", beschrieb Obama die Lage des amerikanischen Gesundheitssystems.

Dabei wird in den Vereinigten Staaten sehr viel Geld für Gesundheit ausgegeben. Die Ausgaben im Gesundheitswesen belaufen sich auf rund 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In keinem anderen entwickelten Land ist dieses Verhältnis so hoch. In Deutschland, das nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auch zur Spitzengruppe bei den Gesundheitskosten zählt, summieren sich die Ausgaben nur auf 10,4 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung. Im Gegensatz zu Deutschland waren in den Vereinigten Staaten nach behördlichen Angaben zuletzt aber knapp 46 Millionen Menschen, etwas mehr als 15 Prozent der Bevölkerung, nicht krankenversichert. Dazu kommt ein bedeutender Teil der Bevölkerung, der unterversichert ist. Kosten für medizinische Behandlungen sind der Hauptgrund für Privatinsolvenzen in Amerika.

„Es ist auf jeden Fall schlimmer geworden“

Die meisten Amerikaner, knapp 60 Prozent, sind über ihren Arbeitgeber oder den Arbeitgeber des Ehepartners oder der Eltern bei privaten Krankenversicherungen versichert. Staatliche Versicherungen gibt es seit Mitte der sechziger Jahre auch. Sie beschränken sich allerdings weitgehend auf Senioren (Medicare) und Arme (Medicaid). Etwas mehr als ein Viertel der Bevölkerung nutzt diese Dienste. Seit den neunziger Jahren gibt es zudem ein Versicherungsprogramm für Kinder und Jugendliche aus bedürftigen Familien, deren Einkommen die Höchstgrenzen für Medicaid übersteigt, aber zu gering ist, um die Beiträge für eine private Versicherung zahlen zu können. Angehörige des Militärs und Veteranen sind auch staatlich krankenversichert.

Die Leistungen des amerikanischen Gesundheitssystems halten allerdings nicht mit den Kosten mit. Die Kindersterblichkeit in den Vereinigten Staaten ist höher und die durchschnittliche Lebenserwartung geringer als in anderen Industrieländern. Vor zehn Jahren rangierte das amerikanische Gesundheitssystem laut der Weltgesundheitsorganisation WHO bei der allgemeinen Leistung nur auf Rang 37 unter 191 Mitgliedstaaten.

Wer mit Amerikanern spricht, bekommt den Eindruck, dass sich die Lage seither noch verschärft hat. Die erfahrene New Yorker Ärztin Virgie Bright Ellington bemängelt, dass der Druck seitens der teilweise börsennotierten privaten Krankenversicherer die Zeit zu stark limitiert, die ein Arzt mit den Patienten verbringt. Die Folge: Patienten bekommen nicht die nötige umfassende medizinische Betreuung. "Um mehr Geld zu verdienen, muss der Versicherer von Patienten höhere Prämien und Zuzahlungen verlangen oder die Ärzte schlechter bezahlen. Gewöhnlich ist es eine Kombination", sagt Bright Ellington. Auch Versicherte spüren diesen Druck. "Es ist auf jeden Fall schlimmer geworden", sagt Michael Rustin, ein New Yorker Sozialarbeiter. Früher übliche Versicherungsleistungen, etwa für den Zahnarzt, seien gestrichen worden. Die Auswahl der Ärzte wurde eingeschränkt. Gleichzeitig werden Arbeitgeber und Versicherte stärker zur Kasse gebeten.

Notaufnahmen überfüllt

Gleichzeitig sorgen die vielen Nichtversicherten dafür, dass die Notaufnahmen der Krankenhäuser überfüllt sind. Dieses Phänomen ist einer der Gründe für die hohen Kosten des amerikanischen Gesundheitssystems. Krankenhäuser sind seit den achtziger Jahren gesetzlich verpflichtet, in Notfällen jeden Patienten zu versorgen - unabhängig von seiner Fähigkeit zu zahlen. Mehr als die Hälfte der in der Regel teureren Notfallbehandlungen in Krankenhäusern wird aber nicht bezahlt. Das hat zu Schließungen von Hospitälern sowie zu einer Verlagerung der Kosten auf versicherte Patienten geführt.

Auch die Kosten für verschreibungspflichtige und patentierte Medikamente tragen zum hohen Kostenniveau des Gesundheitssystems bei. Pharmaverbände argumentieren, dass die hohen Preise notwendig seien, um Forschung und Entwicklung zu finanzieren. Ausgaben für Medikamente tragen aber nur ein Zehntel zu den gesamten Kosten im amerikanischen Gesundheitswesen bei. Den größten Block, mehr als die Hälfte, stellen Ausgaben für Krankenhäuser und ärztliche Dienstleistungen. Die Haushaltsbehörde des Kongresses führt die Hälfte des Kostenwachstums in den vergangenen Jahrzehnten auf technologischen Fortschritt bei der medizinischen Versorgung zurück. Als weiterer Grund gilt die fragmentierte Versicherungslandschaft in den Vereinigten Staaten. Das führt zu höheren Verwaltungskosten. Zudem resultiert daraus eine im internationalen Vergleich schwache Käuferseite. Den Versicherern stünden teilweise nahezu monopolistische Anbieter wie große Hospitalketten gegenüber, heißt es in einer Studie. Die staatlichen Versicherer Medicare und Medicaid hätten zwar mehr Einfluss bei der Verhandlung der Preise für Dienstleistungen. Staatlich kontrollierte Gesundheitssysteme wie in Kanada oder Europa hätten allerdings wesentlich mehr Macht als Käufer, weil es sich dort um ein Nachfragemonopol handele.

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Jahrgang 1965, Finanzmarktkorrespondent in New York.

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