25.06.2010 · Nach wochenlangen Debatten hat sich der amerikanische Kongress auf eine Finanzmarktreform geeinigt. Die Verhandlungsführer mussten die verschiedenen Entwürfe aus Repräsentantenhaus und Senat in Einklang bringen. Das Gesetz gilt nach der Gesundheitsreform als das zweite große Vorhaben von Obama.
Kurz vor dem G-20-Gipfel hat der amerikanische Kongress bei der Reform der Finanzmärkte einen Durchbruch erzielt. Der Vermittlungsausschuss von Senat und Repräsentantenhaus einigte sich am Freitag in den frühen Morgenstunden auf einen gemeinsamen Gesetzentwurf, der die Branche nach der dramatischen Finanzkrise an eine kürzere Leine legt. In den Verhandlungen schwächten Abgeordnete und Senatoren zwar zentrale Vorgaben ab. Das Gesetz gilt dennoch als die bislang umfangreichste Lektion aus der Krise und ist nach der Gesundheitsreform das zweite große Vorhaben der Regierung von Präsident Barack Obama.
Im Kern sieht die Reform die Schaffung einer Verbraucherschutzbehörde unter dem Dach der amerikanischen Notenbank vor. Ein Regulierungsrat soll dazu über mögliche Risiken für das Finanzsystem wachen. Der Eigenhandel der Banken - also der Handel mit Geld und Wertpapieren, den die Finanzinstitute nicht im Namen von ihren Kunden, sondern auf eigene Rechnung ausführen - wird eingeschränkt. Der Handel mit komplexen Finanzinstrumenten wird schärferen Regeln unterworfen. Die Regierung erhält zudem neue Vollmachten, kollabierende Finanzinstitutionen zu übernehmen und abzuwickeln.
Der Gesetzentwurf wird nun noch einmal in beiden Kammern des Parlaments zur Abstimmung gestellt. Es wird erwartet, dass dies zügig und ohne Änderungen geschieht. Damit kann Obama die Reform wie erhofft noch vor dem Nationalfeiertag am 4. Juli unterzeichnen.
Obama geht nach der Einigung mit Rückenwind in das Treffen der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer ab Samstag in Kanada. Eine strengere internationale Regulierung der Finanzmärkte steht bei den Verhandlungen ganz oben auf der Tagesordnung. Dort könnte Obama die Reform als Vorbild für andere Länder präsentieren. Obama hatte in Amerika mit seinem Veto gedroht, sollte das von ihm angestrebte Gesetz zur Finanzmarktreform nicht streng genug ausfallen.
Einschnitte bei Banken im Derivate-Handel moderat
Einer der letzten Knackpunkte war die strengere Regulierung des Derivate-Handels, bei der Senatoren und Abgeordnete erst nach Verhandlungen über die gesamte Nacht hinweg einen Kompromiss fanden. Demnach dürfen amerikanische Banken auch in Zukunft große Teile des lukrativen Geschäfts betreiben und müssen nur einen kleineren Bereich auslagern.
Swap-Geschäfte auf die Entwicklung von Devisen und Leitzinsen, Gold und Silber sowie zur Absicherung ihrer eigenen Risiken bleiben den Geldinstituten erlaubt. Abtrennen müssen sie lediglich Derivate auf landwirtschaftliche Produkte, Energie und Metalle, Aktien-Swaps und eine Reihe von CDS-Geschäften zur Versicherung gegen Zahlungsausfälle.
Die Branche war gegen eine umfangreiche Abtrennung der Geschäfte Sturm gelaufen, unter anderem aus Sorge, gegenüber ausländischen Anbietern in Nachteile zu geraten.
Gesetzentwurf des Senats war deutlich strenger
Der Vermittlungsausschuss schwächte in den vergangenen zwei Wochen auch die Vorgaben für die Ratingagenturen und geplante Einschnitte in die Macht der Notenbank Fed ein.
In all diesen Punkten war der erst im Mai verabschiedete Gesetzentwurf des Senats deutlich strenger ausgefallen als der Vorschlag des Repräsentantenhauses, der seit Dezember vorlag (siehe Senat verabschiedet Obamas Finanzreform). Die Fronten verliefen daher in dem Ausschuss auch weniger zwischen Demokratischer und Republikanischer Partei als zwischen den beiden Häusern des Parlaments.
In Toronto tagen die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) bis zum Sonntag. Ein zentrales Thema auf dem Gipfel ist die Regulierung der Finanzmärkte.
Die wichtigsten Einzelheiten der Reform
Im Folgenden die wichtigsten Einzelheiten des Gesetzentwurfs, auf den sich der Vermittlungsausschuss des Kongresses am Freitag verständigt hat:
- Ein großer Teil des Derivate-Handels muss künftig über Clearingstellen oder Börsen abgewickelt werden, um mehr Transparenz über Preise und Spekulationsblasen zu ermöglichen. Die Clearingstellen erhalten im Notfall Kredit von der Notenbank und sind damit besser abgesichert.
- Großbanken wie Goldman Sachs und JPMorgan Chase müssen sich von einem Teil des Derivatehandels trennen, dürfen aber die lukrativsten Geschäfte weiter betreiben. Dafür bleibt ihnen der Zugang zu einem staatlichen Rettungsfonds erhalten. Abspalten müssen sie Kontrakte auf landwirtschaftliche Produkte, Energie oder Metalle.
- Der Handel mit Finanzprodukten auf eigene Rechnung ohne Kundenauftrag - der Eigenhandel - wird den Banken verboten. Die Vorgabe schränkt das Wachstum der Institute ein, die den Staat in der Krise allein durch ihre Größe zum Eingreifen gezwungen haben (“too big to fail“). Auch das Engagement der Wall-Street-Konzerne bei Privatinvestoren und Hedgefonds wird damit beschnitten.
- Es wird ein Insolvenzverfahren für Finanzkonzerne eingeführt, das eine ordentliche Abwicklung in Fällen wie der Lehman-Pleite ermöglicht.
- Ratingagenturen wie Moody's, Standard & Poor's und Fitch müssen künftig verstärkt haften. Zudem wird die Abhängigkeit von ihren Bewertungen dadurch reduziert, dass Aufsichtsbehörden keinen ausdrücklichen Bezug mehr auf die Noten nehmen sollen. Dagegen wird eine schärfere Kontrolle der Agenturen aufgeschoben.
- Die Interessen der Kunden werden künftig von einer Verbraucherschutzbehörde geschützt. Sie wird Vorgaben für Hypotheken und Kreditkarten erlassen. Die Gebühren fürs Bezahlen per Kreditkarte werden gesenkt.
- Ein Rat aus Vertretern der wichtigsten Aufsichtsbehörden nimmt die gesamte Finanzbranche in den Blick. Bislang war die Kontrolle auf einzelne Bereiche beschränkt. Gescheitert ist die Schaffung einer zentralen Bankenaufsicht und die Verschmelzung der Börsenaufsicht SEC mit der für die Rohstoff-Märkte zuständigen CFTC.
- Privatinvestoren und Hedgefonds müssen sich bei Aufsichtsbehörden registrieren und ihre Geschäftsbücher offen legen. Ausgenommen sind Kapitalfonds.
- Banken müssen für Krisen mehr Eigenkapital vorhalten.
- Die Notenbank Fed wird gestärkt: Sie erhält mehr Kompetenzen zur Überwachung systemrelevanter Institute und wird Sitz der neuen Verbraucherschutzbehörde für Finanzprodukte. Dazu behält sie die Aufsicht über Banken aller Art. Die Krisen-Hilfen der amerikanischen Notenbank werden einer externen Überprüfung unterzogen, nicht aber ihre Zinspolitik.
- Auch die Börsenaufsicht SEC erhält mehr Macht: Sie übernimmt die Kontrolle über die Hedge-Fonds-Branche.
***
- Aufgeschoben hat der Kongress eine Umstrukturierung der beiden staatlichen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Das Thema soll gesondert angegangen werden.
- Gescheitert ist der Versuch, Immobilienbesitzer stärker vor überhöhten Hypothekenzinsen und Ratenzahlungen zu schützen. Finanzbranche und Republikaner setzten durch, dass Insolvenzgerichte hier nicht eingreifen dürfen.
Die Zeit war wieder auf Obamas Seite
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 25.06.2010, 15:14 Uhr
immerhin hat Obama
Thomas Gehrenberg (tgehrenberg)
- 25.06.2010, 16:53 Uhr
Warum hat sich Obama nicht mit Merkel abgestimmt?
Horst Henn (glufa)
- 25.06.2010, 18:47 Uhr
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