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Vereinigte Staaten Arbeit im Alter ist Luxus - nicht Last

18.07.2007 ·  Wenn die angebliche Härte des Kapitalismus in der amerikanischen Gesellschaft angeprangert werden soll, wird schnell das Bild vom hart schuftenden Rentner bemüht. Doch die meisten Senioren arbeiten in den Vereinigten Staaten nicht aus finanzieller Not. Der Wunsch, aktiv zu bleiben, treibt die Rentner an.

Von Claus Tigges, Washington
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Das Bild vom hart schuftenden amerikanischen Senior wird in Deutschland und anderswo gern bemüht, um die angebliche Härte des Kapitalismus und eine mangelnde Solidarität in der amerikanischen Gesellschaft anzuprangern. Von alten Menschen ist dann oft die Rede, die trotz eines langen, anstrengenden Berufslebens kein Auskommen hätten und die deshalb keine andere Wahl hätten, als im Supermarkt die Tüten einzupacken oder sich an die Kasse irgendeines anderen Ladens zu setzen. Dass es sich dabei um ein Zerrbild der Wirklichkeit handelt, belegen inzwischen ökonomische Studien, auf die jüngst die Federal Reserve Bank von St. Louis aufmerksam gemacht hat.

Nicht finanzielle Not zwingt viele Senioren zur Arbeit auch nach dem Erreichen der offiziellen Altersgrenze - die je nach Geburtsdatum zwischen 65 (Jahrgänge 1937 und älter) und 67 (1960 und danach) Jahren liegt - sondern der Wunsch, weiterhin aktiv zu sein und eine Aufgabe zu haben. Zwar sind heutzutage mehr Männer und Frauen im Alter zwischen 60 und 69 Jahren in Teilzeit beschäftigt als zu Beginn der achtziger Jahre. Nur ein verschwindend geringer Anteil von 3 Prozent der 65 bis 69 Jahre alten Senioren aber nennt wirtschaftliche Gründe dafür.

Teilzeitarbeiter deutlich wohlhabender als andere

Viele Amerikaner wählen aus freien Stücken den Übergang von einer Vollzeit- zu einer Teilzeitbeschäftigung im Alter, statt sich sofort vollständig zur Ruhe zu setzen. Leora Friedberg, Autorin einer der Analysen, kommt zu dem Schluss, dass Teilzeitarbeit im Alter eher ein Luxus als eine Notwendigkeit ist. Dafür spricht auch der Umstand, dass jene Älteren, die sich zu einer Teilzeitarbeit im Rentenalter entschließen, gemessen am Gesamtvermögen im Durchschnitt deutlich wohlhabender sind als Ruheständler.

Eine finanzielle Notwendigkeit zur Arbeit besteht vielfach nicht. In einer anderen Studie zum Thema erläutert Nicole Maestas, dass Senioren die Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung nach Erreichen des Rentenalters tendenziell sogar eher überschätzen. Rund ein Drittel der Amerikaner im Rentenalter hatte sich einer Umfrage zufolge darauf eingestellt, weiter zu arbeiten, tat dies dann aber letztlich doch nicht. Rund 80 Prozent der arbeitenden Senioren hatten dies auch beabsichtigt.

Freiwillige Entscheidung im Übergang zum Ruhestand

„Unter dem Strich haben wirtschaftliche Faktoren wie unerwartete finanzielle Härten oder eine schlechte Altersvorsorge die Erwartungen an einer Erwerbstätigkeit im Rentenalter nicht beeinflusst. Meist beruht Teilzeitarbeit im Alter auf einer freiwilligen Entscheidung im Übergang zum Ruhestand“, fasst Kristie Engemann von der Fed in St. Louis zusammen. Die Ergebnisse bedeuten freilich nicht, dass es in Amerika keine Fälle von Altersarmut gibt und für manche Menschen die Notwendigkeit zur Arbeit in einem Alter besteht, in dem gemeinhin der Lebensabend genossen wird.

So verbreitet wie verschiedentlich dargestellt ist dies aber nicht. Und die mächtige und einflussreiche Lobbyorganisation der amerikanischen Senioren, AARP, fördert sogar nach Kräften die Arbeit von Senioren. In vielen Bundesstaaten hat AARP damit begonnen, Unternehmen auf die Folgen des demographischen Wandels einzuschwören und sie darauf hinzuweisen, dass das Durchschnittsalter der Belegschaft unweigerlich steigen wird.

„Ältere können gar Wettbewerbsvorteil verschaffen“

Eine Umfrage der AARP unter 400 Unternehmen im Bundesstaat New York förderte unter anderem zutage, dass zwar fast zwei Drittel damit rechnen, innerhalb der kommenden fünf Jahre Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierter Mitarbeiter zu bekommen. Nicht einmal ein Viertel aber hat sich bisher darauf eingestellt, die Schwierigkeiten zu meistern, die sich aus dem Erreichen des Rentenalters der geburtenstarken Jahrgänge, der sogenannten Baby Boomer, ergeben werden.

11 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, Mitarbeitern Anreize zu einem Aufschub des Ruhestands zu bieten. Knapp 40 Prozent bieten ihren älteren Mitarbeitern demnach eine Teilzeitbeschäftigung an, tun dies aber meist nur fallweise und nicht im Rahmen eines formellen Programms. „Der Rückgriff auf ältere Arbeitnehmer zum Schließen der drohenden Lücke mag Unternehmen sogar einen Wettbewerbsvorteil verschaffen“, argumentiert der Seniorenverband.

Quelle: F.A.Z., 18.07.2007, Nr. 164 / Seite 10
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