http://www.faz.net/-gqe-7780m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.02.2013, 17:20 Uhr

Verdi gegen DGB Gewerkschafter bestreiken Gewerkschaft

Die 750 Mitarbeiter der DGB Rechtsschutz GmbH sind am Dienstag aufgerufen, ihre Arbeit niederzulegen. In einer Protestveranstaltung vor der Bundeszentrale des DGB fordern sie 6,5 Prozent mehr Gehalt.

von
© dapd Gute Arbeit für alle: Auch die Gewerkschaftsbeschäftigten hätten gerne mehr davon

Gewerkschaften wettern gegen die Arbeitsbedingungen bei Amazon, geißeln Leiharbeit, befristete Arbeitsverträge und das Outsourcing ganzer Betriebseinheiten. Als Arbeitgeber stehen sie nur selten im Fokus. Am Dienstag wird das kurz anders sein: Dann streiken Gewerkschafter gegen ihre Gewerkschaft. Die Angestellten der DGB Rechtsschutz GmbH fordern mehr Gehalt als die 0,9-Prozent-Erhöhung, die ihnen der Arbeitgeber angeboten hat. „Dieses Angebot ist völlig unzureichend; es für nicht weiter verhandelbar zu erklären, es ist eine Provokation“, erklärte Verdi-Verhandlungsführer Gerd Denzel und fordert eine Steigerung von 6,5 Prozent. Davon ist man beim DGB Rechtsschutz weit entfernt, vor der DGB-Bundesverwaltung in Berlin soll deshalb am Dienstag um 14 Uhr eine Protestkundgebung stattfinden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kontert erwartungsgemäß mit dem Hinweis, dass die Einheit schon vor Jahren outgesourct wurde: Man sei der falsche Adressat für die Aktionen. „Rechtssekretäre sind keine Beschäftigten des DGB“, stellt Vorstandsmitglied Dietmar Hexel klar.

Corinna Budras Folgen:

Dass es zu einem Massenauflauf kommen wird, ist ohnehin nicht zu erwarten: Der DGB Rechtsschutz beschäftigt nur rund 750 Arbeitnehmer, und die Solidarität von Gewerkschafterkollegen hält sich in Grenzen. Dabei lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen, denn die Ausgangslage ist bizarr: Zum Streik aufgerufen hat Verdi, als DGB-Mitgliedsgewerkschaft quasi eine gar nicht so entfernte Verwandte der DGB Rechtsschutz GmbH, die 1997 ausgegründet wurde. Inzwischen ist sie eine 100-prozentige Tochtergesellschaft des DGB und behandelt die Rechtsstreitigkeiten, in denen Gewerkschaftsmitglieder vor Arbeitsgerichten verwickelt sind.

Das alles klänge sehr nach Vetternwirtschaft, wenn nicht auch der Verband der Gewerkschaftsbeschäftigten (VGB) beim Streikaufruf dabei wäre. Der VGB ist so etwas wie die kleine Gewerkschaft der Gewerkschafter, quasi das „enfant terrible“ der Szene - von den Großen nicht akzeptiert und auch von den Gerichten nicht als vollwertige Gewerkschaft anerkannt. Ihr fehlt mit knapp 500 Mitgliedern noch die „tarifliche Mächtigkeit“, um auf Augenhöhe mit den großen Arbeitnehmerorganisationen zu verhandeln. Negativ formuliert könnte man es so ausdrücken: „Wir sind die Nestbeschmutzer“, sagt ein VGB-Mitglied sarkastisch. „Die Mitgliedschaft im VGB kann die Karriere kosten.“

Hitzige Debatte beim Thema Arbeitszeit

Der lange aufgestaute Protest von Gewerkschaftsangehörigen bricht sich deshalb meist nur im kleinen Kreis Bahn, zum Beispiel an einem kalten Wintermorgen in Frankfurt-Bockenheim. Angriffspunkte gibt es viele, ein Gewerkschaftssekretär von Verdi macht seinem Ärger darüber Luft, dass Tarifverträge überall üblich seien - nur die Gewerkschaften selbst wehrten sich mit Händen und Füßen dagegen. „Das an sich ist ja schon eine Peinlichkeit“, schimpft er. Die Satzung von Verdi beinhaltet in Paragraph 73 eigens eine Regelung, dass „kollektive Verträge“ zwischen dem Bundesvorstand und dem Gesamtbetriebsrat geschlossen werden - der im Arbeitsrecht gemessen an der Macht der Gewerkschaften ein zahnloser Tiger ist. Schließlich kann er nicht zum Streik aufrufen. Und Forderungen ohne die Möglichkeit zum Streik klassifiziert selbst das Bundesarbeitsgericht schlicht als „kollektives Betteln“. Der DGB Rechtsschutz steht mit seiner Tarifauseinandersetzung in der Gewerkschaftslandschaft ziemlich alleine da - und auch das nur dank des Outsourcings.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Streiks ab Mittwoch Verdi will Flughäfen lahmlegen

Reisende müssen kommende Woche mit erheblichen Verzögerungen auf allen großen deutschen Flughäfen rechnen. Die Gewerkschaft Verdi ruft das Bodenpersonal zu teilweise ganztägigen Streiks auf. Mehr Von Dietrich Creutzburg, Berlin

22.04.2016, 16:53 Uhr | Wirtschaft
Verdi Warnstreiks an deutschen Flughäfen

Wegen des Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi im Öffentlichen Dienst sind an deutschen Flughäfen zahlreiche Flüge gestrichen worden. Allein die Lufthansa in Frankfurt hat für Mittwoch fast 900 der geplanten 1500 Flüge abgesagt. Mehr

27.04.2016, 10:56 Uhr | Wirtschaft
Maikundgebung Gewerkschafter nennen Ideen der AfD simpel und dumpf

Simpel und dumm, nennt ein Gewerkschaftsführer die Ideen der AfD. Neben der Flüchtlingskrise prägte aber auch die Rentendiskussion die Solidaritätskundgebungen. Mehr

01.05.2016, 14:58 Uhr | Wirtschaft
Öffentlicher Dienst Tarifverhandlungen gehen in entscheidende Phase

Nach tagelangen Warnstreiks gehen die Gespräche zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern in die entscheidende Phase. Verdi fordert für die 2,1 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst sechs Prozent mehr Geld. Und hofft auf ein besseres Angebot der Arbeitgeber. Mehr

28.04.2016, 16:58 Uhr | Wirtschaft
Tarifverhandlungen Der Arbeitskampf der Metaller geht los

Die Beschäftigen in der Metall- und Elektroindustrie wollen fünf Prozent mehr Geld. Nachdem die Verhandlungen mit den Firmenchefs gescheitert sind, legen sie nun die Arbeit nieder. Mehr

29.04.2016, 07:38 Uhr | Wirtschaft

Die billige Milch

Von Jan Grossarth

Keiner hat die Absicht, zehntausende Bauern in den Ruin zu treiben. Und doch geschieht es. Mehr 11 44


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

IWF-Ausblick Warum die Ungleichheit in Asien steigt

Die Ungleichheit der Einkommen steigt in Asien schneller und ist größer als im Rest der Welt. Das analysiert der Internationale Währungsfonds. Ist das ein Problem? Mehr Von Patrick Welter, Tokio 6 13

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“