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Veröffentlicht: 03.03.2017, 16:38 Uhr

Diesel-Einfahrverbot Rußmord

Ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge würde die Falschen treffen. Mehr noch: Dieselfahrzeuge von den Straßen zu verbannen, wäre eine Sabotage des Klimaschutzplanes.

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© dpa Feinstaubalarm in der Innenstadt? Der Diesel ist immer schuld.

Das hätte sich niemand träumen lassen. Volkswagen legt den Ball auf den Elfmeterpunkt, und die Politik versenkt ihn im Tor. Man könnte auch sagen: in das von Wolfsburg geschaufelte Grab. Falls noch jemand mit dem Gedanken gespielt hat, sich einen Diesel zu kaufen, wird er nun endgültig zweifeln, zögern, zurückschrecken. Die grün-schwarze Regierung in Stuttgart will als erste ein Einfahrverbot für Privatautos mit Dieselmotor in die Innenstadt verhängen. München überlegt unter dem Druck von Gerichtsurteilen zu folgen. Einmal heißt es, man müsse des Feinstaubs Herr werden. Im anderen Fall gilt die enteignende Maßnahme dem Stickoxid. Schon das zeigt das Dilemma: Zwischen den Schadstoffen wird nicht mehr unterschieden, weder in der politischen Diskussion noch in der öffentlichen. Wo sie herkommen, fragt auch niemand mehr.

Holger  Appel Folgen:

Der Diesel ist immer schuld. Dabei drehte sich bislang doch alle Klimaanstrengung um den Dritten im Bunde, das Kohlendioxid. Da ist der Diesel vergleichsweise ein Musterknabe. Auch das will keiner mehr wissen. Und die Autoindustrie benimmt sich wie ein Kaninchen vor der Schlange. Sie erweist sich als unfähig, gegen Polemisierung der Autogegner – allen voran der sogenannten Deutschen Umwelthilfe, die ein von Abmahnungen lebender Interessenverein ist – vorzugehen. Weil der Diesel nicht mehr zu retten ist?

Immissionen steigen nicht

Aus technischer Sicht und, ja, auch aus umweltpolitischer Sicht sind sein Fortbestehen und seine Weiterentwicklung wünschenswert. Feinstaub, keine Frage, stellt für den Menschen eine Gefahr dar. Kleinste Partikel werden nicht vollständig von den Schleimhäuten absorbiert und gelangen teilweise in die Lunge. Deshalb gibt es seit 2005 Grenzwerte in Europa, die mit Messstationen überprüft werden.

Die regelmäßige Auslösung von Feinstaubalarm erweckt den Eindruck, die Immissionen stiegen beständig. Das Gegenteil ist der Fall. Die Station in Deutschland, die mit Abstand die höchsten Werte ausweist, steht am Stuttgarter Neckartor. Dort wurde der Tagesgrenzwert im Jahr 2006 an 175 Tagen überschritten, 2015 waren es 72 Tage. Der Mittelwert sank in dem Zeitraum von 55 auf 37 Mikrogramm und erfüllt damit den Grenzwert. Wer auf den Diesel zeigt, erwischt zudem den Falschen. Er fährt schon lange ohne Ruß und mit Partikelfilter.

Andere wichtige Quellen für Schadstoffe beachten

Hinzu kommt, dass die meisten Privatautos morgens ein paar Kilometer in die Stadt einfahren und abends wieder raus. Wer wirklich etwas bewegen will, muss ältere Diesel, die täglich weite Strecken in der Stadt zurücklegen, aus dem Verkehr ziehen. Also Taxen, Busse, den Lieferwagen für den Rewe-Markt. Doch da traut sich offenbar kein Politiker ran. Und zur Wahrheit gehört auch, dass das Auto bei weitem nicht der einzige Verursacher ist. Es gibt Fachleute, die halten mit guten Argumenten eine U-Bahn-Haltestelle wegen des Bremsenabriebs für den in Bezug auf Feinstaub gefährlichsten Ort in der Stadt. Aber Waggons sind ebenso unattraktive Gegner wie Lokomotiven, Bagger, Kamine oder das Silvesterfeuerwerk.

Mit Stickoxid verhält es sich ähnlich. Die meisten kursierenden Messwerte sind mit Autos der Abgasstufe Euro 5 erzielt worden. Solche dürfen schon seit Herbst 2015 nicht mehr als Neuwagen zugelassen werden. Längst gilt die deutlich strengere Stufe 6b, mit der der Grenzwert von 180 auf 80 Milligramm je Kilometer gefallen ist. Deshalb werden sie von Einfahrverboten ausgenommen, nur merkt das in der Hysterie keiner. Die Motoren sind mit speziellen Katalysatoren ausgestattet, zusätzlich wird in schweren Fahrzeugen Harnstoff eingespritzt. Die aufwendige Technik macht einige der so beliebten SUV sauberer als manchen Kleinwagen.

Stimmungsmache gegen das Auto an sich

Nun emittieren Verbrennungsmotoren auch das vermeintliche Treibhausgas Kohlendioxid. Es steht im Zentrum des in Paris ratifizierten Klimaschutzplans. Für dessen Einhaltung spielt der sparsame Diesel mit Direkteinspritzung, wie er seit 1989 auf dem Markt ist, eine entscheidende Rolle. Seine Verbrennung ist weitaus effizienter, Verbrauch und CO2-Ausstoß liegen um rund 20 Prozent unter dem eines Benziners. Dieselfahrzeuge von den Straßen zu verbannen wäre also eine Sabotage des Klimaschutzplanes. Zu Recht weist die Industrie darauf hin, dass es mit sinkendem Verkaufsanteil des Diesels und neuen, an das tatsächliche Fahrverhalten angelehnten Verbrauchsmessungen schwierig oder gar unmöglich sein wird, den von 2020 an geltenden Grenzwert von 95Gramm CO2 je Kilometer einzuhalten. Es ist eine Frage der Zeit, bis die Industrie dafür attackiert wird.

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All das legt den Verdacht nahe, dass es den sich Gehör verschaffenden Aktionisten nur vordergründig um den Diesel geht. Dahinter steht die Ablehnung des Autos, des für persönliche Freiheit stehenden Individualverkehrs als Ganzes. Schon jetzt ist dem in dieser Technologie führenden Standort Deutschland beträchtlicher Schaden zugefügt worden. Wer überlegt, einen neuen Diesel zu kaufen: Aus technischer Sicht ist das eine gute Idee. Angesichts der auf öffentliche Strömungen achtenden Politik womöglich nicht. Minister und Kanzlerin sollten auf die Stimmungsmache nicht hereinfallen. Es wäre, obgleich es unpopulär klingen mag, Zeit für ein Bekenntnis.

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