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Ursula Sladek Die Stromrebellin

16.09.2007 ·  Atomkraftgegner beschreiben sie als „grundbürgerlich“, aber „mit einem rebellischen Blinken in den Augen“. Ursula Sladek hat mit anderen Bürgern ein Elektrizitätswerk gekauft. Jetzt bietet sie im ganzen Land Ökostrom an.

Von Thomas Schmitt
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An ihrer Bürotür klebt ein braunes, angerissenes und vergilbtes Stück Papier: „www.stromrebellen.de“. Das war einmal. Wer heute die Zeilen in den Computer tippt, landet auf „www.ews-schoenau.de“. Das ist ein Unternehmen, das Ökostrom verkauft, der zum Beispiel aus Solar- und Wasserkraftwerken kommt.

Chefin Ursula Sladek hat schon mal überlegt, die alte Internetadresse zu entfernen. Doch das verwarf sie wieder. Der Name prägt nicht nur das Image ihres Unternehmens, er spiegelt ihr Selbstverständnis wider - genauso wie das große Plakat darunter: „Sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit“ fordert es. „Fight the Power.“ Frei übersetzt: Bekämpfe die Macht.

Garantiert atomstromfrei

Alle Atomkraftwerke abzuschalten ist illusorisch. Das weiß Ursula Sladek natürlich. „Nicht jammern“ lautet ihre Devise, sondern jeden Tag ein Stück darauf hinarbeiten. Mit der Atomkraft und dem Unfall von Tschnernobyl begann schließlich vor 21 Jahren auch die ereignisreiche Geschichte einer Hausfrau und Mutter, die heute aus einem 2500-Seelen-Städtchen im Schwarzwald heraus mehr als 56.000 Kunden mit „sauberem Strom“ bedient. Garantiert atomstromfrei, wie externe Prüfer regelmäßig bestätigen.

Was natürlich Unsinn ist. Denn Strom ist Strom. Ursula Sladeks Antwort: „Natürlich bauen wir keine neuen Leitungen“, sagt sie. „Wir benutzen das allgemeine Netz, in dem sich aller Strom vermischt. Stellen Sie sich einfach vor, das Stromnetz wäre ein See voll Wasser . . .“ Auf der einen Seite die Erzeuger, auf der anderen die Verbraucher.

Wer den Stromanbieter wechsele, bestimme nur, welche Erzeuger Wasser in den See schütten dürften. „Das Wasser im See ist derzeit sehr schmutzig, doch je mehr Menschen bestimmen, dass für sie sauberes Wasser eingespeist werden soll, desto klarer wird es“, sagt Sladek. Das gilt auch für Strom: Für jeden Kunden gibt sie so viel ins Netz wie dieser zu Hause entnimmt. So weit die Theorie.

Praktisch passiert dies per Computer über ellenlange Excel-Dateien in der Schönauer Unternehmenszentrale. Dort arbeiten inzwischen 25 Leute, doch Platz hätten noch einmal so viele. Den Raum dafür hat sie sich schon vor drei Jahren zugelegt, als die EWS erst halb so groß war.

100 bis 200 Neukunden pro Woche

In diesem Jahr laufen ihr die Stromwechsler nur so zu: 100 bis 200 sind es pro Woche, mehr als 20.000 im Vergleich zum Vorjahr. Für ein kleines Unternehmen mit vielleicht 30 Millionen Euro Umsatz in diesem Jahr ist das eine Menge. Wobei Ursula Sladek noch nicht einmal großartig Werbung macht wie der Ökostrom-Konkurrent Lichtblick oder einen klangvollen Namen hätte wie Greenpeace Energy.

Wer kennt schon EWS Schönau? Die Öko-Insider wissen natürlich Bescheid, auch im Schwarzwald sorgte der zehnjährige Kampf einer Bürgerinitiative um das eigene Stromnetz für viel Aufsehen. Doch über die Region hinaus hilft Ursula Sladek heute vor allem eines: das Rebellen-Image, das sie sehr geschickt einsetzt und das viele Kunden sogar schick finden.

„Wir sind Stromrebellen, um der Kraft des Südens auch im Norden zum Durchbruch zu verhelfen“, dichten zum Beispiel die zwei offenbar an Pathos krankenden Ärzte Christoph Dembrowski und Michael Schulte aus Rotenburg im Internetforum des Unternehmens.

Ursula Sladek persönlich wirkt überhaupt nicht wie eine Rebellin, das Etikett passt viel eher auf ihren Mann, eine imposante Erscheinung mit Rauschebart. Der Stadtarzt spielte die Hauptrolle in der Bürgerinitiative. Doch als der Kampf gewonnen war, das Schönauer Stromnetz der Bürgerinitiative gehörte und jemand 1997 ein Mini-Unternehmen mit 1700 Kunden führen musste, da übernahm Ursula Sladek.

Vollauf beschäftigte Mutter von fünf Kindern

Selbst Freunde und Wegbegleiter hatten die mit fünf Kindern vollauf beschäftigte Mutter anfangs nur am Rande wahrgenommen. Was sicher an ihrer Art liegt: nicht laut, sondern leise; nicht moralisierend, sondern handfest. Ihr Freund und Kunde, der Schokoladenfabrikant Alfred Ritter, beschreibt sie als „lustige Frau“. Viele erlebten sie als „direkt und ehrlich“, als jemand, der „kein Blatt vor den Mund nimmt“. Und häufig fällt mit Blick auf geschäftliche Dinge die Charakterisierung „zurückhaltend, aber durchsetzungsstark“.

Ursula Sladek führt dabei nicht bloß ein Unternehmen, sondern sieht sich an der Spitze einer „Bewegung“. Sie hat die Bürgerinitiative nicht hinter sich gelassen. Sie steckt heute noch mittendrin und lebt ihre Neigung zum Aufruhr auf diese Weise weiter aus: „Unparteiisch mit einem rot-grünen Farbton“, beschreibt das der Hamburger Klimaforscher Hartmut Grassl, der sie seit 1991 kennt. „Grundbürgerlich“ sei sie zwar, sagen Aktivisten aus der Anti-Atomkraft-Bewegung, aber „mit einem rebellischen Blinken in den Augen“. Michael Meyer von der Deutschen Umwelthilfe erlebt sie noch „genauso energiegeladen wie früher“. Das heißt: eine Rede hier, eine Kampagne dort. Ursula Sladek reist inzwischen genauso wie der Fernsehjournalist und Sonnenfan Franz Alt durchs Land: „Oft redet sie vor oder nach mir“, merkt Alt an.

„Wir brauchen eine andere Energiepolitik“

Sladek treibt dabei eine Vision: „Stärker werden und den Gedanken in die Republik tragen, dass wir eine grundlegend andere Energiepolitik brauchen“, begründet sie ihr Wirken. „Eine umweltfreundliche Energiepolitik ist dezentral, diese Strukturen stärken wir und arbeiten so auf eine Demokratisierung der Energiewirtschaft hin.“

Keine leeren Worte. Das beweist sie mit EWS. Der Ökostromversorger macht zwar seit vielen Jahren Gewinne. Doch die sind so kalkuliert, dass alle Beteiligten profitieren: die Kunden von möglichst günstigen Stromtarifen und die EWS-Mitarbeiter von ortsüblichen Gehältern. Sie selbst verdient etwas mehr, aber nicht übermäßig.

Wichtiger als Geld ist ihr, die Energiewende voranzutreiben. Sagt sie. Dafür fördert sie überall kleine „Rebellenkraftwerke“, mehr als 1000 inzwischen. Oft sind das Solaranlagen, aber auch Gasheizkraftwerke, die umstritten sind. Denn Gas gilt als Klimakiller, doch Sladek denkt pragmatisch: „Kraft-Wärme-Kopplung erreicht einen Nutzungsgrad von bis zu 90 Prozent der eingesetzten Energie, sie ist die Brücke ins Solarzeitalter, ohne die der Weg von der atomaren und fossilen zur solaren Stromerzeugung nicht bewältigt werden kann.“

So provoziert sie Streit und rechtfertigt sich, doch im Ergebnis verfolgt sie stur einmal als richtig Erkanntes. Genauso wie beim Thema Energiesparen. Eigentlich sollte ein Versorger möglichst viel Strom verkaufen.

Gewiefte Sonderkonditionen für Firmenkunden

Doch das wollen die Schönauer gar nicht. Jedem neuen Kunden drücken sie ein dickes Heft mit Energiespartipps in die Hand. Auf der eigenen Internetseite kann jeder nach dem günstigsten Gefrierschrank suchen, der am wenigsten Strom verbraucht. Auch die Stromtarife sind so gestrickt, dass Vielverbraucher eher mehr zahlen. Bei den tradionellen Stromanbietern ist es umgekehrt.

Die Ex-Hausfrau ist inzwischen geschäftlich so gewieft, dass sie begehrten Firmenkunden sogar Sonderkonditionen bietet. So kam der Schokoladenfabrikant Ritter zu ihr: Den Zuschlag gegenüber der großen EnBW bekam sie erst nach mehreren Preissenkungsrunden.

Sowohl ihr Geschäftsgebaren als auch ihr Engagement wirken durchdacht und langfristig tragfähig. Sie bleibt gelassen, obwohl ihr wegen der Strompreiserhöhungen vieler Stadtwerke und der Störfall-Debatte rund um Atomkraftwerke nun die Kunden geradezu zuströmen. Sie will weiter expandieren, aber ihr Unternehmen bleibe schlank und werde auf teure Werbung verzichten. „Drückerkolonnen oder Telefonmarketing sind nicht unser Stil“, sagt sie. Ebenso wenig wie eine Kampagne mit einer Boulevard-Zeitung. Das machte ein anderer Ökostromanbieter.

Stolz ist sie auf etwas anderes: „Wir haben mit dem geringsten Marketingaufwand den größten Erfolg erzielt“, sagt die EWS-Chefin und nennt das augenzwinkernd „zukunftsfähig“. Wie hat sie das hingekriegt? „Das verrate ich jetzt nicht“, antwortet sie.

„Mund-zu-Mund-Propaganda“ als Basis des Erfolgs

Die Antwort liefern andere: „Mund-zu-Mund-Propaganda“ sei die Basis ihres Erfolgs. Und: „Nicht lange reden, sondern Richtiges einfach tun.“ Dazu gehört, ein wenig schnaufend auf den 100 Meter hohen Turm der katholischen Kirche zu steigen. Denn von dort ist das Ökosymbol Schönaus besonders gut sichtbar: das Solardach der evangelischen Kirche, Schöpfungsfenster genannt. Es liefert bereits seit 1999 Sonnenstrom.

Dazu gehört schließlich, Besucher mit vielen Informationen auszustatten. Unter den EWS-Dokumenten befand sich auch der „Auftrag zur Stromlieferung“. Gleich sechsmal.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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