17.10.2006 · Acht Prozent der Deutschen sollen zur gesellschaftlichen Unterschicht gehören. Doch nach der international üblichen Definition von Armut liegt der Anteil in Deutschland deutlich höher: Jeder Siebte hat weniger als 938 Euro im Monat zur Verfügung.
In Deutschland zählen 8 Prozent der Bürger zu der neuen gesellschaftlichen Unterschicht. So hat es jedenfalls TNS Infratest in einem noch unveröffentlichten Gutachten für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung ermittelt. Das Ergebnis dürfte eher die subjektive Befindlichkeit der Betroffenen widerspiegeln.
Nach der international üblichen Definition von Armut liegt der Anteil in Deutschland nämlich deutlich höher; hierzulande galten im Jahr 2003 insgesamt 13,5 Prozent aller Bürger als arm, weil ihr monatliches, nach Bedarfsgesichtspunkten modifiziertes Nettoeinkommen ("Äquivalenzeinkommen") weniger als 938 Euro betrug - und damit weniger als 60 Prozent des Medianwertes von 1564 Euro. 1998 waren es erst 12,1 Prozent.
Knapp ein Viertel sind Geringverdiener
Diese Orientierung am Einkommensmedian ist weniger anfällig für Extremwerte am oberen und unteren Rand der Einkommensverteilung - und damit anderen Armutsschwellen überlegen, die auf dem arithmetischen Mittel basieren. Ihnen zufolge gilt beispielsweise als arm, wer höchstens die Hälfte des Äquivalenzeinkommens von 1740 Euro verdient. Das waren im vergangenen Jahr 10,5 Prozent der Bevölkerung. Als Geringverdiener wiederum gilt, wer weniger als drei Viertel des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat; die Lage dieser 23,8 Prozent der Bevölkerung (2005) wird als "prekärer Wohlstand" bezeichnet.
Die Werte von 50, 60 und 75 Prozent beruhen auf gesellschaftlich gesetzten Konventionen, sind in dieser Hinsicht willkürlich gegriffen. Ihre Aussagekraft ist deutlich eingeschränkt. Die 13,5 Prozent der Bevölkerung, die 2003 unter der Armutsschwelle lebten, gälten nämlich auch dann noch als arm, wenn das Einkommen aller Bürger über Nacht verdoppelt würde. Armut ist also ein relativer Begriff.
Fast eine Millionen Deutsche erhalten Hilfe vom Staat
In absoluter Hinsicht dürfte man als arm bezeichnen, wer nicht genug verdient, daß er davon die eigene Existenz und die seiner Angehörigen bestreiten kann. Das ist bei fast einer Million Menschen der Fall. Allerdings greift hier der Staat ein und stockt den Verdienst durch Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld auf. Die Einkommensschwelle, bis zu der ergänzende Leistungen fließen, schwankt je nach Familienstand und Kinderzahl zwischen 1100 und knapp 1600 Euro.
Diese sogenannte Grundsicherung hat Anfang 2005 die frühere Arbeitslosen- und Sozialhilfe abgelöst. Zusätzlich zum Regelsatz von 345 Euro im Monat übernimmt der Staat die Miet- und Heizkosten. Einschließlich der Sozialversicherungsbeiträge und der befristeten Zuschläge kommen so rund 835 Euro im Monat für einen Alleinstehenden zusammen. Mit diesem untersten Auffangnetz sichert die Solidargemeinschaft Hilfebedürftigen nicht nur das "nackte" Überleben, sondern darüber hinaus auch noch eine bescheidene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben; man spricht daher auch vom "soziokulturellen Existenzminimum".
Alleinerziehende mit größtem Armutsrisiko
Die relative Einkommensarmut sei "kein permanenter Zustand, sondern durch ein hohes Ausmaß an Fluktuation gekennzeichnet", heißt es im zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. So hätte zwischen 1998 und 2003 etwa jeder dritte der Betroffenen seine Armutsphase nach einem Jahr unterbrochen oder beendet; nach zwei Jahren seien es schon zwei Drittel gewesen. Lediglich 9,3 Prozent der Bevölkerung seien über mehrere Jahre einem Armutsrisiko ausgesetzt gewesen. In dieser Gruppe könnten durchaus "Armutskarrieren entstehen, die auch auf die nachfolgenden Generationen übergreifen" heißt es.
Das größte Armutsrisiko weisen Alleinerziehende mit 35,4 Prozent auf, das geringste Paare mit zwei Kindern (8,6 Prozent). Differenziert nach dem Alter, schwankt das Armutsrisiko zwischen 11,4 Prozent (65 Jahre und älter) und 19,1 Prozent (16 bis 24 Jahre). Arbeitslose (40,9 Prozent) und Nichterwerbstätige (21 Prozent) tragen ebenfalls ein hohes Risiko, arm zu werden; bei Arbeitnehmern (7,1), Selbständigen (9,3) und Rentnern (11,8 Prozent) ist es deutlich geringer.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.423,60 | −1,25% |
| EUR/USD | 1,2393 | −0,76% |
| Rohöl Brent Crude | 103,24 $ | −3,38% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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