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Unternehmen und Famile Die Hausfrauenschicht bringt richtig Geld

 ·  „Lokale Bündnisse für Familie“: Was nach politischer Rhetorik klingt, ist ein Renner in der Wirtschaft. Die große Resonanz auf die SPD-Initiative zeigt, warum Familienförderung betriebswirtschaftlich sinnvoll ist: Beispiele aus großen und kleinen Unternehmen.

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„Wir haben handfeste wirtschaftliche Vorteile davon“, preist Gerhard Ritter, Personalchef der deutschen Procter & Gamble Service GmbH, das "Lokale Bündnis für Familie". Er wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, hier träfen sich Interessierte in einer Art Selbsterfahrungsgruppe. Es gehe auch um die Kommunikation und den Gedankenaustausch zwischen Unternehmen und Organisationen, die es jungen Eltern erleichtern wollen, Beruf und Familie besser in Einklang bringen zu können. Aber es bleibe nicht beim Gedankenaustausch. Über das Bündnis engagierte Betreuer ermöglichen es Procter & Gamble, junge Mütter wieder in den Beruf einzugliedern, obwohl sie noch Kinder unter 3 Jahren haben.

Wie teuer für ein Unternehmen der Ersatz eines ausfallenden Elternteils sein kann, belegt eine Prognos-Studie. Danach kostet es in der Regel mehrere hunderttausend Euro, einen eingearbeiteten Mitarbeiter zeitweise durch einen Dritten zu ersetzen. So hoch ist also auch das Einsparpotential, wenn man Eltern schnell wieder die Rückkehr an ihren alten Arbeitsplatz ermöglicht. Die Ersatzkosten sind um so höher, je qualifizierter der Mitarbeiter ist. Die Fraport AG, der Betreiber des Frankfurter Flughafens, kann bei schneller Rückkehr der Eltern in den Betrieb mehr als eine Million Euro sparen, hat Prognos ermittelt.

Was sich ändern muß

Dazu muß man innerbetriebliche Abläufe ändern, beispielsweise Schichten so enden lassen, daß die Mitarbeiter ihre Kinder aus Betreuungseinrichtungen abholen können. Dazu sollen aber auch die lokalen Bündnisse für Familie beitragen, indem sie beispielsweise Betreuungspersonen für die Dauerbetreuung wie auch für Zeiten, in denen die Mutter auf eine Dienstreise geschickt wird, vermitteln.

Der Personalmanagerin Carola Nennstiel-Koch von dem Autozulieferer Continental Teves AG & Co. KG, Frankfurt, ist es nur dank dieser Hilfe möglich, als Mutter eines Kleinkindes wieder zwei Tage zu arbeiten. In dem Lokalen Bündnis im Taunus stünden 170 Kinderbetreuerinnen zur Verfügung. Das Bündnis registriert und vermittelt die Betreuungspersonen nicht nur, sie werden von ihm auch ausgebildet, bekommen beispielsweise alle einen Erste-Hilfe-Kurs. Der Erfolg sei so groß, daß man jetzt eine Ausweitung der Betreuung auf schulpflichtige Kinder während der Ferien plane.

153 lokale Bündnisse für Familie gebildet

Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) hört all das mit Wohlwollen, ist ihr die Vereinbarkeit von Beruf und Familie doch ein Herzensanliegen. Stolz berichtet sie, daß seit ihrer Initiative vor eineinhalb Jahren sich in Deutschland bereits 153 lokale Bündnisse für Familie gebildet haben. Überall arbeiten die Industrie- und Handelskammern und viele Unternehmen vor Ort mit, weil die Aktion nicht zuletzt vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützt wird. Dessen Präsident hält in seinem Unternehmen B. Braun Melsungen ein ganzes Bündel von familienfreundlichen Maßnahmen bereit - von der Möglichkeit, den Erziehungsurlaub durch bis zu fünf Jahre unbezahlten Urlaub zu verlängern, bis hin zum Angebot, Schichtzeiten von Partnern so abzustimmen, daß immer einer von ihnen zu Hause sein kann. Oder die Hausfrauenschicht, die speziell auf die Erfordernisse berufstätiger Eltern mit Betreuungsaufgaben abgestimmt ist.

Henkel, Volkswagen, Ernst & Young, Jenoptik, Heraeus...

Die große Resonanz der Wirtschaft auf ihre Initiative zeigt Schmidt, daß sich die Erkenntnis durchsetzt, daß Familienförderung nicht nur ein "weiches Weiberthema" ist, sondern betriebswirtschaftlich sinnvoll. Zu den Teilnehmern gehören das Chemieunternehmen Henkel, Volkswagen in Emden, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, Jenoptik und Heraeus, aber auch Adidas-Salomon und Ikea. Dabei muß man nicht groß sein, um etwas Familienfreundliches zu tun. Willi Wagner von der wenige Mitarbeiter zählenden Druckwerkstatt Kollektiv in Darmstadt sagt, daß man Aufwendungen für Werbung und Präsentation gekürzt habe, um familienfreundliche Maßnahmen umzusetzen.

Nicht umsonst

Umsonst sind auch die lokalen Bündnisse für Familie nicht. Nennstiel-Koch nennt einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von 1000 Euro je Unternehmen. Dann müsse man für die Qualifizierung und Bereitstellung von Betreuungskräften je Person 1000 Euro im Jahr rechnen, bei Notfalltagesmüttern von 1500 Euro. Außerdem muß die Familie für die Betreuung zwischen 4 und 5 Euro je Stunde bezahlen. "Ich arbeite zwei Tage in der Woche und bezahle für die Kinderbetreuung über den Verein 300 Euro im Monat", sagt Nennstiel-Koch. Sie weist darauf hin, daß die Betreuung der Kinder viel Geld kostet, ihr aber ohne das Bündnis und die Bereitschaft des Unternehmens, dort mitzuarbeiten, die frühe Rückkehr in den Beruf unmöglich gewesen wäre.

Die einzelnen Maßnahmen vor Ort sind ganz unterschiedlich. In Wiesbaden konnte das Bündnis für Familie über die Mitgliedschaft der Kirchen ein kirchliches Gebäude für eine Kindertagesstätte gewinnen. In Ostfriesland bietet das dortige Bündnis den beteiligten Unternehmen Schwangerschaftsvertretungen an.

Bundesweit koordiniert

Eine bundesweite Koordination erfolgt über ein zentrales Büro in Berlin, dem für den Dreijahreszeitraum 2004 bis Ende 2006 etwa 7 Millionen Euro zur Verfügung stehen, wovon die Hälfte aus EU-Mitteln stammt. Dieses Büro organisiert auch den überregionalen Austausch der Bündnisse. "Mein Ziel ist es, in jedem der 500 Landkreise ein Bündnis zu etablieren", sagt Schmidt. Daß dies an der Neuwahl des Bundestages scheitern könnte, befürchtet sie nicht. "Die Lokalen Bündnisse für Familie sind inzwischen ein Selbstläufer. Das läßt sich nicht mehr rückgängig machen, egal wer an der Regierung ist", ist sie überzeugt.

Aber sie würde die Idee nicht nur gern zu Ende führen, sie würde sie auch ausbauen wollen. "Wir müssen die betriebsnahe Kinderbetreuung, in deren Genuß gerade mal 3 Prozent der Kinder kommen, ausbauen. Wir müssen den Wiedereinstieg der Eltern in den Beruf weiter erleichtern, und wir müssen Familienleistungen in Tarifverträge aufnehmen", nennt sie die weiteren Ziele. Ihre Idee sei es, statt des heutigen Erziehungsgeldes von 300 Euro im Monat jungen Familien ein Jahr lang ein Elterngeld in Höhe des Arbeitslosengeldes (zwei Drittel des Nettolohnes) auszuzahlen. "Das könnte man doch über den Tarifvertrag aufstocken", kann sich Schmidt vorstellen.

Wie notwendig es ist, durch eine kinderfreundliche Umwelt den Nachwuchs zu fördern, macht der Sozialdezernent der Stadt Frankfurt deutlich: "In Frankfurt am Main leben nur in 17 Prozent aller Haushalte Kinder", begründet Franz Frey (SPD) die Bildung eines Lokalen Bündnisses für Familie in der Bankenmetropole noch in diesem Jahr.

Quelle: F.A.Z., 11.06.2005, Nr. 133 / Seite 20
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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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