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Veröffentlicht: 19.01.2016, 16:49 Uhr

Ungleichheit auf der Welt Sind die Reichsten wirklich so reich?

Die 62 Reichsten der Erde haben mehr Vermögen als die halbe Weltbevölkerung, hat Oxfam ausgerechnet. An der Methode gibt es aber große Kritik.

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© AFP Wie reich sind die Reichsten? Sehr reich, lautet eine Antwort, auf die sich viele einigen können.

Oxfam schafft es, große Aufmerksamkeit mit einer knalligen Aussage zu erregen: Die 62 Reichsten der Erde haben mehr Vermögen als die unterste Hälfte der Weltbevölkerung, also etwa 3,5 Milliarden Menschen. Pünktlich vor Beginn des Weltwirtschaftsforums hat die internationale Entwicklungshilfeorganisation Oxfam mit einer schlagzeilenträchtigen Statistik wieder einmal eine Diskussion über die sich verschärfende Ungleichheit ausgelöst. Der Kapitalismus schaffe große Ungerechtigkeit. Er mache einige Menschen unermesslich reich, doch das gehe auf Kosten eines Großteils der Menschheit, lautete der schnelle Schluss, den viele zogen.

Philip Plickert Folgen:

Oxfam ruft zu mehr Umverteilung und höherer Besteuerung der Reichen auf. Doch es gibt auch scharfe Kritik an der Methode der statistischen Vergleiche, die Oxfam bemüht. Einige Ökonomen haben Oxfams Armuts- und Reichtumsanalyse als „windig“ oder „unsinnig“ abgetan.

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Was ist die Hauptkritik? Oxfam beruft sich auf die Zahlen des Global Wealth Reports der Bank Credit Suisse. Die Bank stellt die Statistiken des Handbuchs für ihre Vermögensberatungszwecke zusammen. Nach ihren Berechnungen hat das reichste Prozent der Welt – das sind etwa 70 Millionen Menschen – mehr Vermögen als die 99 Prozent darunter. Das zentrale Maß für die Vergleiche ist dabei das Nettovermögen eines Menschen. Vom Geld-, Wertpapier-, Unternehmensvermögen sowie Immobilienbesitz werden mögliche Schulden abgezogen.

Mit dieser Statistik-Methode lassen sich fast absurd klingende Vergleiche konstruieren. „Das Vermögen meiner beiden Neffen ist schon mehr als das gesamte Vermögen der untersten 30 Prozent der Welt“, schreibt der Journalist Ezra Klein vom Portal Vox. Seine Neffen besitzen zwar nur ein Sparschwein, aber immerhin keine Schulden. Ihr Nettovermögen ist also positiv. Aber rund ein Drittel der Weltbevölkerung hat nach der Credit-Suisse-Berechnung kein positives Nettovermögen.

Waren die Clintons arm?

Darunter sind auch erstaunlich viele Menschen in der entwickelten Welt, die Kredite aufgenommen haben, sei es für Konsum, für einen Hauskauf oder für die Finanzierung eines Studiums. „Das meiste negative Nettovermögen gibt es in den reichen Ländern“, erklärt Anthony Shorrocks, einer der Credit-Suisse-Analysten, die den Vermögensreport erstellt haben. In Wahrheit werde mit diesem methodischen Ansatz der Statistik gezeigt, dass es in manchen Ländern funktionierende Kreditmärkte gibt, die auch in Anspruch genommen werden, sagen Ökonomen.

Ein amerikanischer College-Absolvent, der einige zehntausend Dollar Studienkredite aufgenommen hat, der aber auf eine Karriere mit hohem Einkommen zusteuert, erscheint nach dieser Statistik ärmer als ein chinesischer Reisbauer mit seinem Ochsengespann in der tiefsten Provinz, der eben keinen Kredit hat. Auch Amerikas Ex-Präsident Bill Clinton und seine Frau Hillary, die nach kostspieligen Prozessen am Ende ihrer Zeit im Weißen Haus zeitweise Millionen Schulden hatten, zählten damit zu den ärmsten Menschen der Welt.

Der Oxfam-Kritiker und Journalist Felix Salmon moniert: „Die ärmsten Menschen in der Welt sind, wenn man die Credit-Suisse-Methodologie verwendet, also nicht in Indien oder Pakistan oder Bangladesch, sondern es sind Typen wie Jérôme Kerviel“ (der betrügerische Banker, der aus Schadenersatzprozessen etwa 6 Milliarden Dollar Schulden hat, aber trotzdem nicht am Hungertuch nagt).

Aber die Ungleichheit ist groß

Dass die Credit-Suisse-Statistik zum Teil schiefe Bilder zeichnet, zeigt sich, wenn man die Anteile an den Nettovermögen nach Ländern genauer betrachtet. Demnach lebt vom ärmsten Zehntel der Welt niemand in China. Die meisten Menschen des untersten Zehntels leben in Indien, nämlich 16 Prozent. Erstaunlicherweise aber kommen dann laut dieser Statistik schon die Vereinigten Staaten: Dort leben angeblich 7,5 Prozent der Ärmsten (beispielsweise überschuldete Hausbesitzer oder College-Absolventen mit Studienkredit). Erst an dritter und vierter Stelle folgen Bangladesch und Pakistan.

Kritiker Felix Salmon findet, dass das Konzept des Nettowohlstands keinen Sinn ergebe, wenn man über die Ärmsten der Welt spreche. Ryan Bourne vom Londoner Institute of Economic Affairs ärgert sich, dass es Oxfam mit seinem „schwachsinnigen Bericht“ nun gelinge, tagelang die Schlagzeilen zu beherrschen. Nick Galasso, ein Oxfam-Forscher, gibt zu, dass die Methode mit dem „Nettovermögen“ problematisch sei: „Es ist ein total unvollkommenes Maß“, sagt er. Allerdings bleibe als Faktum, dass es eine riesige Vermögenskonzentration an der Spitze gebe. Diesen Befund haben auch die Kritiker Klein und Salmon nicht angezweifelt.

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