28.12.2007 · Bisher gingen die Briten immer verschwenderisch mit Plastiktüten um. In den Supermärkten wird jede Gurke und jeder Brokkoli-Kopf in Plastik eingeschweißt und an der Kasse nochmals in Tüten verpackt. Private Initiativen wollen das nun ändern.
Von Bettina Schulz, LondonEinkaufen in London: In den Supermärkten drängen sich die Kunden vor den Kassen und stopfen ihre Einkäufe in Plastiktüten. Allein in London werden jährlich 1,6 Milliarden Plastiktüten ausgegeben, die zum Großteil auf Mülldeponien landen. Dort brauchen sie mehr als 400 Jahre, bis sie sich zersetzt haben. In Großbritannien herrscht trotz aller Umweltbedenken eine extreme Verpackungswut. In den Supermärkten wird jede Gurke, jeder Brokkoli-Kopf und jeder Salatkopf einzeln in Plastik eingeschweißt und an der Kasse nochmals in Tüten verpackt. Plastiktüten kosten nichts, und so werden sie nicht einmal vollgepackt, bevor die Hand schon zur nächsten greift.
Wer aus Deutschland die Faltkästen und aus Frankreich die stabilen Riesentüten kennt, steht nach dem Einkauf in Großbritannien fassungslos vor einer Plastikflut: Nach dem Einordnen der Lebensmittel in die Schränke bleibt ein Berg Verpackungsmaterial zurück. In den vergangenen Jahren haben die Bezirksverwaltungen zwar begonnen, Papier, Plastik- und Glasflaschen, Pappe und Tetra-Verpackung als Recycling-Müll abzuholen, aber die Bemühungen, den Verpackungsmüll insgesamt zu reduzieren, stecken noch in den Kinderschuhen. Dass in den Nachbarländern Deutschland, Frankreich und Irland diese Umweltschutzdiskussion schon vor Jahren geführt wurde und zu umweltschonenderen Systemen geführt hat, wird von den Briten hartnäckig ignoriert.
Ein Film brachte den Stein ins Rollen
Doch in diesem Jahr regte sich Widerstand von der Basis. Die wegen der Umwelt und Klimaerwärmung aufgeschreckte Bevölkerung prescht in Eigeninitiative voran. Den Stein ins Rollen brachte Rebecca Hosking, eine Produzentin für Dokumentarfilme der BBC, der die Umweltschäden durch Plastik bei Dreharbeiten im Volcanoes National Park in Hawaii über die Hutschnur gingen. Hüfthoch lag der Plastikmüll an den Stränden der Insel, und Albatrosse erstickten an Plastikresten, die die Vögel aus dem Meer als vermeintliche Nahrung fischten. Hosking filmte das Elend, trommelte in ihrem englischen Heimatort Modbury die Einzelhändler von 43 Geschäften zusammen und zeigte ihren Film. Die Einzelhändler waren so entsetzt, dass sie einer Initiative zustimmten, auf die Ausgabe von Plastiktüten in dem 1550-Seelen-Dorf in Devon zu verzichten. Seither nutzen die Einwohner von Modbury Baumwoll- oder Jutetaschen mit extra Logo der von Hosking angeführten Umweltbewegung.
Das Beispiel von Modbury macht Schule: Mehr als 70 britische Städte und Dörfer planen, freiwillig "plastikfrei" zu werden, und bemühen sich, den Gebrauch der Wegwerftüten zu unterbinden. Londoner Bezirksbehörden möchten den gleichen Weg gehen, haben aber keine rechtliche Handhabe, den Einzelhandel zum Umdenken zu zwingen. Die Regierung hat den Supermarktketten Tesco, J Sainsbury und Asda lediglich das Versprechen abgerungen, die Ausgabe von Plastiktüten 2008 um 25 Prozent zu verringern.
Tüten sollen kosten
Mitte November stimmten 33 Bezirksverwaltungen in London ab, dem Parlament einen Gesetzesantrag vorzuschlagen, der Londoner Einzelhändler davon abhalten soll, Plastiktüten kostenlos auszuhändigen. Beispiele in anderen Ländern haben gezeigt, dass allein ein Kostenbeitrag von einigen Cent hilft, die Nachfrage nach Wegwerftüten um mehr als 90 Prozent zu unterbinden. Schon die Frage, ob der Kunde eine Tüte haben möchte, kann die Nachfrage um bis zu 60 Prozent verringern. Die britische Bevölkerung wäre wohl bereit, Umweltinitiativen zu folgen, wird von der Regierung jedoch nicht dazu angehalten, weil diese sich nicht mit dem Handel und der Industrie anlegen will. So sieht man in britischen Supermärkten immer öfter, dass Kunden mit ihren eigenen Jute- und Baumwolltaschen, Körben, Kartons oder lange verwertbaren Plastiktaschen zum Einkauf kommen.
Die schleppende Reaktion der Regierung, die international ehrgeizige Ziele zur Senkung der Emission von Treibhausgasen verkündet, ist der Bevölkerung unverständlich. Großbritannien produziert nach Angaben von Wasteonline 434 Millionen Tonnen Müll jedes Jahr, davon allein 17,5 Milliarden Plastiktüten, die jedes Jahr von den Supermärkten ausgegeben werden. 72 Prozent des Hausmülls landen in Großbritannien immer noch auf Müllkippen - eine der höchsten Raten in Europa. Nur 9 Prozent werden in Müllverbrennungsanlagen entsorgt. Diese Quote muss nach Vorschriften aus Brüssel bis 2020 auf 25 Prozent gesenkt werden.
Treibhausgastüten
Burghard Schmanck (Schmanck)
- 29.12.2007, 00:58 Uhr
Mülltüten
Astrid Klüppel (Napali)
- 29.12.2007, 15:48 Uhr
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