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Dienstag, 18. Juni 2013
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Umverteilungsdebatte Wer wird Millionär?

 ·  Der Armuts- und Reichtumsbericht hat eine neue Umverteilungsdebatte angefacht. Sozialer Aufstieg ist schwieriger geworden. Richtig reich werden vor allem Unternehmer.

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© Andreas Müller Der Starnberger See zählt zu den Regionen mit der höchsten Konzentration an Reichen in Deutschland

Vom Tellerwäscher zum Millionär - dies klischeehafte Bild vom sozialen Aufstieg stand Generationen von Amerikanern vor Augen, auch wenn der Traum für viele mittlerweile verblasst. In Deutschland waren die Aufbaujahre nach dem Krieg eine goldene Zeit. Tatkräftige Unternehmer legten im „Wirtschaftswunder“ den Grundstein für große Vermögen. In den sechziger und siebziger Jahren gab die Bildungsexpansion, der erleichterte Zugang zum Studium, nochmals einen Schub zu mehr sozialer Mobilität. Doch seit einigen Jahren schwindet der Optimismus. Mehr und mehr wird eine wachsende, unüberwindliche Kluft zwischen Arm und Reich beklagt. Parteien und Organisationen von links fordern mehr Umverteilung, Vermögenssteuern und -abgaben, um Geld der Reichen abzuschöpfen. Doch wer sind eigentlich die Millionäre, wie sind sie zu ihren Vermögen gekommen?

Rund 920.000 Deutsche besitzen derzeit mehr als eine Million Euro Vermögen. Wolfgang Lauterbach, Soziologieprofessor an der Universität Potsdam, hat eine repräsentative Umfrage unter Wohlhabenden mit Kapitalvermögen von mehr als 200.000 Euro gemacht - die obersten 3 Prozent der Vermögenspyramide. Es sind nicht die Superreichen, eher „millionaires next door“, wie Lauterbach sagt. Das Ergebnis der Umfrage: Rund zwei Drittel sind als Unternehmer tätig. 30 Prozent hatten eine Erbschaft gemacht, 7 Prozent hatten einen reichen Mann oder eine reiche Frau geheiratet. Aber das war selten der einzige Grund für ihr Vermögen. Mehr als 55 Prozent der Befragten gab an, „in erster Linie durch Arbeit reich geworden“ zu sein. Wichtig ist vor allem der unternehmerische Wagemut, sagt Lauterbach. „Die das Risiko eingehen, ein Unternehmen aufzubauen, das sind diejenigen, die wirklich zu den ganz Reichen aufsteigen können.“

Wasser auf die Mühlen von SPD, Grünen und Linkspartei

Auf rund 12 Billionen Euro schätzt die Bundesbank das Gesamtvermögen der Deutschen. Trotz der Krise ist es von 2007 bis 2010 um 1,4 Billionen Euro gestiegen. Das Vermögen setzt sich aus Immobilien und Grundstücken sowie Sachkapital in Unternehmen und zu kleineren Teilen aus Finanzvermögen sowie Lebensversicherungen und anderem zusammen (siehe Grafik). Die Verteilung ist ungleich: Wenigen Haushalten gehört sehr viel; vielen gehört wenig. Westdeutsche Haushalte haben mehr Vermögen als die im Osten, Männer mehr als Frauen, die Älteren mehr als die Jüngeren. Der Anteil des Gesamtvermögens, den das oberste Zehntel besitzt, stieg innerhalb eines Jahrzehnts von 45 auf 53 Prozent. Die reichere Hälfte der Bevölkerung hat sogar 99 Prozent des Gesamtvermögens, die andere Hälfte besitzt dagegen kein nennenswertes Vermögen.

Das Vermögen der Deutschen hat sich in zwanzig Jahren mehr als verdoppelt © F.A.Z. Das Vermögen der Deutschen hat sich in zwanzig Jahren mehr als verdoppelt

Die Zahlen, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus der Haushaltsbefragung des Sozioökonomischen Panels (Soep) errechnet hat, finden sich im neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Schon der Entwurf, der bekannt wurde, hat eine heftige Verteilungsdebatte ausgelöst. Die gespreizte Einkommensentwicklung „verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung und kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“, heißt es im Vorwort des Berichts. Weiter hinten fügten die Beamten des Sozialministeriums den brisanten Satz ein: Die Bundesregierung prüfe „ob und wie über die Progression in der Einkommensteuer hinaus privater Reichtum für die nachhaltige Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen werden kann“.

Das war Wasser auf die Mühlen von SPD, Grünen und Linkspartei, die schon seit längerem eine höhere Belastung der Reichen fordern. Die obersten 10 Prozent der Bestverdiener zahlen mehr als die Hälfte der Einkommensteuer, doch das reicht diesen Parteien nicht. Sie fordern höhere Spitzensätze und Substanzabgaben. Während die Sozialdemokraten 1 Prozent Vermögensteuer fordern, wollen die Grünen über zehn Jahre je 1,5 Prozent abgreifen. Die Linkspartei will gar 5 Prozent. Verdi-Chef Frank Bsirske befürwortet eine einmalige Abgabe von 10 bis 30 Prozent auf Millionenbesitz - das würde aber in Unternehmen gebundene Vermögen empfindlich treffen und Arbeitsplätze gefährden.

Deutschland liegt in Sachen Ungleichheit im Mittelfeld

Zunehmend gerät auch die Masse des zu vererbenden Reichtums in den Blick: In diesem Jahrzehnt werden Vermögen für rund 2,6 Billionen Euro vererbt, errechnete eine Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, ein Fünftel mehr als im vergangenen Jahrzehnt. „Wir erleben jetzt die Weitergabe der Vermögen der Wirtschaftswunder-Generation an die Erben“, sagt Reichtumsforscher Lauterbach. Im Durchschnitt geht es je Erbfall um gut 300.000 Euro. Die Verteilung ist aber ähnlich ungleich wie bei den Vermögen: Nur 0,2 Prozent der Erbschaften sollen mehr als 250.000 Euro ausmachen, darunter auch Vermögen von zig- oder gar hundert Millionen. Ein Drittel der Erbschaften liegt zwischen 150.000 und 250.000 Euro, knapp ein Fünftel bei 50.000 bis 150.000 Euro, 38 Prozent bleiben unter 50.000 Euro, jeder Zehnte hinterlässt kein Vermögen. Die meisten Erben sind schon nicht arm, sondern gehören im Durchschnitt eher zu den Besserverdienern. Geld kommt also zu Geld.

Bei aller Diskussion über die Ungleichheit hierzulande zeigt der internationale Vergleich, dass Deutschland im Mittelfeld und sogar leicht unter dem Durchschnitt der Industrieländer liegt. Im Gini-Koeffizienten wird die Einkommensungleichheit auf eine einzige statistische Messzahl verdichtet. Ein Wert von 0 zeigt völlige Gleichheit, ein Wert von 1 absolute Ungleichheit. Der deutsche Gini-Koeffizient liegt nun bei 0,3. Obwohl er gestiegen ist, liegt er immer noch leicht unterhalb des Durchschnitts von 0,31 der OECD-Staaten (siehe Grafik). Deutlich ungleicher sind die Einkommen in Großbritannien (0,34) und in den Vereinigten Staaten (0,38) verteilt. Auch die japanische Gesellschaft, in der Managergehälter weniger hoch sind als hierzulande, hat mehr Einkommensungleichheit, ebenso Italien. Lediglich in den egalitären nordeuropäischen Staaten wie Norwegen, Schweden oder Dänemark sind die Einkommen gleicher verteilt.

Kein eindeutiger Trend

Die Vereinigten Staaten waren schon immer ein Land starker Gegensätze zwischen reich gewordenen Selfmademen und Underdogs. Letztere hofften auf den Aufstieg, allerdings wird dieser schwieriger. „Der amerikanische Traum ist zum Märchen geworden“, meint der linke Ökonom Joseph Stiglitz. Das Steuersystem begünstige die Reichen, die Armen würden allein gelassen. Dabei zeigen Studien, dass der Mehrheit ein materieller Aufstieg nach wie vor gelingt: Vier von fünf Amerikanern haben höhere Einkommen als ihre Eltern, ergab eine Untersuchung des Economic Mobility Project des Pew Charitable Trust. 40 Prozent der im untersten Fünftel geborenen Amerikaner bleiben in der Unterschicht hängen, immerhin 30 Prozent schaffen es in die obere Hälfte der Gesellschaft. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit werden aber die Perspektiven schlechter.

In Deutschland gab es in den vergangenen Jahren keinen eindeutigen Trend: Zwar hat die Mittelschicht etwas abgenommen. Sie ist im vergangenen Jahrzehnt von 64 auf gut 61 Prozent der Gesellschaft geschrumpft, errechneten die DIW-Forscher Markus Grabka und Jan Goebel, deren Untersuchung aber methodisch stark kritisiert wurde. Die Oberschicht ist etwas gewachsen, auch die Unterschicht hat sich vergrößert. Dort sind viele Menschen mit Migrationshintergrund zu finden. Ebenso haben Alleinerziehende und Ostdeutsche ein weit höheres Armutsrisiko als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Reinhard Pollak vom Wissenschaftszentrum Berlin beklagt, dass der Trend zu mehr sozialer Durchlässigkeit, der die Nachkriegsjahrzehnte bestimmte, gestoppt sei. Deutschland sei eine im internationalen Vergleich weniger mobile und durchlässige Gesellschaft. Zu stark bestimme die soziale Herkunft den Erfolg im Leben. Dagegen müsse der Staat mit mehr Förderung für Kinder in jungen Jahren ankämpfen. Das untere Ende der sozialen Leiter zu verlassen, werde sonst immer schwieriger, sagt Pollak. Während die Nachkriegsjahre die Zeit der großen Aufstiegsmobilität waren, komme es nun vermehrt zu sozialen Abstiegen.

Es gibt auch einen regen Aufstieg

Die gelegentlich beklagte „Erosion der Mittelschicht“ ist aber ein Mythos, betont Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft. Sie hat Daten des Soep, für das regelmäßig etwa 20.000 Menschen befragt werden, auf die Frage hin untersucht, wie viele Haushalte aus der Mittelschicht ab- und aufsteigen. Das Ergebnis: Im Jahr rutschen durchschnittlich rund 2 Prozent in die einkommensarme Schicht, die unter 60 Prozent des mittleren Werts (von 1600 Euro netto für einen Single) liegt. „Aber über die Hälfte von ihnen steigt schon im nächsten Jahr wieder auf“, betont Niehues. „Die Gefahr eines Abstiegs aus der Mittelschicht hat nicht zugenommen.“

Erfreulich ist, dass es auch einen regen Aufstieg gibt: 7 Prozent steigen jährlich in die Schicht mit mehr als dem anderthalbfachen mittleren Einkommen auf. Für ein Single liegt diese Grenze bei 2400 Euro Nettoeinkommen, für ein Paar mit zwei Kindern bei 5040 Euro. Jährlich 0,3 Prozent der Haushalte schaffen sogar den Sprung in die Spitzengruppe der sehr hohen Einkommen von mehr als 250 Prozent des Mittelwertes, für ein Single also mehr als 4000 Euro Netto. Selbst mit einem solchen Einkommen dauert es aber sehr lange, Millionär zu werden. „Als mittlere oder sogar hohe Angestellte oder Beamte können sie zu den Wohlhabenden aufsteigen, aber die Chance ist gering, dass sie wirklich reich werden“, sagte Reichtumsforscher Lauterbach. Diese Chance haben eben doch nur Erben oder Unternehmer. Gleichwohl sei es nicht richtig, von einer „erstarrten Gesellschaft“ zu sprechen, findet Lauterbach. Die soziale Mobilität habe gegenüber den achtziger Jahren, als sie geringer war, heute wieder zugenommen.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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