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Umfrage Die Deutschen sind nicht reformmüde

 ·  Die Deutschen sind nicht so reformmüde, wie es der Politik manchmal erscheinen mag. Das zeigt eine Umfrage, die der Bankenverband jetzt vorgelegt hat. Im Gegenteil: 92 Prozent sind der Meinung, daß die beschlossenen Reformschritte nicht ausreichen.

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Die Deutschen sind nicht so reformmüde, wie es der Politik manchmal erscheinen mag. Das zeigt eine Umfrage, die der Bankenverband, die Organisation der privaten Banken in Deutschland, jetzt vorgelegt hat.

Danach sind 92 Prozent der Bevölkerung der Meinung, daß die beschlossenen Reformschritte nicht ausreichen, um die Probleme zu lösen. 84 Prozent der Deutschen geht die Umsetzung gesellschaftlicher Reformen nicht schnell genug voran. Vor vier Jahren waren es nur 77 Prozent gewesen.

Nur noch 56 Prozent der Deutschen sind der Meinung, daß die Soziale Marktwirtschaft sich bewährt habe. Vor zehn Jahren waren es noch 73 Prozent. In welche Richtung es weitergehen soll, ist umstritten. 43 Prozent der Deutschen setzen auf mehr Markt, 41 Prozent auf mehr soziale Absicherung. Dabei hat sich die Vorliebe für den Markt deutlich erhöht. 1994 wünschten sich nur 25 Prozent der Deutschen mehr Markt, aber 48 Prozent mehr Soziales.

Sorge um soziale Sicherheit

Große Sorge haben die Deutschen über den Zustand der sozialen Sicherungssysteme. 50 Prozent sehen größere Probleme der Sicherungssysteme, 42 Prozent sehen die Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung sogar vor dem Zusammenbruch stehen. 29 Prozent der Deutschen finden, daß der Umfang bestehender Sozialleistungen zu groß ist, nur 24 Prozent halten ihn für zu klein. 41 Prozent halten den Umfang für gerade richtig.

Ein eindeutiges Urteil fällen die Deutschen darüber, wer für die Sicherung des Wohlstands zuständig ist. 41 Prozent betrachten dies als Aufgabe jedes einzelnen, nur noch 23 Prozent sehen darin eine Aufgabe des Staates. Vor zehn Jahren hatten beide Positionen noch je 33 Prozent Zustimmung erlangt. Wenig überraschend ist damit, daß sich 77 Prozent der Deutschen zur Alterssicherung lieber eine private Zusatzvorsorge wünschen. Nur 18 Prozent ziehen eine Erhöhung der gesetzlichen Rentenbeiträge vor.

Verzicht tut not

Vergleichsweise groß ist die Bereitschaft oder die Erkenntnis, daß Verzicht künftig notwendig wird. 57 Prozent der Befragten stimmen der Aussage eher oder voll und ganz zu, daß "wir in Zukunft alle mehr arbeiten müssen, ohne daß dafür mehr Lohn gezahlt wird". 54 Prozent sind bereit, auf 5Prozent ihres Lohnes zu verzichten. Vor zehn Jahren waren es nur 43 Prozent. Doch sind zugleich 51 Prozent der Deutschen der Meinung, daß ein Lohnverzicht um 5Prozent die Arbeitslosigkeit nicht senken wird. Ein ähnlich widersprüchliches Bild zeigt sich in der Frage des Kündigungsschutzes. 60 Prozent der Deutschen glauben, daß Unternehmen mehr Arbeitskräfte einstellen, wenn sie diese auch leichter wieder entlassen können, 35 Prozent glauben dies nicht. Doch sind zugleich 60 Prozent der Deutschen der Meinung, daß man den Kündigungsschutz unverändert belassen sollte. Nur 30 Prozent wünschen sich eine Lockerung.

Einhellig ist der Wunsch nach mehr Flexibilität, wenn es um die Frage geht, ob Tarifverträge und die Arbeitszeiten branchenweit oder auf Betriebsebene geregelt werden sollten. 63 Prozent der Deutschen und 57 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder befürworten Tarifverträge auf Unternehmensebene; vor zehn Jahren waren es nur 36 Prozent. 81 Prozent der Deutschen und 74 Prozent der Gewerkschafter sind der Meinung, daß Arbeitszeiten je nach Auslastung und Wirtschaftslage unternehmensintern geregelt werden sollten. Damit einher geht ein wachsendes Mißtrauen gegenüber den Gewerkschaften. Nur noch 30 Prozent sehen den Einfluß der Gewerkschaften als gerade richtig an, vor zehn Jahren waren es noch 53 Prozent. Dagegen meinen 41 Prozent der Deutschen, daß der gewerkschaftliche Einfluß zu groß sei; vor zehn Jahren waren es erst 25 Prozent.

Schlechte Noten für den Wirtschaftsstandort

Schlechte Noten vergeben die Deutschen für die Qualität des Wirtschaftsstandorts. 60 Prozent der Befragten sagen, daß die Rahmenbedingungen für Unternehmen sich verschlechtert haben. Doch sind immerhin noch 51 Prozent der Meinung, daß die deutschen Unternehmen für den internationalen Wettbewerb gut gerüstet sind (2000: 61 Prozent). 42 Prozent glauben dies jedoch nicht. Mit 49 Prozent meint fast die Hälfte der Deutschen, daß die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts für ausländische Investoren gesunken ist; vor vier Jahren glaubten dies nur 25 Prozent. Gespalten ist die Bevölkerung jedoch in der Frage, ob sich für ausländische Unternehmen eine Investition hierzulande lohnt. 48 Prozent sehen das nicht, 46 Prozent aber doch. Freilich stimmten vor vier Jahren noch 62 Prozent zu, und nur 32 Prozent antworteten mit Nein. Immerhin glauben noch 56 Prozent der Deutschen, daß es sich lohnt, sich selbständig zu machen.

Negativ fällt das Urteil über deutsche Unternehmen aus, die Produktionsstätten ins Ausland verlegen. 45 Prozent bringen dafür Verständnis auf, 53 Prozent nicht. Als Gründe für den Marsch ins Ausland werden mit rund 80 Prozent zu hohe Löhne hierzulande und mit über 50 Prozent die Steuerlast genannt. Doch halten nur 40 Prozent der Deutschen die Unternehmenssteuern hierzulande für zu hoch, 45 Prozent jedoch für gerade richtig oder für zu niedrig. Während fast die Hälfte der Befragten glaubt, daß hohe Unternehmensgewinne allgemein als anstößig empfunden werden, sagen das von sich selbst nur 19 Prozent. Die repräsentative Umfrage wurde vom Ipos-Institut in Mannheim im Auftrag des Bankenverbands durchgeführt. Befragt wurden im April 1546 Personen.

Quelle: pwe., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Juli 2004
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