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Umfrage : Die Bedeutung der Zeitarbeit wird völlig überschätzt

Überschätzt: Am Band stehen weniger Zeitarbeiter als viele denken Bild: dpa

Viele Deutsche glauben, jeder Dritte Beschäftigte verdient sein Geld als Zeitarbeiter. In Wahrheit sind es 2,8 Prozent. Die Branche hat einen Verdacht, woran das liegt.

          Die Bedeutung der Zeitarbeit wird in der deutschen Öffentlichkeit völlig überschätzt. Laut einer Umfrage glaubt fast ein Drittel der Bürger, dass mehr als 35 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland bei Zeitarbeitsfirmen angestellt sind. Weitere 37 Prozent vermuten, dass zumindest etwa jeder fünfte Arbeitnehmer ein Zeitarbeiter sei. Das zeigt eine repräsentative Erhebung des Marktforschungsinstituts Lünendonk für den Personaldienstleister Orizon, deren Ergebnisse der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegen. Tatsächlich gab es nach Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) Ende 2012 rund 822.000 Zeitarbeiter in Deutschland. Das entsprach einem 2-Prozent-Anteil an der Gesamtzahl von 41,8 Millionen Erwerbstätigen; gemessen an den 29,1 Millionen Arbeitnehmern mit sozialversicherungspflichtiger Stelle entsprach der Anteil der Zeitarbeiter 2,8 Prozent.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Kluft zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit ist nach Überzeugung von Orizon-Geschäftsführer Dieter Traub die Folge einer seit Jahren sehr einseitig geführten politischen Debatte. „Die Parteien halten es für politisch opportun, im Namen der sozialen Gerechtigkeit auf unsere Branche einzuschlagen“, urteilte er. Die verzerrte Wahrnehmung der Branchengröße deute umso mehr darauf hin, dass auch die Wahrnehmung der Arbeitsbedingungen in der Zeitarbeit stark negativ verzerrt sei.

          Lohngefälle ist nicht so ausgeprägt wie angenommen

          Hinweise darauf liefern Traub zufolge auch die Erfahrungen mit den seit 2012 geltenden tariflichen Branchenzuschlägen für Zeitarbeiter. Die neuen Regelungen sehen vor, dass Zeitarbeiter beispielsweise bei Einsätzen in der Metall- und Elektroindustrie je nach Einsatzdauer ein Aufgeld von 15 bis 50 Prozent des tariflichen Grundlohns für Zeitarbeiter erhalten. Diese Zuschläge sollen das Lohngefälle zwischen Stamm- und Zeitkräften abmildern. Traub zufolge zeigt sich in der Praxis jedoch, dass selbst in der Metall- und Elektroindustrie häufig die sogenannte Deckelung der Branchenzuschläge greife – da der Gesamtlohn des Zeitarbeiters andernfalls den Lohn der vergleichbaren Stammkraft übersteigen würde.

          „In unserem Unternehmen gilt das für bis zu 70 Prozent der Einsätze im Metallbereich“, berichtete Traub. Dies deutet darauf hin, dass das tatsächliche Lohngefälle in der Breite der Industrie nicht so stark ausgeprägt ist, wie häufig angenommen wird. Offenbar gibt es auch innerhalb der Industrie, etwa zwischen großen Autoherstellern und mittelständischen Zulieferern ein deutliches Lohngefälle. Dieses Lohngefälle wird nun mittelbar durch die Berechnung der Branchenzuschläge für Zeitarbeiter aufgedeckt.

          In einigen Punkten hat sich die Wahrnehmung der Zeitarbeitsbranche in den vergangenen zwei Jahren allerdings auch leicht verbessert, wie die vorliegende Studie weiter zeigt. In der diesjährigen Befragung brachten beispielsweise 14,5 Prozent der Befragten die Zeitarbeit mit Weiterbildungsangeboten in Verbindung, das sind 3 Prozentpunkte mehr als in einer entsprechenden Befragung im Jahr 2011. Eine leistungsgerechte Bezahlung trauten 9,8 Prozent der den Zeitarbeitsfirmen zu, etwa 2 Prozentpunkte mehr als 2011. Als bedeutendste Eigenschaft führten jedoch heute wie damals 47 Prozent der Befragten eine abwechslungsreiche Tätigkeit als wichtigstes Merkmal der Zeitarbeit an.

          Die Mindestlohn-Höhe wird unterschätzt

          Ein interessantes Bild zeichnet die Studie auch davon, welche politischen Instrumente sich nach Einschätzung der Bürger zur Bekämpfung des Fachkräftemangels eignen. Als besonders geeignete Ansätze werden eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie stärkere Beschäftigungsanreize für ältere Arbeitnehmer eingestuft, beide werden von mehr als drei Vierteln der Befragten unterstützt. Als drittwichtigstes Instrument zur Bekämpfung von Fachkräftemangel (72 Prozent Zustimmung) stuften die Befragten einen einheitlichen Mindestlohn ein. 58 Prozent plädierten dafür, anstelle automatisierter Fertigungsprozesse wieder mehr handwerkliche Fertigung anzustreben. Lediglich 44 Prozent bewerteten hingegen eine gezielte Anwerbung ausländischer Fachkräfte als geeignetes Instrument.

          Auffällig ist überdies, wie stark die Haltung der Befragten zu einem einheitlichen Mindestlohn offenbar vom Lebensalter abhängt: Während die Jüngeren eher zögern, ist die Zustimmung unter den Älteren besonders groß. Aus der Gruppe der über 50-Jährigen sagten 67 Prozent, sie würden einen solchen Mindestlohn begrüßen, unter den 30- bis 49-Jährigen waren es dagegen nur 57 Prozent und unter den 18- bis 29-Jährigen 54 Prozent.

          Die Höhe der bereits heute geltenden branchenbezogenen Mindestlöhne wird von vielen Bürgern unterschätzt. 40 Prozent der Befragten vermuteten, dass der Mindestlohn für Zeitarbeiter bei etwas über 5 Euro je Stunde liege, tatsächlich sind es derzeit 8,19 Euro im Westen und 7,50 Euro im Osten. Sogar 50 Prozent vermuteten, dass der Mindestlohn für Reinigungskräfte nur bei 5 Euro in der Stunde liege. Tatsächlich sind es 9 Euro im Westen und 7,56 Euro im Osten.

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