13.08.2007 · Frank Ulrich Montgomery, Chef des Marburger Bundes, hat es den Lokführern vorgemacht. Er erstritt einen eigenen Tarifvertrag für die Krankenhaus-Ärzte. Deshalb hat er für die Forderungen der GDL Verständnis. Ein Interview.
Der Chef der Ärzte-Vereinigung Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery, hat es den Lokführern vor rund einem Jahr vorgemacht. Er erstritt gegen den entschiedenen Widerstand der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Arbeitgeber einen eigenständigen Tarifvertrag für die Ärzte in Universitätskliniken und kommunalen Krankenhäusern. Montgomery hat für die Forderungen der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) Verständnis und rät den beiden Mediatoren Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf, an dem Recht der GDL auf einen eigenständigen Tarifvertrag festzuhalten.
Herr Montgomery, haben Sie Verständnis für die Forderungen der Gewerkschaft der Lokomotivführer nach einem eigenständigen Spartentarifvertrag?
Uneingeschränkt. Denn die Zeiten des Flächentarifvertrags über alle Berufsgruppen hinweg in einem großen Unternehmen sind passé. Das gilt auch für die Bahn. Doch ich weise darauf hin: Es sind Verhandlungen und dort kann ein Unternehmen mit vernünftigen Angeboten auf die Entwicklung reagieren. Dieses Privileg der Verhandlungen sollte man auf keinen Fall aus der Hand geben.
Die Deutsche Bahn hat nach eigenen Angaben mehr als 20 Berufsgruppen in ihrem Unternehmen. Der Konzern fürchtet, dass er künftig mit allen Gruppen eigenständige Tarifverhandlungen führen muss.
Das ist nicht von der Hand zu weisen und stellt das große Problem dieser Zersplitterung dar. Aber bei meinen Tarifgesprächen mit dem Verdi-Chef Frank Bsirske habe ich immer wieder versucht, die Solidarität in den Krankenhäusern zu erlangen. Das haben wir aber nicht geschafft, weil die 85 Prozent Nichtakademiker, die bei Verdi organisiert sind, die 15 Prozent Akademiker immer majorisiert haben. Dieser Krug ging so lange zum Brunnen, bis er brach.
Gab es nach Ihrem eigenständigen Tarifvertrag für die Ärzte eine Spaltung der Belegschaft in den Kliniken?
Die Spaltung in den Kliniken hat sich nicht verstärkt. Wir hatten zuvor bereits einen hierarchischen Konflikt in den Kliniken gehabt. Viele Menschen, die sich für Verdi in den Betriebsräten engagiert hatten, hatten mit der Dominanz der Ärzte ihre Schwierigkeiten. Doch von einer Verschärfung des Konflikts kann keine Rede sein. Dieses Argument ist typisches Funktionärs-Gedöns.
Was raten Sie Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und dem GDL-Vorsitzenden Manfred Schell?
Sie sollten zunächst die Presseberichte über unsere Verhandlungen lesen. Herr Mehdorn verhält sich ähnlich verbohrt wie mein damaliger Verhandlungspartner, der niedersächsische Finanzminister Hartmut Möllring. Die Äußerungen Mehdorns, die GDL kriege nur das, was die Tarifgemeinschaft Transnet und GDBA erhalten, sind absurd. Das sind exakt dieselben Fehler, die damals die Arbeitgeber während unseres Tarifkonflikts gemacht haben. Die Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Bahn und der Tarifgemeinschaft ist unanständig. Es muss aufhören, dass die Existenz kleiner Gewerkschaften verhindert wird.
Und den beiden Mediatoren?
Ich kann ihnen nur empfehlen: Haltet das Recht der GDL auf einen eigenständigen Tarifvertrag fest. Ob dann am Ende eine Lohnerhöhung von 31 Prozent herauskommt, ist zweitrangig. Wir hatten auch zunächst ein Einkommensplus von 30 Prozent gefordert. Unser Ergebnis lag mit einem durchschnittlichen Plus von 6 Prozent weit darunter. Das hängt von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Bahn ab.
Wie könnte eine Lösung des Konflikts aussehen?
Zunächst muss man anerkennen, dass die Lokführer und die Zugbegleiter eine ganz andere Aufgabe haben als etwa die Gleisarbeiter. Es handelt sich um einen klassischen Konflikt zwischen der dominanten Arbeiterschaft und denen, die auf den Zügen fahren. Die haben eben eine andere Ausbildung, und das muss man mit einem eigenständigen Tarifvertrag berücksichtigen.
Die großen Gewerkschaften fürchten die Zersplitterung der Tariflandschaft wie der Teufel das Weihwasser...
... Natürlich. Doch sie sollten sich mal fragen: Was ist Ursache, und was ist Wirkung? Die großen Gewerkschaften müssen endlich lernen, dass man diese Konflikte intern lösen könnte, indem man auf spezielle Berufe zugeht und deren Forderungen nicht länger unterdrückt, dann gäbe es diese Schwierigkeiten nicht mehr.
Welchen Einfluss hätte diese Einsicht auf die künftige Tariflandschaft in Deutschland?
Wir werden mehr berufsspezifische Abschlüsse erhalten, weil immer mehr Berufsgruppen mit der großen Einheitssoße innerhalb der Riesen-Gewerkschaften nicht mehr zufrieden sind.
Dann wird jedoch auch die Lohnspreizung in den Unternehmen zunehmen.
Davon muss man ausgehen. Die Lohnnivellierung in den Unternehmen gehört der Vergangenheit an. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der es selbstverständlich sein sollte, dass Leistungsträger auch leistungsgerecht bezahlt werden.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.791,86 | +0,64% |
| FAZ-INDEX | 1.515,82 | +0,65% |
| TecDAX | 775,28 | +0,22% |
| MDAX | 10.366,50 | +0,49% |
| SDAX | 4.973,81 | +0,17% |
| REX | 421,06 | −0,60% |
| Eurostoxx 50 | 2.522,95 | +0,40% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,34 | +0,46% |
| Dow Jones | 12.884,00 | +0,04% |
| Nasdaq 100 | 2.545,72 | +0,54% |
| S&P500 | 1.349,96 | +0,22% |
| Nikkei225 | 9.002,24 | −0,15% |
| EUR/USD | 1,3278 | +0,22% |
| Rohöl Brent Crude | 117,81 $ | −0,03% |
| Gold | 1.746,00 $ | +1,28% |
| Bund Future | 137,78 € | +0,03% |