Die Bäuerin Wang Zongtai hat ihr Leben lang in den Bergen gearbeitet, sie sieht älter aus als 58 Jahre. Auf einer Fläche von drei Mu, rund 2000 Quadratmetern, baute sie früher Mais und Weizen an, vor allem für den eigenen Bedarf. Ihr Mann Shi Fengying brachte als Tagelöhner etwa 500 Yuan (60 Euro) im Monat mit nach Hause, sie selbst verdiente ebenso viel durch den Verkauf von Bildbänden an Touristen. Dazu musste sie jeden Tag den Hügel hinter ihrem Bauernhaus hinaufsteigen. Dort liegt die Chinesische Mauer, eine der zugkräftigsten Attraktionen für den Fremdenverkehr. „Damals ging es uns ganz gut“, sagt Wang, „in der neuen Zeit wird es immer schwieriger.“
Die „neue Zeit“ hat der wettergegerbten Frau gleich mehrere einschneidende Veränderungen gebracht. Ihr Haus in dem Dorf Simatai, 120 Kilometer nordöstlich von Peking, wurde abgerissen, obwohl es seit Generationen im Besitz der Familie war. Die Gemeindeverwaltung hat vor zweieinhalb Jahren alle Einwohner umgesiedelt, um Platz für ein Urlaubs-, Sport- und Tagungsgelände zu schaffen. Auch das Ackerland musste die Familie aufgeben. Dafür erhielt sie eine Abfindung und ein großzügiges Einfamilienhaus in der Retorten-Stadt Neu-Simatai etwas abseits vom alten Standort. Die neue Unterkunft verfügt über moderne Badezimmer mit heißen Duschen, Wassertoiletten, Heizung und Klimaanlage und sogar kabellosen Internetempfang. „Das ist alles toll, aber wir können kaum die monatlichen Kosten aufbringen“, klagt Wang.
„Wie soll die Rente reichen?“
Das hat auch etwas mit der zweiten Veränderung in ihrem Leben zu tun: Seit dem Umzug gilt Wang offiziell als Rentnerin. Auf dem Land im Großraum Peking müssen Frauen mit 55 Jahren in den Ruhestand gehen und dürfen dann nicht mehr arbeiten, Männer mit 60. Wang erhält 275 Yuan (33 Euro) Rente im Monat, eine ähnliche Summe erwartet ihr Mann, wenn er 2013 empfangsberechtigt wird. „Das ist nur halb so viel wie früher, wie soll das reichen?“ fragt er. Im alten Haus hätten sie alles selbst repariert, geheizt wurde mit Holz, gegessen meist das, was das eigene Feld oder der Hühnerstall hergab. „Damals hatten wir mehr Geld als heute, brauchten aber weniger“, sagt der hagere Mann und schüttelt den Kopf.
Das Schicksal der Familie zeigt, wie schnell und umfassend sich die chinesische Gesellschaft verändert. Das gilt für die Verstädterung in ähnlicher Weise wie für die Überalterung, wobei beides miteinander verzahnt ist. Jedes Jahr ziehen 11 bis 20 Millionen Menschen vom Land in die Stadt, das sind mehr, als in Portugal oder Griechenland leben. Seit 2011 wohnt erstmals in der Geschichte Chinas eine Mehrheit in urbanen Zentren. Nach Berechnungen der Weltbank wird dieser Anteil bis 2030 auf 70 Prozent steigen. Schon heute gibt es in China 160 Millionenstädte, mehr als doppelt so viele wie in Europa und Amerika zusammen. Bis 2030 könnten es 230 werden. Gerade hat Chinas neue Führung beschlossen, die Urbanisierung noch zu beschleunigen, um den Binnenkonsum anzukurbeln und unabhängiger vom Export zu werden.
Das Durchschnittsalter wächst schnell
Zugleich nimmt das Durchschnittsalter rapide zu. Derzeit lebten in China rund 200 Millionen Menschen, die älter als 60 Jahre seien, sagt Du Peng, Professor für Gerontologie an der Volksuniversität in Peking. „In den nächsten zehn Jahren kommen 100 Millionen dazu, 2050 werden wir 490 Millionen Alte haben.“ Schon jetzt stellt China mehr als ein Viertel der Erdbevölkerung in diesem Alter, nicht ein Fünftel, wie es seinem Gesamtgewicht entspräche. Nach Weltbank-Angaben dürfte sich der Anteil dieser Altersgruppe an der chinesischen Einwohnerschaft bis 2050 auf 34 Prozent mehr als verdoppeln. Diese Überalterung belastet die Sozialsysteme und Arbeitsmärkte. Chinas führende staatliche Denkfabrik CASS erwartet, dass die Zahl der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter schon 2015 ihren Höhepunkt erreichen wird. Danach schrumpfe sie jedes Jahr um 3 Millionen Personen. 2050 werden dann nur noch 870 Millionen Chinesen dieser Kohorte angehören, 100 Millionen weniger als heute.
Als Hauptgrund für Chinas Vergreisung gilt die Einkindpolitik seit 1978. Ohne diese Beschränkung wären seitdem 400 Millionen Kinder mehr geboren worden, hat der Versicherungskonzern Allianz berechnet. Diese Zahl übersteigt die Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten. Die Regierung in Peking habe die Geburtenkontrolle schon gelockert, so dass sie nur noch für ein Drittel aller Paare gelte, sagt Du. Er selbst spricht sich dafür aus, allen Chinesen zwei Kinder zu erlauben. Doch selbst das könnte die Lage nicht verbessern: Der Anteil der Alten an der Gesamtbevölkerung wäre im Jahr 2050 nur um 2 Prozentpunkte geringer als ohne die Geburtenfreigabe.
Eine Reform der Ruhestandsversorgung muss her
Deshalb führt kein Weg um eine Reform der Ruhestandsversorgung herum. Ein wichtiger Schritt dafür wäre, das gesetzliche Rentenalter heraufzusetzen. Derzeit beträgt es für Männer 60 Jahre und für Frauen je nach Arbeitsstelle 50 oder 55 Jahre. Eine Weiterbeschäftigung ist nur in Ausnahmefällen erlaubt, obgleich viele Rentner auf Zusatzverdienste angewiesen sind. „Die Schwelle muss dringend heraufgesetzt werden“, fordert Du. „Sie stammt von 1950, als die Lebenserwartung im Schnitt 42 Jahre betrug und jede Frau sechs Kinder hatte. Heute liegt sie bei 75 Jahren, und es sind viel weniger Kinder da, die sich um die Alten kümmern können.“ Du empfiehlt, zunächst das Rentenalter der Frauen dem der Männer anzugleichen und später das Gesamtniveau anzuheben.
Was all das für die Chinesen bedeutet, auch das spiegelt sich in der Familie in Simatai. Der Sohn von Wang und Shi lebt mit Frau und Tochter ebenfalls in dem schicken zweistöckigen Gebäude mit den fünf Zimmern. Im alten Dorf unterhielten die jungen Leute eine einfache Gaststätte im Haus der Eltern, der junge Mann kochte, seine Frau bediente. Am neuen Standort fehlen dazu Räumlichkeiten und Gäste. Deshalb arbeitet der Koch jetzt in einem Außenbezirk von Peking; seine Familie sieht er nur einmal in der Woche. Als sie noch selbst Gastwirte waren, verdienten die Ehepartner bis zu 4000 Yuan (480 Euro) im Monat und sparten davon für sich selbst und die Eltern. Allein schafft der Mann jetzt nur halb so viel. „Um wieder zusammen zu sein, müssen wir vielleicht auch dorthin ziehen“, sagt seine 27 Jahre alte Frau Wang Xiufang und sieht ihre Schwiegereltern an. „Aber was wird dann aus ihnen?“
Die Stabilität des Systems ist gefährdet
Die Urbanisierung und die Überalterung höhlen einen Generationenvertrag aus, der in China, wie in vielen agrarischen Gesellschaften, seit Jahrhunderten gilt. Traditionell kümmern sich die Kinder um ihre Eltern, bis diese sterben - am selben Ort, oft im selben Haus. Schon der wirtschaftliche Schub der vergangenen 30 Jahre hat dieses Gleichgewicht auf die Probe gestellt. Denn Hunderte Millionen junge Leute zieht es als Wanderarbeiter aus den Binnenprovinzen in die Industriehochburgen an den Küsten. Ihre Eltern bleiben in den Dörfern zurück, wo sie sich um die Enkel kümmern und Geldsendungen aus der Ferne empfangen. Nach dem Tod der Alten treten die Rückkehrer aus den Städten an ihre Stelle.
Der Transfer von Arbeitskräften und Kapital geht so lange gut, wie die Rimessen ausreichen und wie die alten Leute nicht ernsthaft krank werden. Doch die steigende Lebenserwartung, die zunehmende Zahl von Pflegefällen und die Tatsache, dass sich immer weniger junge Leute um immer mehr alte kümmern müssen, gefährden die Stabilität des Systems. Deshalb versucht sich die Regierung am größten Umbau in der Geschichte der Sozialversicherungen. Das Ziel ist nichts Geringeres, als ein lückenloses Vorsorgegeflecht für 1,34 Milliarden Menschen zu knüpfen. Im Gesundheitswesen wurde das schon weitgehend erreicht. „Bei der Rente könnten wir in diesen Monaten soweit sein“, sagt der Altersforscher Du. Das wäre acht Jahre früher als zunächst geplant.
In den Städten ist die Lage besser
Allerdings gibt es in beiden Versicherungen noch viele Defizite, vor allem in der Höhe der Leistungen und in der Zukunftsfestigkeit. Die größten Herausforderungen liegen auf dem Land. In den Städten zahlen schon seit langem Arbeitgeber und Arbeitnehmer in die Kassen ein, auch die Schlechterstellung der Wanderarbeiter findet langsam ein Ende. In den Dörfern aber haben die Menschen erst seit wenigen Jahren Anspruch auf Sozialleistungen. Dort übernimmt der Staat den Löwenanteil der Beiträge, so zum Beispiel 80 Prozent der Prämien von 300 Yuan (36 Euro) im Jahr für die Krankenkasse. Bei der Rente ist neuerdings jeder Landbewohner 15 Jahre lang beitragspflichtig. Die meisten verschieben das ans Ende ihrer Berufstätigkeit, so die junge Kellnerin Wang Xiufang aus Simatai, die erst mit 40 Jahren beginnen will. Ältere Versicherte zahlen seit Beginn der Reform 2009 so lange ein, bis sie in den Ruhestand gehen.
Der Schwiegervater Shi Fengying muss bis 2013 jeden Monat 80 Yuan (10 Euro) aufbringen, um anschließend 275 Yuan (33 Euro) Rente zu erhalten. Das ist wenig, aber weit mehr als der Durchschnitt. Den hat der Wissenschaftler Du mit gerade einmal 55 Yuan (7 Euro) im Monat berechnet. Zum Vergleich: Chinas offizielle Armutsgrenze beträgt 192 Yuan (23 Euro). Nach Definition der Weltbank gilt als arm, wer kaufkraftbereinigt über weniger als 1,25 Dollar am Tag verfügt, umgerechnet etwa 240 Yuan im Monat. „Die Rente langt vorn und hinten nicht, wir brauchen noch mindestens 10 Jahre, bis die Landleute davon leben können“, sagt Du.
Für besser hält er die Lage in den Städten. Dort reichten die Bezüge zumindest für die Grundversorgung von zwei Dritteln der Senioren aus. „Bei mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern wird jede Art der Versorgung zu einer Herkulesaufgabe“, sagt der Wissenschaftler. Aber er ist zuversichtlich, schließlich habe das Land auch Hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt. „Ich denke, dass wir in spätestens 20 Jahren einen funktionierenden Wohlfahrtsstaat haben werden.“
Altersvorsorge
Anton Paschke (Anton_Paschke)
- 06.01.2013, 08:29 Uhr
Was macht man sonst?
WANG Qing (Dieter197610)
- 06.01.2013, 07:11 Uhr
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Otto Kaldrack (otto-jomtien)
- 06.01.2013, 04:38 Uhr
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Roland Wagner (Eurofighter77)
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Wir sind nur Teil der Natur, nicht ihr Schöpfer
joachim tarasenko (truthful)
- 05.01.2013, 20:16 Uhr
