Home
http://www.faz.net/-gqg-75ibw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Digitale Exzellenz

Überalterung in China Rotes Rentnerheer

Verstädterung und Überalterung treffen Chinas Dörfer mit voller Wucht. Die jungen Leute wandern ab, für die alten sichert die Rente nicht einmal das Existenzminimum. Schuld daran ist auch die Einkindpolitik.

© dpa Vergrößern Li Shufeng ist 89 Jahre alt und hat den Angriff der Japaner auf die damalige Hauptstadt Nanjing überlebt. Hier besucht sie die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag.

Die Bäuerin Wang Zongtai hat ihr Leben lang in den Bergen gearbeitet, sie sieht älter aus als 58 Jahre. Auf einer Fläche von drei Mu, rund 2000 Quadratmetern, baute sie früher Mais und Weizen an, vor allem für den eigenen Bedarf. Ihr Mann Shi Fengying brachte als Tagelöhner etwa 500 Yuan (60 Euro) im Monat mit nach Hause, sie selbst verdiente ebenso viel durch den Verkauf von Bildbänden an Touristen. Dazu musste sie jeden Tag den Hügel hinter ihrem Bauernhaus hinaufsteigen. Dort liegt die Chinesische Mauer, eine der zugkräftigsten Attraktionen für den Fremdenverkehr. „Damals ging es uns ganz gut“, sagt Wang, „in der neuen Zeit wird es immer schwieriger.“

Christian Geinitz Folgen:    

Die „neue Zeit“ hat der wettergegerbten Frau gleich mehrere einschneidende Veränderungen gebracht. Ihr Haus in dem Dorf Simatai, 120 Kilometer nordöstlich von Peking, wurde abgerissen, obwohl es seit Generationen im Besitz der Familie war. Die Gemeindeverwaltung hat vor zweieinhalb Jahren alle Einwohner umgesiedelt, um Platz für ein Urlaubs-, Sport- und Tagungsgelände zu schaffen. Auch das Ackerland musste die Familie aufgeben. Dafür erhielt sie eine Abfindung und ein großzügiges Einfamilienhaus in der Retorten-Stadt Neu-Simatai etwas abseits vom alten Standort. Die neue Unterkunft verfügt über moderne Badezimmer mit heißen Duschen, Wassertoiletten, Heizung und Klimaanlage und sogar kabellosen Internetempfang. „Das ist alles toll, aber wir können kaum die monatlichen Kosten aufbringen“, klagt Wang.

„Wie soll die Rente reichen?“

Das hat auch etwas mit der zweiten Veränderung in ihrem Leben zu tun: Seit dem Umzug gilt Wang offiziell als Rentnerin. Auf dem Land im Großraum Peking müssen Frauen mit 55 Jahren in den Ruhestand gehen und dürfen dann nicht mehr arbeiten, Männer mit 60. Wang erhält 275 Yuan (33 Euro) Rente im Monat, eine ähnliche Summe erwartet ihr Mann, wenn er 2013 empfangsberechtigt wird. „Das ist nur halb so viel wie früher, wie soll das reichen?“ fragt er. Im alten Haus hätten sie alles selbst repariert, geheizt wurde mit Holz, gegessen meist das, was das eigene Feld oder der Hühnerstall hergab. „Damals hatten wir mehr Geld als heute, brauchten aber weniger“, sagt der hagere Mann und schüttelt den Kopf.

22682806 © AFP Vergrößern Die Rente ist nicht hoch. Diese Frau studiert die Sonderangebote des Supermarkts.

Das Schicksal der Familie zeigt, wie schnell und umfassend sich die chinesische Gesellschaft verändert. Das gilt für die Verstädterung in ähnlicher Weise wie für die Überalterung, wobei beides miteinander verzahnt ist. Jedes Jahr ziehen 11 bis 20 Millionen Menschen vom Land in die Stadt, das sind mehr, als in Portugal oder Griechenland leben. Seit 2011 wohnt erstmals in der Geschichte Chinas eine Mehrheit in urbanen Zentren. Nach Berechnungen der Weltbank wird dieser Anteil bis 2030 auf 70 Prozent steigen. Schon heute gibt es in China 160 Millionenstädte, mehr als doppelt so viele wie in Europa und Amerika zusammen. Bis 2030 könnten es 230 werden. Gerade hat Chinas neue Führung beschlossen, die Urbanisierung noch zu beschleunigen, um den Binnenkonsum anzukurbeln und unabhängiger vom Export zu werden.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frauen in Führungspositionen Ein langer Weg für Asiens Managerinnen

Bislang machten Frauen in Fernost vor allem dann Karriere, wenn sie aus einer mächtigen Familie stammten. Ein spektakulärer Fall könnte das ändern. Die deutsche Quote stößt aber sogar bei Frauen auf Widerstand. Mehr Von Carsten Germis

22.02.2015, 08:00 Uhr | Beruf-Chance
Autobahnkreuz Weinsberg 700 Millionen Euro gegen den Stau

Seit mehr als 20 Jahren steht das Autobahnkreuz Weinsberg auf der Planungsliste der Bundesregierung. Doch nichts passiert. Eine Privatinitiative will die nötigen 700 Millionen Euro für die Instandsetzung jetzt selber aufbringen, damit der 60 Kilometer lange Autobahnabschnitt endlich aus den täglichen Staumeldungen im Radio verschwindet. Mehr

12.02.2015, 09:54 Uhr | Wirtschaft
Alltag in der Ostukraine Neue Grenzen, alte Ansprüche

Das Leben in den Separatistengebieten ist kompliziert: Rente wird nur in der Ukraine ausgezahlt, dorthin zu kommen ist äußerst schwer. Entsprechend groß ist die Wut auf die Regierung in Kiew. Mehr Von Ann-Dorit Boy

26.02.2015, 19:11 Uhr | Politik
Kommunikation Messaging-Services - die Zukunft sozialer Netze?

Mit mehr als 500 Millionen Nutzern ist WhatsApp der derzeit der erfolgreichste Messenger-Dienst. Smartphone-User verschicken über solche Apps Texte, Bilder, Videos und Sprachnachrichten. Gerade junge Leute verzichten dadurch vermehrt aufs SMS-Schreiben oder die Kommunikation über Facebook. Mehr

20.01.2015, 18:17 Uhr | Wirtschaft
Soziologin über Banker Das ist ein gegenseitiges Belauern

Viel Geld und Party? Eine Soziologin widerlegt jedes schillernde Klischee: Banker haben kaum Freunde, suchen im Job vergeblich nach dem Menschlichen und flüchten erschöpft in traditionelle Beziehungen. Mehr Von Denise Peikert, Frankfurt

17.02.2015, 15:08 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.01.2013, 11:44 Uhr

Punkte für Zuwanderer

Von Sven Astheimer

Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus. Deshalb braucht es Mut zu neuen Ideen. Das kann auch ein Punktesystem für Zuwanderer sein. Mehr 14 4


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Was binnen einer Minute im Internet passiert

4 Millionen Suchanfragen bei Google, 277.000 Tweets, 100.000 Freundschaftsanfragen bei Facebook: Hätten Sie gewusst, was binnen einer Minute im Internet passiert? Unsere Grafik des Tages zeigt es. Mehr 6