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Überalterung : Deutschland wird zur Rentnerdemokratie

Immer neugierig bleiben und geistig rege: Vorlesung an der Universität Bielefeld Bild: ullstein bild

Die 68er sind schon im Ruhestand, bald folgen die Babyboomer: Die Alten übernehmen die Macht. Kein Wunder, dass die Politik ihnen ein Geschenk nach dem anderen macht.

          Der Marketingfachmann Julian Weiss soll für RTL Waschmittelhersteller und Autobauer überreden, Werbeblöcke zu schalten. Bisher hat er den Autoverkäufern dafür eine bewährte Zahl genannt: die Anzahl der Zuschauer von 14- bis 49 Jahren, die RTL eingeschaltet hat: die „Werberelevanten“ hießen sie in den vergangenen dreißig Jahren.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Gruppe war das Nonplusultra, um Ältere scherten sich die Firmen nicht: Die seien zu arm, zu knauserig, kaum verführbar, also uninteressant als Zielobjekt. Das ist nun alles Schnee von gestern. Die Gruppe der Menschen unter 50 spiegele heute nicht mehr Deutschland, haben die Autobauer dem Marketingmann Weiss klargemacht, die stellten ja nicht mal mehr die Hälfte der Bevölkerung.

          Willkommen in der neuen deutschen Altenrepublik. Die Macht hat sich verschoben, von den Jungen nach hinten. Sie werden immer mehr. Das macht die Alten stark. Sie sind weit stärker als gedacht – in der Wirtschaft. In der Politik.

          Der geburtenstärkste Jahrgang, den Deutschland je erlebt hat, wird in diesem Jahr 50. So sehen also die relevanten Käuferschichten heute schon aus. Schnittig kam im vergangenen Jahr die neue A-Klasse von Mercedes dahergefahren, auf jugendlich getrimmt – und tatsächlich, sie wurde ein Erfolg. Das Durchschnittsalter ihrer vielen Käufer betrug 53 Jahre. „Konsumkräftig und kauffreudig“ seien die Älteren, stellt RTL-Mann Weiss fest und zieht Konsequenzen: „Wir orientieren uns am neuen Maßstab der unter 60-Jährigen.“

          Wenn die sogenannten „Babyboomer“-Jahrgänge in Rente gehen
          Wenn die sogenannten „Babyboomer“-Jahrgänge in Rente gehen : Bild: F.A.Z.

          In der Politik gibt es erst gar keine Altersobergrenze für die Relevanz, allenfalls eine nach unten: Ein Drittel der Wähler ist über 50, wer jünger ist, geht weitaus seltener zur Wahl. Das könnte Folgen haben, wie bereits vor fünf Jahren Altbundespräsident Roman Herzog schwante: „Ich fürchte, wir sehen gerade die Vorboten einer Rentnerdemokratie: Die Älteren werden immer mehr, und alle Parteien nehmen überproportional Rücksicht auf sie. Das könnte am Ende in die Richtung gehen, dass die Älteren die Jüngeren ausplündern.“

          Wir haben die falschen Bilder im Kopf: Geht es um den Generationenkonflikt zwischen Jungen und Alten, werden die Berichte um geplante Rentenerhöhungen und Rentensenkungen mit gebrechlichen Greisen bebildert, die auf einer Parkbank dem Lebensabend entgegendämmern, den Gehstock neben sich. Kinder gegen Trümmerfrauen – der Eindruck, das seien die Protagonisten in der Debatte, er könnte verzerrender nicht sein.

          Die Mächtigen der neuen Rentnerdemokratie sind die 68er, die Jahrgänge 1940 bis 1950, die fast alle heute im Ruhestand sind und in stuckverzierte Altbauten der Kulturstadt Weimar ziehen. In den Universitäten geben sie sich längst nicht mehr nur dem Genuss der Kunstgeschichte hin. Die Kreuzfahrtbranche erlebt ein Rekordjahr nach dem anderen, und dank der neuen Rentengesetze der großen Koalition mit dem Renteneintrittsalter 63 sind nun noch mehr Deutsche zur Party auf dem Sonnendeck eingeladen.

          Am vergangenen Mittwoch tritt die neue Arbeitsministerin Andrea Nahles vor die Berliner Hauptstadtpresse und präsentiert eine Werbeanzeige, die eigentlich schon die ganze Geschichte enthält: „Das neue Rentenpaket“ der Bundesregierung. Rente mit 63 – Haken. Erwerbsminderungsrente und Rente für ältere Mütter, die vor 1992 Kinder bekommen haben – Häkchen dran. „Was steckt für Sie drin?“, ruft die Regierung den Leuten zu und rät, im Internet nachzuschauen, was für jeden an Euro und Cent herauszuholen ist. „Nicht geschenkt, sondern verdient“, wirbt die Bundesregierung für das Rentenpaket, die offensive Negation ist verräterisch.

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