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Über das Vergessen Das Jahr nach Lehman

14.09.2009 ·  Die Krise kam als Schock über die Welt. Dabei ist alles schon einmal fast genauso da gewesen. Das große Rätsel bleibt, wieso wir das immer wieder vergessen.

Von Rainer Hank
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„Es gab einmal eine Zeit, und sie dauerte immerhin Jahrzehnte, da die Ansicht vorherrschte, dass Krisen immer seltener, immer milder würden im Zuge einer Stabilisierung der kapitalistischen Wirtschaft. Das war die allgemeine Ansicht der Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspraxis, auf die sich die ökonomische Welt nicht nur in ihrem Denken, sondern auch in ihrem Tun und Lassen eingestellt hatte. Darum trat die krisenentwöhnte Praxis der neuen Krise, die eine wirkliche Großkrise war und daneben eine tiefgreifende Wirtschaftsrevolution, so ahnungs- und hilflos gegenüber.“

Mit diesen Sätzen eröffnet der Wirtschaftsjournalist Felix Pinner sein Buch „Die großen Weltkrisen“. Es wurde verfasst in den Jahren 1936 und 1937 in Zürich und New York und ist bis heute eine der präzisesten Darstellungen der Finanzkrisen, die je geschrieben wurden.

Über das Vergessen reden

Doch genauso wie die Erfahrung der Krisenanfälligkeit des Kapitalismus in unseren Tagen der Vergessenheit anheimfiel, wurden auch der Autor Felix Pinner und seine treffsichere Analyse vergessen: Pinner, ein deutscher Jude, der in den zwanziger Jahren mit Essays in der „Weltbühne“ auf sich aufmerksam gemacht und später mit „Deutsche Wirtschaftsführer“ eine Theorie des kapitalistischen Unternehmers vorgelegt hatte, war gerade noch rechtzeitig aus Nazi-Deutschland entkommen. Im amerikanischen Exil, fern der ihm vertrauten Muttersprache und Kultur, wurde er nie heimisch. Sein letztes Buch „Capitalism after two Wars“ fand keinen Verleger. Im Mai 1942 nahm Pinner sich, zusammen mit seiner Frau, in New York das Leben.

Wer heute, ein Jahr nach der epochalen Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers, über die erste große Krise des 21. Jahrhunderts nachdenkt, muss vor allem über das Vergessen reden. „Il n'y a de nouveau que ce qui est oublié“, wusste schon Rose Bertin, die Schneiderin der Marie Antoinette: „Es gibt nichts Neues - mit Ausnahme dessen, was wir vergessen haben.“ Wenn Pinner über „"das Fiktive und Aufgeblähte dieser dynamischen Spekulationsperiode“ schreibt, dann meint er nicht die amerikanischen Häuserpreise von 2005, sondern den raschen Boom der Industrialisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der die Verschuldung der Staaten und Unternehmungen alle Maße überstieg, täglich neue Aktiengesellschaften gegründet wurden und „die starke internationale Verflechtung des Finanzkapitals“ zu einer Gefahr für die gesamte Weltwirtschaft wurde: Dem Boom folgte die Depression an den Kreditmärkten. Dann kam der Zusammenbruch der Warenmärkte und im Anschluss daran ein Bankencrash in den Vereinigten Staaten und in England.

„Wir sind schon einmal hier gewesen“

Die Krise der 1850er Jahre zeigt, wenn auch nicht in derselben Reihenfolge, ziemlich präzise das Muster späterer Krisen - auch der heutigen. „Wir sind schon einmal hier gewesen“, schreiben die amerikanischen Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in einem faszinierenden Buch mit dem Titel "Dieses Mal ist alles anders", das im November auf den Markt kommt. Den Beweis führen die beiden Wissenschaftler mit Hilfe von Daten aus acht Jahrhunderten und 66 Ländern. Das Resultat: Finanzkrisen folgen stets einem Muster. Es hat sich schon vielmals in der Geschichte gezeigt und wird jedes Mal nur marginal variiert.

Staaten, Banken, Firmen oder der einfache Bürger, sie alle geben und nehmen in „guten Zeiten“ exzessiv Kredite, ohne sich ausreichend die Risiken vor Augen zu führen, denen sie sich aussetzen, wenn unweigerlich die Rezession eintritt. „Dieses Mal kann uns das nicht passieren“, heißt die große Lebenslüge in Zeiten des fröhlichen Überschwangs. Und allemal finden sich Gründe und Indizien dafür, dass wirklich dieses Mal alles anders ist: Stolz präsentieren die Experten einander, warum ihre Risikomodelle verlässlich, ihre Regulierungen dicht und ihre Absicherungsgeschäfte unverwundbar sind. „Das zentrale Problem der Depressions-Vermeidung haben wir gelöst“, deklarierte Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Lucas im Jahre 2003.

Schuldige werden auf die Bühne gezerrt

Auch Nobelpreisträger sind vor Amnesie nicht gefeit. Und dann, wenn das Gesetz der Wiederholung unerbittlich allen Versicherungen hohnspricht, ist das Erschrecken groß, und alle sind der Meinung, so etwas Schlimmes sei der Weltwirtschaft noch nie passiert. Schuldige werden auf die Bühne gezerrt und für das Desaster verantwortlich gemacht. In Frage kommen Banker („exzessive Boni“), Ökonomen („falsche Modelle“), Zentralbanker („niedrige Zinsen“), Politiker („falsche Anreize“) - und immer wieder die Allegorie des Unmaßes: die menschliche Gier höchstpersönlich. Sie alle werden erbarmungslos mit der Frage konfrontiert: „Warum habt ihr uns verschwiegen, was immer wieder passieren wird?“

Dabei hätten alle es wissen können; denn es passierte nicht zum ersten, sondern zum wiederholten Mal. Krisen - das vergessen wir immer wieder - folgen stets dem Rhythmus von Boom und Bust, von Überschwang und Schrumpfung. Länder, Institutionen oder Finanzinstrumente mögen sich verändern, sie mögen sogar immer komplexer werden. Aber die menschliche Natur ändert sich nicht.

Die „Unbesiegbarkeit der Geldpolitik“

Viel rätselhafter noch als der Gedanke, dass es seit Jahrhunderten mit Regelmäßigkeit zu Finanzkrisen kommt, ist deshalb die Frage, warum wir das ebenso regelmäßig wieder vergessen. Vielleicht weil die Erfindungen der Makroökonomie und Finanzindustrie (in die tatsächlich viel menschlicher Geist eingeht) so überzeugend und beruhigend daherkommen? Zuletzt war es der Glaube in die „Unbesiegbarkeit der Geldpolitik“ gewesen, meinen die Ökonomen Reinhart und Rogoff: Zentralbanken hatten sich in ihre eigenen Gedanken der Inflationsbeherrschung verliebt und geglaubt, dass sie einen Weg gefunden hätten, die Teuerung niedrig zu halten und den wirtschaftlichen Output optimal zu modellieren und zu stabilisieren.

Der amerikanische Notenbankpräsident Alan Greenspan war unser aller Held; ihm huldigten Politiker, Ökonomen und Banker auf der ganzen Welt. Greenspan, von dem es hieß, er studiere täglich in seiner Badewanne alle relevanten ökonomischen Daten und Zahlen, war einer der Garanten dafür, dass wir glaubten: „This time is different“.

Der Preis des Vergessens ist hoch

„Zu allem Handeln gehört Vergessen“, wusste Friedrich Nietzsche. Wenn er recht hat, dann gehört auch zu allem Wirtschaften das Vergessen. Und das ist gut so, so paradox es klingen mag. Würden die Menschen und Staaten sich stets daran erinnern, in welch desaströse Lage ein Leben auf Pump sie in früheren Zeiten schon einmal geführt hat, sie ließen allen Wagemut und allen Tatendrang resigniert bleiben: Die Erinnerung an alle früheren Krisen würde jegliche Investitions- und Konsumneigung ersticken. Das Vergessen aber bietet, so Nietzsche, die einmalige Chance, „Thüren und Fenster des Bewusstseins zeitweilig zu schließen; von dem Lärm und Kampf, mit dem unsere Unterwelt von dienstbaren Organen für und gegen einander arbeitet, unbehelligt zu bleiben“.

Doch der Preis des Vergessens ist hoch. Die Wiederkehr des Verdrängten kommt regelmäßig als Schock daher. Schon der Blick auf den Jahrestag der Lehman-Pleite am kommenden Dienstag zeigt, wie viel Vergessen am Werk ist. Wenige Wochen vor dem Datum waren wir Zeitgenossen noch davon überzeugt, die Krise (die man damals gerne „Subprime-Krise“ nannte) läge mehr oder weniger hinter uns. „Ich sehe keinerlei Indizien für eine neue Weltwirtschaftskrise“, sagte Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, in einem Interview mit der Sonntagszeitung, den wir damals entspannt an einem schönen Tag im Mai in Zürich trafen, war stolz darauf, dass auch unter den Bedingungen der Globalisierung das Krisenmanagement funktioniert hat. „Wir haben das bewältigt.“

Das Schlimmste kam erst noch

Was wir alle damals nicht wussten: Das Schlimmste lag noch vor uns - die erste große Schrumpfung der Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert. Es kam die Pleite von Lehman und die Beinahe-pleite des amerikanischen Risikoversicherers AIG; alles Ereignisse, welche die gesamte Weltwirtschaft in eine Art Schockstarre versetzt haben. Allein die Deutschen fühlten sich genötigt, mit viel Geld ihre Hypothekenbank HRE zu verstaatlichen, der angeschlagenen Commerzbank und einem halben Dutzend Landesbanken unter die Arme zu greifen und zusätzlich 85 Milliarden Euro in die Konjunktur zu pumpen.

Plötzlich hatte sich die Wahrnehmung der Zeitgenossen gedreht: Aus Stoikern waren Apokalyptiker geworden. Die Bilder, die zum Vergleich herangezogen wurden, konnten nicht bombastisch genug gewählt werden. Mindestens die Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 ff. musste dafür herhalten. Wahlweise darin enthalten war das Ende des Kapitalismus, aller Wachstumsideologien oder der Geldwirtschaft. Auch dieser Übertreibungsgestus lässt sich als Folge und Preis der kollektiven Vergesslichkeit deuten: Wem die Erfahrung der Krisenanfälligkeit des Kapitalismus nicht mehr präsent ist, der neigt dazu, die erste eigene Krisenerfahrung als Zeichen des beginnenden Untergangs zu sehen. Heute, da die Rezession überraschend schnell zu Ende gegangen ist, erkennen wir betreten, wie übertrieben alle apokalyptischen Vergleiche waren und wie regelgerecht diese Krise verlief.

Punkt ohne Ausweg

Schon der sich festsetzende Konsens, die Pleite von Lehman sei der Urknall der Krise, und wenn die amerikanische Regierung bloß Lehman gerettet hätte, wäre das Ganze nur ein Schluckauf und keine Herzattacke geworden, ist eine allzu isolierte Erklärung. In Wirklichkeit hatten sich eben wieder einmal globale Ungleichgewichte bei Schulden und Vermögenspreisen aufgebaut und einen Punkt erreicht, an dem es keinen einfachen Ausweg mehr gab, meint Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff. Wäre die Erinnerung an das Muster von Krisen nicht so verschüttet gewesen, hätte auch das Erschrecken über Lehman nicht so angststarr ausfallen müssen.

Tatsächlich zeigte sich, dass das System darauf aufgebaut war, dass im Krisenfall der Staat die von den Marktteilnehmern verursachten Verluste sozialisieren musste. Mit der Drohung, sie seien „systemrelevant“, also für das Risiko der Pleite zu fett und zu vernetzt, vermochten Banken und Unternehmen (Opel!) den Regierungen Milliardensummen abzupressen. Nicht das Wirken der Märkte, sondern diese demütigende Erfahrung war es, die den Kapitalismus in Misskredit gebracht hat.

Es ist deshalb im Prinzip richtig, dass die Gemeinschaft der G-20-Staaten zur Vermeidung neuer Krisen darauf hinwirkt, einen solchen Rettungsautomatismus künftig zu vermeiden. Oder anders gesagt: Wer bei der nächsten Krise abermals von den Staaten herausgepaukt werden will, muss heute bereit sein, sich regulieren zu lassen, um das Risiko zu minimieren, dass ein solcher Fall eintreten wird. Doch die hochtrabende Planwirtschaft macht skeptisch, enthält sie doch schon den Keim einer künftigen Leichtgläubigkeit, die uns die Sicherheit vorgaukelt, dieses Mal hätten wir den Stein der Weisen zu Marktregulierung und Krisenvermeidung gefunden. Während es in guten Zeiten die Märkte sind, die falsche Sicherheit vorgaukeln, übernehmen diese Rolle in schlechten Zeiten die Politiker. „Bei staatlicher Regulierung kann es immer nur darum gehen, den vorherigen Unfall zu vermeiden“, sagt Harvard-Ökonom Ricardo Hausmann.

Den künftigen Unfall werden wir nicht vermeiden

Der Blick auf die Krisengeschichte des Kapitalismus zeigt: Den künftigen Unfall werden wir nicht vermeiden, wie heftig auch immer wir jetzt Boni-Banker schelten und Ackermann-Renditen geißeln. Das stellt nicht in Abrede, dass es nötig ist, die Finanzindustrie in ihre Schranken zu weisen, um der Marktwirtschaft wieder zu ihrer Strahlkraft zu verhelfen. Diese beruht auf Freiheit, Leistungsgerechtigkeit und dem Sinn dafür, dass jene, die die Früchte ernten, auch für die Verluste geradestehen.

„Die Kräfte, die der Kapitalismus wie kein anderes System vor ihm entwickelt hat, Fortschritt, Volksreichtum und Volksvermehrung, mögen der Güter höchste nicht sein“, schreibt Felix Pinner am Ende seines Buches über die „Großen Weltkrisen“ von 1937: „Eine andere Wirtschaftsform, die diese Kräfte mit gleicher Intensität entwickeln wird wie er, vermögen wir uns auch nach ihm nur schwer vorzustellen.“

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