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Trinkgeld Die Ökonomie des Gebens

18.04.2005 ·  Trinkgeld ist reine Geldverschwendung. Denn es sorgt selten für besseren Service. Aber es beruhigt das Gewissen. Die Trinkgeldforschung zählt zweifellos zu den wenig beachteten wissenschaftlichen Fachgebieten.

Von Catherine Hoffmann
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Zu einem wenig beachteten wissenschaftlichen Fachgebiet zählt zweifellos die Trinkgeldforschung. Dabei ist sie im Alltag durchaus relevant. Jeder Kellner, Taxifahrer oder Friseur wird das ohne Zögern bestätigen. Ein wenig Licht ins Wissensdunkel bringen Psychologen und Ökonomen.

Einer der angesehensten Forscher auf diesem Gebiet ist Michael Lynn. Der frühere Barmann und Kellner ist heute Professor für Verbraucherverhalten an der Cornell- Universität New York. Mehr als 25 wissenschaftliche Arbeiten hat er zum Thema Trinkgeld publiziert.

Für Ökonomen ist die Spendierfreudigkeit „irrational“

Lynn schätzt, daß allein die Amerikaner jedes Jahr weit mehr als 20 Milliarden Dollar Trinkgeld geben. Wie viele Münzen dienstbaren Geistern hierzulande in die Hand gedrückt werden, hat dagegen noch niemand ermessen. Ungezählt sind auch die zahlreichen Ratgeber, die erklären, wann, wem, wieviel Trinkgeld zusteht. Die spannendste Frage lassen sie jedoch offen: Warum wird es überhaupt gezahlt?

Niemand wird gezwungen, Trinkgeld rauszurücken, es ist eine Belohnung, die Kunden zumeist freiwillig geben. Mancher ist dabei überaus generös. So waren die Trinkgelder von James Joyce einst ebenso legendär wie seine Geldsorgen. Wirtschaftswissenschaftler haben für solches Verhalten kein Verständnis. Die Spendierfreudigkeit kommt ihnen "mysteriös" und "irrational" vor, gehen sie doch davon aus, daß Individuen stets vernünftig handeln. Und das heißt, daß sie ganz egoistisch nur ihre eigenen Interessen verfolgen.

Qualitätskontrolle liegt beim Gast

Warum zahlen Menschen in einer Welt von Supersparangeboten, Sonderpreisen, Rabatten und Schnäppchen, die an ihren Geiz appellieren, mehr als unbedingt nötig? Die naheliegende Antwort lautet natürlich: Das Trinkgeld sichert Kunden einen guten Service. Es spornt den Kellner an, schnell und zuvorkommend zu sein, den Friseur Präzisionsarbeit zu leisten und den Masseur mit Gefühl zu kneten. Ökonomen hoffen darauf, daß der Mechanismus einen Mißstand bessert, den sie das Principal-Agent-Problem nennen.

Für einen Restaurantbesitzer, den Prinzipal, ist es schwierig, die Bemühungen seines Kellners, des Agenten, zu überwachen; er kann sich ja schlecht an dessen Fersen heften. Für den Kunden ist es hingegen ein leichtes. Der Wirt ist also gut beraten, das Gehalt seines Angestellten zu kürzen und bei der Qualitätskontrolle auf den Gast zu vertrauen: Er wird den Service schon entsprechend honorieren. Und der Mitarbeiter wird sich ins Zeug zu legen, um genug zu verdienen. Soweit die Theorie.

Blumenschmuck belebt die Zahlungsbereitschaft

In der Praxis zahlt der Kunde erst, nachdem das Essen serviert wurde, wenn der Friseur die Schere aus der Hand gelegt hat und die Kosmetikerin die Rechnung schreibt. Die Trinkgeldtaktik würde allenfalls bei Stammkunden aufgehen: Sie greifen zum Portemonnaie, damit das Personal beim nächsten Besuch jederzeit zur Stelle ist und Wünsche prompt erfüllt. Zumindest ließen sich so Vergeltungsmaßnahmen für übermäßigen Geiz vermeiden. Dummerweise zeigen Studien, daß Gäste auch dann Trinkgeld entrichten, wenn sie sicher sind, Kellner oder Zimmermädchen nie wieder zu sehen. Ökonomisch betrachtet ist das reine Geldverschwendung.

Den meisten Kunden ist es in Fleisch und Blut übergegangen, Trinkgeld auszuteilen, auch wenn der Service muffig war. Sie können gar nicht anders. Empirische Arbeiten belegen, daß die Qualität des Dienstleistung zwar die Größe des Trinkgelds beeinflußt, aber nur marginal. Den stärksten Einfluß auf die Höhe der Zuwendung hat schlichtweg der Umfang der Rechnung. Er definiert 70 Prozent des Trinkgelds, schätzt Professor Lynn, die Qualität des Service erklärt den "Tip" nicht einmal zu fünf Prozent. Stattdessen beeinflussen merkwürdige Dinge die noble Geste: Wer mit Kreditkarte zahlt, ist freigebiger, fanden Forscher heraus. Männer zeigten sich in Studien spendabler als Frauen, allerdings nur, wenn die Bedienung weiblich war. Auch Alkoholkonsum, Sonnenschein und Blumenschmuck beleben die Zahlungsbereitschaft.

Die Menschen zahlen, um ihr Gewissen zu beruhigen

Eine überzeugende Erklärung für das Trinkgeld-Phänomen ist das nicht. Die liefert vielleicht die Geschichte. Trinkgeld ist bereits seit dem 14. Jahrhundert bekannt. Schon der Name legt nahe, daß es seinen Ursprung in Gaststätten hat. Das Geld war ein kleines beschwichtigendes Geschenk für den neidischen Kellner: Wenn ich üppig schmause, sollst du wenigstens auf meine Kosten ein Glas trinken.

An die These knüpfen Soziologen und Psychologen an, die Trinkgeldzahlen einfach als Gepflogenheit, als soziale Norm begreifen. Die Menschen zahlen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Sie zahlen, weil sie wissen, daß der Friseur wenig verdient. Sie zahlen aus Dankbarkeit. Sie versuchen, mit einem großen Schein ihre Unsicherheit zu verbergen. Sie wollen dem steinernen Gesicht der Bedienung ein Lächeln entlocken. Sie spielen gern den gönnerhaften Wohltäter oder suchen Anerkennung.

Während Trinkgeldverweigerer unter den Seufzern des Kellners und Seitenblicken der Begleitung leiden, genießen großzügige Spender beider Respekt. Allerdings nur, wenn die Gratwanderung zwischen überheblicher Protzerei und peinlicher Knickrigkeit gelingt. Aber das ist ein anderes Thema.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.04.2005, Nr. 15 / Seite 56
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