12.02.2009 · „Er wird großartig sein“, hatte Präsident Obama gesagt. Doch der erste große Auftritt des amerikanischen Finanzministers Geithner enttäuscht. Nach seiner Rede, die das Ende der Unsicherheit an den Finanzmärkten markieren sollte, fielen die Kritiken niederschmetternd aus.
Von Carsten KnopAn diese Woche, die erste wirklich wichtige in seiner noch jungen Amtszeit als 75. Finanzminister der Vereinigten Staaten, wird sich Timothy Geithner für den Rest seines Lebens erinnern. Es sollte sein großer Auftritt werden. Er wollte eine Rede halten, die das Ende der Unsicherheit an den Finanzmärkten markieren sollte; er wollte eine Art Masterplan zur Rettung der taumelnden Banken vorstellen.
Doch Geithner erreichte das Gegenteil. Die Zeugnisse fallen verheerend aus: „Es war das erfolgloseste Debüt, das ein Finanzminister je hatte“, sagte Kevin Hassett vom konservativen American Enterprise Institute in Washington. Selbst aus dem eigenen Lager hagelte es Kritik: Adam Posen vom Peterson Institute for International Economics, der das Konjunkturprogramm der Regierung unterstützt, bezeichnete Geithners Rede als „feige“. Und das Lob, das er von seinem Chef Barack Obama noch vor seiner Rede bekommen hatte, lastet jetzt bleischwer auf im: „Er wird großartig sein“, hatte Obama gesagt. Und: „Ich werde dafür sorgen, dass Tim seinen Moment im hellen Sonnenschein bekommt.“
Geithner hat seinen Moment bekommen, aber er hat ihn nicht genutzt, die Sonne war womöglich zu grell. Denn enttäuscht hat nicht nur der Inhalt seiner Rede, in der er ein diffuses Maßnahmenpaket umrissen hat, das aus neuen Kapitalspritzen für Banken, der Ankurbelung der Kreditmärkte durch die Notenbank Fed und Hilfen für unter Druck geratene Hausbesitzer besteht. Auch die Art des Vortrags blieb hinter den hohen Erwartungen zurück.
Die Augen tasteten sich am Teleprompter entlang
Vielleicht lag es daran, dass schon die Bestätigung seiner Ernennung zum Minister eine unerwartete Hürde zu überwinden gehabt hatte, war doch bekannt geworden, dass Geithner einen Teil seiner Steuern nicht bezahlt hatte: Jedenfalls stand er dann da, einigermaßen nervös, mit einem Meer amerikanischer Fahnen in seinem Rücken. Seine Augen tasteten sich an der Schrift des Teleprompters entlang. Das Problem war nur, dass ihm auch der Teleprompter nicht mit so heiß ersehnten Details zu seinen Plänen weiterhelfen wollte.
Geithner sagte zwar, dass ein zum Teil von privaten Investoren finanzierter Fonds Schrottpapiere der Banken übernehmen soll, was man zunächst als gute Nachricht empfinden kann. Allerdings blieb danach unklar, in welcher Form und zu welchem Preis Washington diese Papiere kaufen wird. Das ist ein Déjà vu, denn über Fragen zur richtigen Preisfindung für solche Wertpapiere war schon der erste Rettungsversuch von Geithners Amtsvorgänger Hank Paulson gescheitert.
Fragen gab es nach dem Auftritt Geithners also zuhauf. Doch obwohl Obama gesagt hatte, Geithner werde nach seiner Rede eine Pressekonferenz abhalten, enteilte er den verwunderten Journalisten, ohne Fragen zuzulassen, nur um kurz danach in die Mikrofone einiger prominenter Fernsehsender zu sprechen – was für einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn meist jedoch nur wenig bringt.
Verheerendes Krisenmanagement der jungen Regierung
Führende amerikanische Ökonomen bezeichneten das Krisenmanagement der jungen Regierung danach als verheerend. „Sie hätten die Vorstellung der Pläne verschieben müssen, wenn sie nicht ausgearbeitet sind“, sagte Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff. Es habe offensichtlich keine Einigkeit in der Administration gegeben. Geithner habe die Probleme hervorragend dargestellt, bei der Vorstellung der Maßnahmen jedoch enttäuscht.
Mit zuviel Lob im Vorfeld scheint Geithner also nicht recht umgehen zu können: Denn auf die Nachricht, er solle Finanzminister werden, hatte die Wall Street im Dezember zunächst mit einem Kursfeuerwerk reagiert. Auf seiner alten Stelle als Präsident der einflussreichen Federal Reserve Bank von New York hatte er sich einen glänzenden Ruf erworben. Der an den Eliteuniversitäten Dartmouth und Johns Hopkins ausgebildete Ökonom hatte zudem eine zentrale Rolle in der Rettung der angeschlagenen Investmentbank Bear Stearns gespielt. Und eigentlich hatte es als Vorteil gegolten, dass Geithner ob seiner Erfahrung keinerlei Zeit zur Einarbeitung benötigen würde.
Tatsächlich, so heißt es nun, hätte sich der vor 47 Jahren im Stadtteil Brooklyn geborene waschechte New Yorker diese Zeit wohl nehmen sollen: Denn auch nach Geithners Worten steht das Finanzsystem „vor der größten Herausforderung seiner Geschichte.“ Mit ihrem Krisengerede, so heißt es nun aber von amerikanischen Kommentatoren, trügen Obama und sein Finanzminister Geithner lediglich dazu bei, die Unsicherheit zu vergrößern und das für die Rettung der Systeme so dringend benötigte private Kapital weiter zu verschrecken.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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