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Veröffentlicht: 29.02.2016, 12:51 Uhr

Demographie-Debatte „Weniger Deutsche sind ein Glück“

Der Ökonom Thomas Straubhaar über die Mythen der Demographie-Debatte, den Nutzen der Flüchtlinge. Und den Preis für mehr Babys.

von und
© dpa „Ein Glück also, dass wir weniger Arbeitskräfte haben werden“, frohlockt Thomas Straubhaar, Wirtschaftsprofessor in Hamburg.

Herr Straubhaar, Deutschland schrumpft. Ist das schlimm?

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Ob Deutschland wirklich schrumpft, ist mehr als fraglich. Und falls es tatsächlich, irgendwann in ein paar Jahrzehnten, so weit kommen sollte, ist das keine schlechte Nachricht, im Gegenteil: Der Wohlstand verteilt sich dann auf weniger Köpfe, uns geht es besser. In Schulen und Schwimmbädern, in Parks und auf den Straßen – überall würde es leerer, überall hätten wir mehr Platz.

Wer soll dann die Arbeit tun, wenn nur noch Ältere im Park oder im Schwimmbad sitzen?

Der technologische Fortschritt schafft Arbeit ab, das sehen wir in der Wirtschaftsgeschichte seit der Industrialisierung. Die Digitalisierung, Stichwort Industrie 4.0, kommt jetzt mit Wucht, menschliche Arbeit wird dadurch obsolet. Ein Glück also, dass wir weniger Arbeitskräfte haben werden.

Sie bestreiten, dass uns demnächst die Facharbeiter fehlen?

Ja, ich begreife nicht, wie Ökonomen – fast unisono – zu solchen Schlüssen kommen können. All die Behauptungen, dass wir deswegen Zuwanderung benötigen, sind falsch. Schon allein deshalb, weil sie den arbeitssparenden Fortschritt leugnen oder zumindest unterschätzen und auch weil zu viele vorhandene Potentiale ungenutzt bleiben. Um die Lücke am Arbeitsmarkt zu schließen, genügt eine minimale Steigerung der Innovation, ein Anstieg der Produktivität um 0,5 oder 0,8 Prozent. Das schaffen wir mit links, in der Vergangenheit lag die Zahl weit höher. Wir können also glücklich sein, wenn Deutschland schrumpft, sonst haben wir viel zu viele Menschen ohne Arbeit, da Roboter sie ersetzen.

Roboter zahlen aber nicht in die Sozialkassen ein. Wer finanziert dann den Wohlfahrtsstaat?

Genau deswegen bin ich für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Der Sozialstaat muss grundsätzlich neu geregelt werden. Im Moment wird vor allem Arbeit stark belastet, das ist nicht einzusehen. Die gesamte Wertschöpfung muss besteuert werden. Auch Einkommen aus Kapital, auch aus Maschinen und Robotern. Dann ist die Alterung keine Bedrohung, ich bin überzeugt: Deutschland hat die besten Jahr noch vor sich. Die Menschen leben länger, gesünder, materiell besser als je zuvor.

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Warum finden dann Thesen wie „Deutschland schafft sich ab“ so viele Anhänger? Sind die dahintersteckenden Sorgen völkisch motiviert?

Volltreffer! Auch wenn ich dieses Wort nicht in den Mund nehme. Das ist mir viel zu heikel, weil zu vorbelastet. Ich sage nur: Falls die Bevölkerung schrumpft, ist das ein Glück – für die Menschen wie für die Umwelt: weniger Stau, weniger intensive Landwirtschaft. All das schont die Natur. Im Bedauern um schrumpfende Bevölkerungszahlen schwingt im Hinterkopf immer die Historie mit, als die Anzahl der Köpfe in Heer und Infanterie über weltpolitische Macht und Einfluss entschied. Diese Zeiten sind längst vorbei. Trotzdem ängstigt es viele, wenn der Anteil der Nicht-Urdeutschen steigt, wenn die Bevölkerung in anderen Weltregionen wächst. Für diese Leute wirkt das bedrohlich, weil sie die Kultur und alles gefährdet sehen, was für sie Deutschland ausmacht.

Ist diese Furcht nicht berechtigt?

Ich finde es anmaßend, wenn jemand vorschreiben will: Das ist typisch „deutsch“, so müssen alle leben. Es gibt nun mal keine fixe Definition, was genau Deutschland ausmacht. Mit der steigenden Zahl von Nicht-Urdeutschen wächst die Vielfalt, das macht eine neue Definition nötig, was Bevölkerung und Gesellschaft zusammenhält.

Erst mal droht ein Zusammenprall von Alt und Jung. Halten Sie es nicht für problematisch, wenn die Senioren die Überhand erlangen und die Politik sich nur noch nach deren Wünschen richtet?

Ja, völlig richtig. Die Alterung der Gesellschaft ist ein Trend, den ich nicht in Frage stelle. Und wie die Politik darauf reagiert, ergibt sich aus der Politökonomie: Bei den Älteren sitzen nun mal die Wähler. Die verheerende Wirkung erleben wir bereits jetzt. Die Regierung in Berlin betreibt eine Politik für die Alten, gegen die Jungen. Paradebeispiel ist das Rentenpaket, wo alle in der großen Koalition ihre jeweilige Klientel unter den Alten bedient haben. Die Kosten tragen dann die Jüngeren. Es ist unverkennbar: Die Jungen müssen arbeiten, die Älteren haben Zeit, für ihre Interessen zu kämpfen – gut zu beobachten am Phänomen der Wutbürger.

Wie ist die Alterung zu bremsen? Mit mehr Babys oder mehr Zuwanderern?

Mit Zuwanderern nicht. Es ist falsch zu glauben, dass gerade die altersspezifisch passenden Leute ins Land kommen. Das ist eine der großen Illusionen in der Flüchtlingsdebatte.

Also muss die Geburtenrate steigen, nur wie?

Jedenfalls nicht mit einer staatlich verordneten Politik zur Steigerung der Fertilität.

Die Alternative heißt: Wir fügen uns in unser Schicksal, wie es die Bevölkerungsstatistiken vorgeben?

Keine Bange, bisher waren die meisten Prognosen zur Entwicklung der Bevölkerung falsch. Die Statistiker ignorieren große politische Brüche und die Möglichkeit, dass die Menschen ihr Verhalten ändern. Wer will heute schon ausschließen, dass junge Leute wieder mehr Kinder haben wollen? Warum sollen auf 100 Frauen eines Tages nicht mehr als 150 Kinder kommen?

Helfen dazu finanzielle Anreize?

Nein, abgesehen davon, dass der demographische Wandel eben kaum Anlass für staatlichen Aktionismus liefert, versagen ökonomische Anreize an diesem Punkt. Es ist offensichtlich keine Frage des Geldes, wie viele Babys auf die Welt kommen. Allein mit Geldscheinen können Sie keine Frau dazu verführen, Kinder zu gebären. Viel stärker wirken indirekte Effekte, wenn potentielle junge Eltern sich überlegen: Was erwarte ich vom Leben? Welchen Bruch bringen Kinder? Was bedeuten die für meine Karriere? Diese Sorgen im Kopf von jungen Frauen und auch Männern können Sie mit keinem Eurobetrag neutralisieren.

Welchen Einfluss haben die Flüchtlinge auf die Entwicklung? Lösen junge, dynamische Einwanderer unsere Probleme, oder sprengen sie endgültig den Sozialstaat?

Tut mir leid, dass ich darauf mit keiner provokanten These aufwarten kann. Beide extremen Positionen, wie sie in dieser aufgeladenen Debatte vertreten werden, sind falsch. Die Flüchtlinge sind weder die Ursache unserer Probleme, noch sind sie Allheilmittel für alles, was uns plagt.

Das ist uns zu vage: Schaffen wir das nun – oder schaffen wir es nicht?

Wir schaffen es. Da bin ich bei der Kanzlerin, trotz all ihrer Fehler bei diesem Thema. Richtig bleibt: Ein Volk mit 81 Millionen Menschen kann ein bis zwei Millionen Flüchtlinge absorbieren, nicht nur einmal, sondern auch ein paar Jahre hintereinander. Deutschland hat das schon in höherem Maße vorgemacht, mit den Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg wie nach dem Mauerfall 1989. Die jetzige Flüchtlingswelle bedeutet nicht den Untergang Deutschlands. Die ökonomischen Folgen sind sowieso viel geringer als meist behauptet. Andere, sozioökonomische Entwicklungen wirken stärker: Wenn ständig mehr Menschen in Ein-Personen-Haushalten leben wollen, fordert das den Wohnungsbau mehr als jede Flüchtlingswelle. Andererseits führt es in die Irre, zu glauben, dass wir unter den Flüchtlingen haargenau die klugen, dynamischen Arbeitnehmer finden, die wir brauchen. Selbst die Differenz zwischen einem deutschen und einem syrischen Ingenieur ist massiv.

Thomas Straubhaar - der liberale Ökonom ist nach einjähriger Auszeit  für eine große Reise mit neuen Ideen an seinen Arbeitsplatz an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Hamburger Universität zurückgekehrt © Henning Bode Vergrößern Thomas Straubhaars neues Buch „Der Untergang ist abgesagt. Wider die Mythen des demografischen Wandels“ erscheint am 7. März in der „edition Körber-Stiftung“.

Wie fällt dann unterm Strich der ökonomische Saldo der Flüchtlinge aus?

Mittelfristig wird kein Effekt für das Wachstum pro Kopf, also den Wohlstand, zu spüren sein. Kurzfristig ist der Konjunktureffekt marginal positiv, im Bereich der statistischen Unschärfe. Das Wachstum mag vielleicht 0,1 Prozent höher ausfallen. Dagegen sind die Kosten zu rechnen. Fürs Erste belasten die Flüchtlinge den Sozialstaat. Sind sie dann integriert und mittleren Alters, helfen sie den Kassen, ehe sie im Alter wieder dem Wohlfahrtsstaat zur Last fallen. Im Endeffekt ist der Saldo auch für den Sozialstaat marginal oder gar neutral. Wir sollten den Zuzug von Flüchtlingen folglich nicht als ökonomische Investition deuten, sondern als einen Akt der Humanität. Und Humanität kostet etwas, das ist logisch.

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