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Demographie-Debatte : „Weniger Deutsche sind ein Glück“

„Ein Glück also, dass wir weniger Arbeitskräfte haben werden“, frohlockt Thomas Straubhaar, Wirtschaftsprofessor in Hamburg. Bild: dpa

Der Ökonom Thomas Straubhaar über die Mythen der Demographie-Debatte, den Nutzen der Flüchtlinge. Und den Preis für mehr Babys.

          Herr Straubhaar, Deutschland schrumpft. Ist das schlimm?

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ob Deutschland wirklich schrumpft, ist mehr als fraglich. Und falls es tatsächlich, irgendwann in ein paar Jahrzehnten, so weit kommen sollte, ist das keine schlechte Nachricht, im Gegenteil: Der Wohlstand verteilt sich dann auf weniger Köpfe, uns geht es besser. In Schulen und Schwimmbädern, in Parks und auf den Straßen – überall würde es leerer, überall hätten wir mehr Platz.

          Wer soll dann die Arbeit tun, wenn nur noch Ältere im Park oder im Schwimmbad sitzen?

          Der technologische Fortschritt schafft Arbeit ab, das sehen wir in der Wirtschaftsgeschichte seit der Industrialisierung. Die Digitalisierung, Stichwort Industrie 4.0, kommt jetzt mit Wucht, menschliche Arbeit wird dadurch obsolet. Ein Glück also, dass wir weniger Arbeitskräfte haben werden.

          Sie bestreiten, dass uns demnächst die Facharbeiter fehlen?

          Ja, ich begreife nicht, wie Ökonomen – fast unisono – zu solchen Schlüssen kommen können. All die Behauptungen, dass wir deswegen Zuwanderung benötigen, sind falsch. Schon allein deshalb, weil sie den arbeitssparenden Fortschritt leugnen oder zumindest unterschätzen und auch weil zu viele vorhandene Potentiale ungenutzt bleiben. Um die Lücke am Arbeitsmarkt zu schließen, genügt eine minimale Steigerung der Innovation, ein Anstieg der Produktivität um 0,5 oder 0,8 Prozent. Das schaffen wir mit links, in der Vergangenheit lag die Zahl weit höher. Wir können also glücklich sein, wenn Deutschland schrumpft, sonst haben wir viel zu viele Menschen ohne Arbeit, da Roboter sie ersetzen.

          Roboter zahlen aber nicht in die Sozialkassen ein. Wer finanziert dann den Wohlfahrtsstaat?

          Genau deswegen bin ich für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Der Sozialstaat muss grundsätzlich neu geregelt werden. Im Moment wird vor allem Arbeit stark belastet, das ist nicht einzusehen. Die gesamte Wertschöpfung muss besteuert werden. Auch Einkommen aus Kapital, auch aus Maschinen und Robotern. Dann ist die Alterung keine Bedrohung, ich bin überzeugt: Deutschland hat die besten Jahr noch vor sich. Die Menschen leben länger, gesünder, materiell besser als je zuvor.

          Warum finden dann Thesen wie „Deutschland schafft sich ab“ so viele Anhänger? Sind die dahintersteckenden Sorgen völkisch motiviert?

          Volltreffer! Auch wenn ich dieses Wort nicht in den Mund nehme. Das ist mir viel zu heikel, weil zu vorbelastet. Ich sage nur: Falls die Bevölkerung schrumpft, ist das ein Glück – für die Menschen wie für die Umwelt: weniger Stau, weniger intensive Landwirtschaft. All das schont die Natur. Im Bedauern um schrumpfende Bevölkerungszahlen schwingt im Hinterkopf immer die Historie mit, als die Anzahl der Köpfe in Heer und Infanterie über weltpolitische Macht und Einfluss entschied. Diese Zeiten sind längst vorbei. Trotzdem ängstigt es viele, wenn der Anteil der Nicht-Urdeutschen steigt, wenn die Bevölkerung in anderen Weltregionen wächst. Für diese Leute wirkt das bedrohlich, weil sie die Kultur und alles gefährdet sehen, was für sie Deutschland ausmacht.

          Ist diese Furcht nicht berechtigt?

          Ich finde es anmaßend, wenn jemand vorschreiben will: Das ist typisch „deutsch“, so müssen alle leben. Es gibt nun mal keine fixe Definition, was genau Deutschland ausmacht. Mit der steigenden Zahl von Nicht-Urdeutschen wächst die Vielfalt, das macht eine neue Definition nötig, was Bevölkerung und Gesellschaft zusammenhält.

          Erst mal droht ein Zusammenprall von Alt und Jung. Halten Sie es nicht für problematisch, wenn die Senioren die Überhand erlangen und die Politik sich nur noch nach deren Wünschen richtet?

          Ja, völlig richtig. Die Alterung der Gesellschaft ist ein Trend, den ich nicht in Frage stelle. Und wie die Politik darauf reagiert, ergibt sich aus der Politökonomie: Bei den Älteren sitzen nun mal die Wähler. Die verheerende Wirkung erleben wir bereits jetzt. Die Regierung in Berlin betreibt eine Politik für die Alten, gegen die Jungen. Paradebeispiel ist das Rentenpaket, wo alle in der großen Koalition ihre jeweilige Klientel unter den Alten bedient haben. Die Kosten tragen dann die Jüngeren. Es ist unverkennbar: Die Jungen müssen arbeiten, die Älteren haben Zeit, für ihre Interessen zu kämpfen – gut zu beobachten am Phänomen der Wutbürger.

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