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Teure Kontoüberziehung : Hohe Dispozinsen erzürnen Verbraucher

Skeptisch: Verbraucherministerin Ilse Aigner lässt die hohen Dispozinsen untersuchen Bild: dapd

Die Zinsen für eine Kontoüberziehung sind in Deutschland mit über zehn Prozent am teuersten. Während Verbraucherschützer schimpfen, leitet Ministerin Ilse Aigner eine Untersuchung ein.

          Der Druck auf die Bundesregierung steigt, gegen die von den Banken für die Kontoüberziehung in Rechnung gestellten Zinsen vorzugehen. „Die Bundesregierung muss die Dispozinsen endlich gesetzlich deckeln“, fordert der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, Gerd Billen. Europäische Banken durften sich seit Dezember bei der Europäischen Zentralbank insgesamt eine Billion Euro für drei Jahre zum niedrigen Leitzins von 1,0 Prozent leihen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Aber die Zinsen für Privatkunden, die ihr Konto überziehen, bleiben gerade in Deutschland hoch. Wie das Bundesfinanzministerium vor kurzem mitteilte, verlangen die Banken derzeit in Europa im Durchschnitt Dispozinsen von 8,8 Prozent. In Österreich ist die Kontoüberziehung im Durchschnitt mit 5,52 Prozent Zinsen noch am günstigsten, in Deutschland dagegen mit 10,24 Prozent am teuersten. „Das ist unerträglich. Alles über 10 Prozent ist Wucher“, sagte Verbraucherschützer Billen der „Bild“-Zeitung.

          Dispozinsen von 14 Prozent und mehr

          Ein Sprecher des Bundesverbraucherschutzministeriums sagte am Dienstag in Berlin, die enormen Unterschiede zwischen den niedrigen Leitzinsen, von denen die Banken profitieren, und den vergleichsweise hohen Dispozinsen seien „ein Ärgernis“. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) habe eine Untersuchung eingeleitet, um zu überprüfen, nach welchem Muster die Banken die Dispozinsen an den Leitzins anpassen.

          Seit Mitte 2008 hat die EZB ihren Leitzins von 4,25 auf das Rekordniveau von 1,0 Prozent gesenkt. Gerade Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken auf dem Land, wo der Wettbewerb weniger intensiv ist, verlangen jedoch weiterhin oft Zinsen von 14 Prozent und mehr, wenn Kunden ihr Konto überziehen. Niemand bestreitet, dass Banken damit eine hohe Marge erzielen. So gibt Heinrich Haasis, Präsident des Deutschen Sparkassenverbandes, zu: „Es stimmt, die Dispozinsen sind relativ hoch.“ Für Hassis aber liegt das in der Natur des Dispokredits: „Der Dispokredit dient der kurzfristigen Überbrückung und ist gegebenenfalls nicht abgesichert.“ Wer einen langfristigen Kredit brauche, für ein Auto oder eine andere Anschaffung, der verhandele mit seiner Sparkasse besser über einen Ratenkredit. „Hier liegen die Zinsen wesentlich niedriger“, sagt Haasis.

          Wenig Verständnis im Ministerium

          Die Deutsche Bank, die derzeit einen Dispozins von 12,75 Prozent verlangt, argumentiert ähnlich und gibt an, von sich aus aktiv zu sein. „Ein Kunde, der bei uns lange und häufig im Dispo ist, wird von unseren Beratern gezielt auf einen Ratenkredit angesprochen“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bank. Trotz der niedrigeren Zinsen eines Ratenkredits sei dies im Interesse der Deutschen Bank. „Wir wollen unsere Kunden nicht in der Schuldenfalle verlieren, sondern mit dem Ratenkredit die Rückzahlung des Kredits fixieren“, sagt der Sprecher. Sparkassenverbandspräsident Haasis appelliert an die Vernunft der Kunden, die Kostennachteile des Dispokredits zu erkennen: „Es ist doch so: Wenn Sie nach Paris fahren, wählen Sie auch nicht das Taxi, weil das viel zu teuer wäre, sondern planen die Fahrt mit der Bahn oder mit dem Auto.“

          Ob die Argumente der Banken das Bundesverbraucherministerium zufriedenstellen, ist fraglich. Die Ergebnisse der in Auftrag gegebenen Studie sollen im Laufe dieses Jahres vorliegen und veröffentlicht werden. Auf derer Basis „werde zu entscheiden sein, welche Maßnahmen ergriffen werden“, sagt der Sprecher. Im Ministerium gebe es wenig Verständnis dafür, wenn Banken „ausgerechnet jene Kunden mit hohen Zinsen abkassieren, die am wenigsten haben“. Dispozinsen von bis zu 16 Prozent seien nicht begründbar. Das Ministerium habe die Banken daher schon aufgefordert, die eigenen Zinsvorteile direkt und in vollem Umfang an die Kunden weiterzugeben.

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