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Veröffentlicht: 24.01.2016, 11:02 Uhr

Neuer Terminservice Wie die neue Ärztehotline funktioniert

Die Termin-Servicestellen waren lange umstritten, ab Montag sind sie Realität. Patienten sollen dann schneller bei Fachärzten unterkommen. FAZ.NET erklärt alles Wissenswerte zum neuen Dienst.

von
© dpa Hautarzt bei der Arbeit

Kurzfristig zum Arzt? Keine Chance. Für die meisten gesetzlich versicherten Deutschen ist nicht leicht, einen spontanen Facharzttermin zu bekommen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe verspricht sich nun viel von den neuen Terminservicestellen, die ab Montag für die schnellere Vergabe von Facharztterminen sorgen sollen. Innerhalb einer Woche sollen sie Termine mit einer Wartezeit von maximal vier Wochen vermitteln. Die niedergelassenen Ärzte hatten sich lange gewehrt. Doch welche Vor- oder Nachteile gibt es?

Anna Steiner Folgen:

Was ist die Aufgabe der Terminservices?

Die Terminvermittlung läuft über die zuständigen kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Über eine zentrale Rufnummer kann der Patient den Terminservice zu bestimmten Uhrzeiten erreichen. Nummern und Dienstzeiten sind über die jeweilige KV abrufbar - wie hier im Fall der KV Hessen. Der Patient erhält innerhalb einer Woche ab Kontakt einen Termin beim benötigten Facharzt. Der Termin kann bis zu vier Wochen - ab der ersten Kontaktaufnahme - in der Zukunft liegen. Wunschtermine beim Wunscharzt können nicht vermittelt werden.

 
Am Montag startet der #Terminservice: Was die Ärztehotline kann und soll.

An Augenärzte und Gynäkologen vermittelt der Terminservice auch ohne vorherige Überweisung durch einen Hausarzt. Die Überweisung an Psychotherapeuten zum Erstgespräch ist noch nicht Teil des Programms, soll aber in der Zukunft ebenfalls möglich sein. Kann ein Patient den Termin nicht wahrnehmen, muss er sich rechtzeitig beim Terminservice zurückmelden. Anspruch auf einen Ausweich-Termin hat er dann jedoch nicht.

Wer kann den Terminservice nutzen?

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Grundsätzlich kann jeder Patient, der die Untersuchung durch einen Facharzt benötigt, den Terminservice anwählen. Die KV Hessen macht allerdings ausdrücklich darauf aufmerksam, dass sie nur bei dringlichen Überweisungen Termine vermittelt. Für Bagatelle- und Routineuntersuchungen sind keine Kapazitäten vorgesehen. Selbstverständlich können sich Patienten auch weiterhin selbst um einen Termin beim Facharzt bemühen oder ihren Hausarzt um die Vermittlung bitten.

Wie funktioniert der Terminservice der KV konkret?

Der behandelnde Arzt (beispielsweise der Hausarzt) stellt den dringenden Behandlungsbedarf fest und überweist den Patienten an einen Facharzt. Im Anschluss kontaktiert der Patient den Terminservice und teilt diesem seinen Überweisungscode mit. Der Terminservice begibt sich dann auf die Suche nach einem geeigneten Termin. Dabei beachtet der Terminservice die Einhaltung einer zumutbaren Entfernung. Für die allgemeine fachärztliche Versorgung werden dreißig Minuten Fahrtzeit zusätzlich veranschlagt, für eine spezielle Untersuchung beispielsweise bei einem Radiologen können es auch 60 Minuten werden.

Woher bekommt die KV die freien Termine?

Seit das Versorgungsstärkungsgesetz der Bundesregierung den Terminservice festgeschrieben hat, melden Ärzte ihre Kapazitäten an die KV, die wiederum eine Datenbank mit freien Terminen pflegt und diese regelmäßig aktualisiert. Wenn ein Patient einen Termin nicht wahrnehmen kann, meldet er das wieder zurück an den Terminservice, der diesen dann einem anderen Patienten vermitteln kann. Wenn nicht innerhalb von vier Wochen ein Facharzttermin vergeben werden kann, werden die Patienten zur ambulanten Behandlung in ein Krankenhaus vermittelt.

Wer übernimmt die Kosten?

Die KVen haben sich lange gegen den Terminservice gewehrt. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass sie die Kosten tragen müssen.

Warum sind die kassenärztlichen Vereinigungen gegen den Terminservice?

Klaus-Wolfgang Richter von der KV Hessen bringt die Kritik der KV auf einen Satz: „Wir bleiben dabei: das ist Symbolpolitik.“ Anstatt einen Terminservice einzurichten, sei es viel wichtiger, die ungesteuerte Patientenvermittlung von Seiten des Staates zu sanktionieren. Mehrere Zehntausend Arzttermine bei Augenärzten, Gynäkologen oder Orthopäden wurden im vergangenen Jahr nicht wahrgenommen - aber auch nicht abgesagt.

„Das sind gigantische Zahlen, die deshalb zustande kommen, weil einzelne Patienten sich mehrfach bedienen“, sagt Eckhard Starke von der KV Hessen. So werde deutlich, „dass nicht die Zahl vermeintlich zu wenig zur Verfügung stehender Termine das Problem ist, sondern das Verhalten vieler Patienten.“ Stünden die vielen nicht abgesagten Termine zur Verfügung, wären die Terminservicestellen arbeitslos. Die KVen sehen nur wenige Vorteile. Stattdessen sei vor allem zusätzliche Bürokratie in den Praxen die Folge, möglicherweise Diskussionen mit Patienten um die Frage der Dringlichkeiten und hohe Kosten, teilte die KV Hessen FAZ.NET mit.

Was sind die Vor- und Nachteile für die Patienten?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe gibt sich optimistisch, was die Einrichtung der Ärztehotlines angeht: „Uns geht es um die Stärkung der Patientenrechte“. Tatsächlich lässt eine zentrale Vermittlung von Facharzt-Terminen auf eine schnellere Behandlung schließen.

Der Nachteil hingegen ist, dass Patienten über den Terminservice nicht aussuchen können, zu welchem Arzt sie gehen wollen. Auch die Wege zum Facharzt könnten durch die neue Regelung wesentlich länger werden. Da die Inanspruchnahme jedoch keine Pflicht, sondern lediglich eine Möglichkeit für dringende Fälle ist, dürfte das nicht allzu viele Patienten von einem Anruf bei der Terminservicehotline abhalten.

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