18.09.2007 · Deutschland ist der größte CO2-Emittent in Europa. Denn die großen Stromproduzenten investieren auf ihrem Heimatmarkt bisher wenig in erneuerbare Energien. Das würden sie am liebsten so beibehalten - doch die Politik lässt ihnen keine Chance.
Von Werner SturbeckBeim Thema Klimakatastrophe geraten in Deutschland automatisch die großen Stromproduzenten ins Visier. Ihre mit Kohle und Gas befeuerten Kraftwerke blasen jährlich rund 300 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Das sind etwa 40 Prozent der Kohlendioxidemissionen aller Wirtschaftssektoren im Land, und wegen dieses hohen Kohlestromanteils ist Deutschland auch der größte CO2-Emittent in Europa.
Die meisten Kohlekraftwerke werden von RWE, Vattenfall und Eon betrieben. Das macht sie bei den Umweltorganisationen zu beliebten Angriffszielen für Kampagnen. Weniger bekannt sind die Aktivitäten der Stromproduzenten auf dem Feld der regenerativen Energie. So betreibt der RWE-Konzern, der größte Stromerzeuger in Deutschland, solche Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 2000 Megawatt. Das entspricht etwa 2000 Windrädern der ersten kommerziellen Generation oder zwei Kernkraftwerken. Bei Eon ist der Bestand sogar dreimal so hoch. Der Düsseldorfer Energiekonzern gewinnt bereits mehr als jede zehnte selbstproduzierte Kilowattstunde aus Wind- und Wasserkraft oder aus Biogas und Biomasse. Bei beiden Unternehmen befindet sich freilich der überwiegende Teil dieser Anlagen im Ausland. Und den meisten Ökostrom erzeugen sie in älteren Wasserkraftwerken.
Stromerzeuger werden Investitionen ausbauen
Aber das wird sich in den nächsten Jahren erheblich ändern. Alle großen Stromerzeuger werden ihre Investitionen in eine weniger klimabelastende Elektrizitätsgewinnung ausbauen. Dann werden Wind- und Wasserkraft sowie Biomasse einen wesentlich höheren Stellenwert erhalten. So hat der Eon-Vorstandsvorsitzende Wulf Bernotat soeben für Projekte der regenerativen Energieerzeugung bis zum Jahr 2010 ein Budget von drei Milliarden Euro bereitgestellt. Der RWE-Konzern, der in den vergangenen fünf Jahren auf diesem Feld zusammen gut 500 Millionen Euro investierte, hat noch kein vergleichbares Programm veröffentlicht. Aber es ist klar, dass auch die Essener hier in den nächsten Jahren kräftig zulegen werden.
Bislang haben RWE, Eon & Co. den Ausbau erneuerbarer Kraftwerkskapazität an ihrem Heimatmarkt weitgehend anderen überlassen. Das würden sie aus Überzeugung am liebsten auch so beibehalten, nicht weil sie Investitionen zur Verringerung der Klimabelastung grundsätzlich ablehnen. Sondern weil sie die Investitionen dort tätigen wollen, wo die Mittel am effektivsten verwendet werden können. Zudem müssen sie ihre Aktionäre auf Dauer mit attraktiven Renditen bei Laune halten. Deshalb scheuen sie subventionierte Arbeitsgebiete, in denen man vom Wohlwollen der Politik abhängig ist. Außerdem fühlen sich die großen Versorgungskonzerne noch immer den Maximen der Energiepolitik verpflichtet, die nur das Qualitätssiegel „nachhaltig“ verdient, wenn sie ausgewogen das Zieldreieck Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Umweltverträglichkeit verfolgt.
Politische Entscheidungen erzwingen „grünen“ Kurs
Dagegen ist in der verschärften Klimadebatte der Umweltaspekt neuerdings stark in den Vordergrund gerückt. Die Stromproduzenten sehen dadurch die Grundlage für den vor fünf Jahren vereinbarten Ausstieg aus der Kernenergie völlig verändert. Sie würden lieber die Laufzeit ihrer Kernkraftwerke verlängern und den Atomstrom - wie von Frankreich in der Europäischen Union durchgesetzt - in die regenerativen Zielvorgaben einrechnen, statt nun in großem Stil in Deutschland in Windkraft und Biomasse zu investieren.
Politische Entscheidungen zwingen die Stromproduzenten in den nächsten Jahren regelrecht auf „grünen“ Kurs. Zum einen handelt es sich dabei um die Vorgaben zum Ausbau der regenerativen Energie, zum anderen um die restriktivere Zuteilung von Handelszertifikaten für Kohlendioxidemissionen der fossil befeuerten Kraftwerke. Für die Europäische Union wurde im Frühjahr unter deutscher Ratspräsidentschaft das ambitionierte Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2020 die Stromerzeugung aus regenerativer Energie auf 20 Prozent zu steigern. Die Bundesregierung hat die Latte noch viel höher, auf 27 Prozent, gehängt. Diese Politik hat verschiedene Auswirkungen auf die Investitionsplanung. Die von 2008 an verringerte Zuteilung von Emissionszertifikaten verteuert die fossile Stromgewinnung und erleichtert es der regenerativen Energie, wettbewerbsfähig zu werden.
Gleiche Stromproduktion - weniger Emissionen
Eon und RWE propagieren ihre mittelfristigen Baupläne für Kohle- und Gaskraftwerke in Europa in zweistelliger Milliardenhöhe als einzigartiges Klimaschutzprogramm. Durch verbesserte Effizienz der Anlagen, also einen höheren Wirkungsgrad, sollen in einigen Jahren bei gleicher Stromproduktion erheblich weniger Kohlendioxidemissionen anfallen. RWE will so bis zum Jahr 2012 etwa 30 Millionen Tonnen oder gut ein Viertel des gegenwärtigen Ausstoßes vermeiden. Darüber hinaus arbeiten RWE, Eon und Vattenfall in Pilotprojekten an der neuen Verstromungstechnik, bei der CO2-Anteile in Gas und Kohle abgetrennt und gelagert werden sollen.
Trotz dieser Anstrengungen können sich die großen Stromproduzenten nicht länger die Zurückhaltung bei regenerativer Energie am Heimatmarkt erlauben. Sie alle haben sich den Erhalt ihrer deutschen Marktanteile auf die Fahne geschrieben. Und da in 12 Jahren nicht mehr wie 2006 nur 12 Prozent, sondern mindestens 27 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen stammen soll, müssen sie beim Ersatz alter fossiler Kraftwerke und der stillzulegenden Atommeiler das eigene Kraftwerksportfolio zwangsläufig entsprechend anpassen.
Eon strebt führende Rolle an
Der politische Druck auf die großen Stromproduzenten, das vom Emissionshandel ausgehende Ertragsrisiko zu mindern und neue Wege beim Energiemix einzuschlagen, zeigt zunehmend Wirkung. Eon will mit der neuen Konzerngesellschaft für Klimaschutz und Erneuerbare Energien in Europa in wenigen Jahren eine führende Rolle bei regenerativer Energie erarbeiten. Die Schwerpunkte sind bei Windenergie und Biogas festgelegt. Die im August erworbene iberische Betreibergesellschaft von Windanlagen hat Projekte mit 560 Megawatt in der Pipeline. Vor einigen Tagen kündigte Eon einen Windpark vor der britischen Yorkshireküste mit 300 Megawatt, der in einigen Jahren bis 200.000 Haushalte mit Strom versorgen soll. Außerdem bereitet das Unternehmen mit Partnern in der Themse-Mündung den Bau von Rädern mit 1000 Megawatt Leistung vor.
RWE setzt zusätzlich noch auf einen stärkeren Ausbau der Wasserkraft, hat gerade für 68 Millionen Euro den Bau eines Laufwasserkraftwerks am Hochrhein begonnen und mit einem schweizerischen Unternehmen den langjährigen Stromaustausch Kohle- gegen Wasserkraft vereinbart. Fast 500 Millionen Euro hat die Essener Zentrale für neue Windparks mit einer Gesamtkapazität von gut 500 Megawatt genehmigt.
Wachsenden Akzeptanz in den Konzernzentralen
Die meisten benannten Projekte zeugen zwar von der wachsenden Akzeptanz der regenerativen Energie in den Konzernzentralen. Aber sie orientieren sich an der kalkulierbaren Rentabilität solcher Anlagen und werden daher überwiegend im Ausland verfolgt: in Spanien vor allem, aber auch in Frankreich; vor den britischen Küsten, wo ergiebige Windparks auf Sandbänken in kniehohem Wasser errichtet werden können. Eon beteiligt sich zwar auch an Offshore-Pilotprojekten in der deutschen Nordsee, wie „Alpha Ventus“ 45 Kilometer vor Borkum. Aber wegen der erforderlichen enormen Investitionen in die Windräder und das Transportnetz scheint die Neigung zu einem größeren Engagement in der deutschen Nordsee derzeit nicht sonderlich groß.
Noch ist ungewiss, wie viel Einspeisegebühren erforderlich sind, um in solch anspruchsvollen Lagen - weit vor der Küste bei schwierigen Wetterverhältnissen - rentabel in Windenergie zu investieren. Bei dem ohnehin schlechten Image des Produzentenoligopols kann man sich leicht den Ärger vorstellen, wenn sich die gut verdienenden Versorgungskonzerne mit solchen regenerativen Projekten auch noch an die Spitze der Subventionsempfänger setzen würden.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.416,10 | −1,31% |
| EUR/USD | 1,2393 | −0,77% |
| Rohöl Brent Crude | 103,37 $ | −3,26% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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