05.02.2004 · Für die SMS-Generation gibt sich die IG Metall lässig und doch, deren Identifikation mit der Gewerkschaft ist nicht hundertprozentig - mit Stolz tragen sie ihren Arbeitsanzug von Porsche oder Bosch.
Rap-Sänger "MC Sceptics" gibt alles: "Vereinte Kräfte", brüllt er mit seiner rauchigen Stimme ins Mikrofon und versucht, die dumpfen Baßklänge zu übertönen. Vor der Bühne wippen etwa 2.000 Jugendliche im Takt seiner Musik. Doch statt jugendlicher Fankleidung tragen die Zuhörer rote T-Shirts mit der Aufschrift "Stoppt die Jobkiller - keine Verlängerung der Arbeitszeiten".
In der warmen Vorfrühlingsluft vor der Kongreßhalle im schwäbischen Böblingen treffen zwei Kulturen aufeinander, die ansonsten kaum noch etwas verbindet: die Gewerkschaft und die Jugend. Und damit die Jugend auf möglichst angenehme Weise an das Ritual des Arbeitskampfs herangeführt werde, gibt sich die unter Nachwuchsmangel leidende IG Metall bei der Kundgebung betont lässig - mit viel Musik, reichlich Cola und wenig Worten protestiert die SMS-Generation.
Die Ängste sitzen tief
So wie der 20 Jahre alte Marcel. Die Forderung nach betrieblichen Öffnungsklauseln, die einzelnen Unternehmen die 40-Stunden-Woche ermöglichen sollen, kommentiert er mit einfachen Worten: "Ich habe einfach keine Lust, 40 Stunden zu arbeiten." Die Gewerkschaftsforderung nach einer Lohnerhöhung um 4 Prozent hält er freilich für kaum durchsetzbar. Zumal ihm die Lohnhöhe nicht so wichtig sei wie die Arbeitszeiten: "Ich bin ja Azubi, da trifft mich das nicht so."
Doch das Klischee der desinteressierten jungen Generation greift zu kurz. Die Realität ist vielschichtiger, denn auch echte Zukunftsängste treiben manchen Auszubildenden auf die Straße: "Wir sind im Januar fertig. Wenn die 40-Stunden-Woche kommt, werden wir wahrscheinlich nicht übernommen", befürchtet die 21 Jahre alte Industriemechanikerin Barbara, die in dem Nutzfahrzeugwerk von Daimler-Chrysler in Gaggenau arbeitet. "Wir sollten doch einmal die Facharbeiter von morgen sein." Zwar wird Gaggenau derzeit zum Kompetenzzentrum für Schaltgetriebe ausgebaut und ein Arbeitsplatzabbau damit unwahrscheinlich. Doch die Ängste sitzen tief.
Identifikation nicht hundertprozentig
Auch daß die Arbeitgeber keine pauschale Verlängerung der Arbeitszeiten fordern, dringt nicht durch in den wenigen Phrasen, welche die Gewerkschaftsfunktionäre an die Jugendlichen richten. "Durch die 40-Stunden-Woche würden bei uns bis zu 500 Arbeitsplätze vernichtet", glaubt die 23 Jahre alte Sabrina, die bei der Firma ZF Lenksysteme in Friedrichshafen arbeitet. Ihrer Ansicht nach würde die Arbeitszeitverlängerung überall eingeführt, wenn sich die Arbeitgeber durchsetzen: "Wenn einer anfängt, geht es bald allen schlecht."
Auf der Bühne hüpft derweil ein Gewerkschaftsvertreter mit einem Legionärshelm auf dem Kopf über die Bühne und versucht sich in coolen Sprüchen. Jedesmal, wenn er herausfordernd ein "Jo, was geht ab?" in das Mikrofon ruft, wird dies mit heftigem Fahnenschwenken und einem trillernden Pfeifkonzert belohnt. Doch trotz der Begeisterung, der IG-Metall-Mützen und der kostenlosen Getränke scheint die Identifikation mit der Gewerkschaft nicht hundertprozentig. Denn mit sichtbar größerem Stolz tragen viele Azubis ihren Arbeitsanzug von Porsche, Daimler oder Bosch.
Wer Visionen hat, gehört zum Arzt
Ortswechsel. Eine Protestkundgebung vor dem Bosch-Werk für Elektrowerkzeuge in Leinfelden-Echterdingen. Hier, wo die IG Metall noch eine Institution ist, zeigt sich die Debatte um die Arbeitszeitverlängerung wie unter dem Brennglas. Der neue Bosch-Chef Franz Fehrenbach fordert von seinen Beschäftigten die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Sind die Beschäftigten nicht zu der kostenlosen Mehrarbeit bereit, werden 30 Arbeitsplätze ins ostdeutsche Sebnitz verlagert. Dagegen laufen die Beschäftigten Sturm; die IG Metall hat hier ihre Stammklientel versammelt. Die Warnstreikenden sind älter und noch viel verärgerter als die Auszubildenden. Von der schwäbischen Maxime "Schaffsch beim Bosch, hältsch dei Gosch" ist nichts zu spüren.
"Die Arbeitgeber haben den Fehrenbach an die Front geschickt, weil es Bosch noch vergleichsweise gut geht", meint ein Arbeiter, der namentlich nicht genannt werden will. Wenn Fehrenbach sich durchsetze, gebe es eine Kettenreaktion, befürchtet er. Hans-Peter Harke von dem badischen Standort Bühl wird noch deutlicher: "Helmut Schmidt sagte einmal, wer Visionen hat, gehört zum Arzt. Ich empfehle dem Herrn Fehrenbach, zum Arzt zu gehen." Der Bosch-Chef solle seine Macht lieber nutzen, um Arbeitsplätze zu erhalten, findet Harke. Dabei seien die Betriebsräte durchaus zu einem Kompromiß bereit. "Wir wollen ja nicht nur jammern." Doch kampfesfreudig sind die Protestierenden durchaus noch - mit größerem Ernst und mehr Pathos als die nachwachsenden Arbeitskämpfer im benachbarten Böblingen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.416,10 | −1,31% |
| EUR/USD | 1,2393 | −0,77% |
| Rohöl Brent Crude | 103,37 $ | −3,26% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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