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Tarifstreit Kliniken im Ausnahmezustand

07.04.2006 ·  Seit neun Wochen bestreikt Verdi die Uniklinik Homburg. Verschobene Operationen sind seitdem an der Tagesordnung. Die Klinik erleidet durch den Streik Verluste in Millionenhöhe, die nur durch Entlassungen reduziert werden können - Verdi ist das egal.

Von Henrike Roßbach
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Durch den Wald schrillen Trillerpfeifen. Neonorange blitzen Streikwesten zwischen Bäumen hervor. Verdi-Aktivisten ziehen hinauf zur Universitätsklinik. Vielleicht hundert haben sich schon am Haupteingang versammelt. Wo Verkehrsschilder die Fahrspur für „Berechtigte und Notfälle“ ausweisen, wehen Verdi-Fahnen. In einer verrosteten Tonne brennen Holzscheite. „Wir streiken auch für Euch!“ steht auf einem Transparent.

Das dürfte Christoph Graf anders sehen. Der Familienvater sitzt auf seinem Bett. Besuchern gibt er die linke Hand. Über den Handrücken der rechten Hand zieht sich eine Narbe. Am 28. März ist Graf operiert worden. Eigentlich hätte das schon am 8. Februar passieren sollen. Dann aber begann Verdi am Tag der Operation die Uniklinik zu bestreiken. Neun Wochen dauert der Streik nun schon.

Operationen werden verschoben

Kaum ein Krankenhaus ist während des aktuellen Tarifstreits im öffentlichen Dienst so lange und intensiv bestreikt worden wie die saarländische Uniklinik. Viermal wurde Grafs Operation verschoben. Viermal erzählte er den Kindern: „Morgen geht Papa ins Krankenhaus.“ „Ich hatte große Schmerzen, ich konnte nichts machen mit der Hand.“ Nicht Auto fahren, nicht rasieren, nicht arbeiten. Seit acht Monaten ist er krank geschrieben, zwei davon streikbedingt. „Für mich ist das auch ein finanzieller Verlust.“

Hans Köhler ist ein ruhiger Mann, der überlegt, bevor er seine Sätze freiläßt. Nach neun Wochen fällt es dem Vorstandsvorsitzenden und Ärztlichen Direktor aber langsam schwer, ruhig zu bleiben. In seinem Büro im 12. Stock der Klinik für Urologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, von wo er das stadtgleiche Klinikgelände überblicken kann, hält er sich an die Fakten. Von 5.500 Mitarbeitern des Klinikums sind 1.200 Verdi-Mitglied. Von denen streiken 700, und 400 sind notdienstverpflichtet.

Patienten gehen auf Reisen

Verdi bestreikt die Klinik dort, wo schon Sandkörner das große Ganze in Unordnung bringen: in der Anästhesie- und OP-Pflege. 95 Prozent der Anästhesiepfleger sind Gewerkschafter. „Das ist das Nadelöhr“, sagt Köhler. Ohne Anästhesiepflege keine Operation. So einfach ist das. Fünf Anästhesiepfleger gesteht Verdi der Klinik tagsüber zu, vier nachts. Normalerweise sind es 22.

Das Universitätsklinikum, das sind einzelne Gebäude, hingewürfelt über das Gelände. Um jetzt zurechtzukommen, mußte sich die Klinik zentralisieren. Die Operationskapazitäten wurden in der Chirurgischen Klinik gebündelt. Statt 36 OP-Sälen stehen nur noch neun zur Verfügung. Patienten gehen auf Reisen, genau wie teure Geräte. Trotzdem: In den Streikwochen fand nur ein Viertel der üblichen Operationen statt.

Flexibilität muß sein

Acht Stationen sind geschlossen, Eigenblutkonserven verfallen. „Wir können Patienten nicht mehr aufnehmen“, sagt Köhler. „Wir verlieren Patienten, das ist schlimm für uns.“ Denn jeder Patient bedeute Arbeitsplätze. „Bislang waren Leib und Leben nicht gefährdet“, sagt er und betont das Wort „bislang“. Die Belastung der Nichtstreikenden nehme zu. Urlaubssperren wurden verhängt, Schichten verlängert, Ärzte übernehmen Pflegeaufgaben.

Köhler behält die Fassung, auch wenn er auf die Streikführer zu sprechen kommt. „Die sind so verbiestert“, sagt er. „Die führen einen überzogen harten Streik, ohne zu bedenken, daß damit der Standort zugrunde gerichtet wird.“ Er glaubt, daß es den Klinikangestellten weniger um 38,5 Stunden als um den Erhalt von Urlaubs- und Weihnachtsgeld geht. Pflegepersonal müsse anständig bezahlt werden, findet auch er. Flexibilität aber müsse sein. Einmal an diesem Tag, später, tritt er aus dem Schatten seiner Beherrschtheit hervor. „Das ist eine Schweinerei!“ stößt er auf der Pressekonferenz hervor.

Zum Feindbild von Verdi geworden

Draußen bahnen sich Autos ihren Weg durch die Streikenden. Zwischen zwei Fahrbahnen steht ein großer Mann, eingepackt in seine Riesenplastikweste, Verdi-Sticker zieren seine Mütze. Inbrünstig begrüßt und verabschiedet er die Kommenden und Fortfahrenden mit einer Fanfare aus seiner neongrünen Tröte.

Drinnen, in der Herz-und-Thorax-Klinik, sitzt Klinikdirektor Hans-Joachim Schäfers in grüner OP-Kleidung in seinem Büro. Auf dem Tisch steht das Modell eines Herzens. Schäfers kaut Tabak. Seine bloßen Füße stecken in Chirurgenclogs. „Ich bin für Verdi zum Feindbild geworden“, sagt er und klingt beinahe stolz. „Denn ich bin stehengeblieben, meine OP-Zahlen sind gleich geblieben.“ Er habe die Effizienz gesteigert: weniger Zeit je Patient, Arbeitsalltag nach hinten ausdehnen, kurze OP-Zeiten, kürzere Aufwachzeiten, früher von der Intensiv- auf die Normalstation.

Notfälle konkurrieren untereinander

Nun habe die Gewerkschaft noch mehr Schwestern von seiner Intensivstation abgezogen. Deshalb hat er am Dienstag abend sein Zentrum bei Eurotransplant abgemeldet. Zwei Organe hatte er zuvor ablehnen müssen. „Ich muß abwägen“, sagt er. „Lasse ich Organangebote ungenutzt und versorge die Notfälle? Oder transplantiere ich und weise Notfallpatienten ab?“ Er holt eine Liste. Das untere Drittel ist die Warteliste. „Dieser Streik hat eine menschenverachtende Komponente“, sagt Schäfers. Die Sekretärin klopft. Der OP-Saal ist fertig.

Neben dem Schreibtisch von Tim Pohlemann, Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, steht ein Skelett. Pohlemann trinkt starken Kaffee. Normalerweise verfügt er über drei OP-Säle. „Jetzt hängt es davon ab, wie viele Verdi uns zuteilt.“ Oft ist es nur einer. Deshalb konkurrieren Notfälle mit Kranken, deren Infektion, Tumor oder Falschgelenk operiert werden muß.

Fronten wie aus Beton

„Das ist eine enorme Mangelverwaltung“, sagt Pohlemann. Er fühlt sich an die Katastrophenmedizin erinnert, wenn Ärzte entscheiden, wem sie zuerst helfen - je nachdem, wer die besten Überlebenschancen hat. „Wir hatten Situationen, wo die Emotionen hochgekocht sind“, sagt er. „Aber wir müssen hinterher wieder zusammenarbeiten.“ Er habe schon auch Verständnis. „Aber wir müssen uns vor die Patienten stellen. Die haben keine Gewerkschaft.“

Die Fronten scheinen aus Beton. Rolf Linsler, Landesleiter von Verdi Saar, verweist auf die Notdienstvereinbarung, spricht von bevorzugten Privatpatienten, von Schönheitsoperationen und davon, daß kein schwerer Fall nicht operiert worden sei. Außerdem sollten die Ärzte endlich auch nach 18 Uhr operieren und die Klinik selbst verhandeln. Die sagt aber, sie habe gar kein Mandat dazu.

Verlustausgleich über Arbeitsplatzabbau

Pressekonferenz. Die Klinikleitung, deren „Rausschmiß“ draußen eine Streikende per Pappe vor der Brust fordert, spricht über Zahlen. Ulrich Kerle, der kaufmännische Direktor, rechnet vor, daß der Streik Einnahmeausfälle von rund 10 Millionen Euro verursacht habe. 2004 erwirtschaftete die Uniklinik ein gerade ausgeglichenes Ergebnis, 2005 ein kleines Minus von einer Million Euro. Im laufenden Jahr war eine Null angepeilt. Jetzt rechnet Kerle mit 5 Millionen Euro Verlust. „Wir kommen in eine negative Bilanz, aus der wir auch selbst wieder herauskommen müssen“, fügt Köhler hinzu. Und wenn zwei Drittel aller Kosten Personalkosten seien, gehe das nur über Arbeitsplatzabbau.

Und dann berichten die Klinikdirektoren. Von suizidgefährdeten Patienten auf Wartelisten. Von verschobenen Tumoroperationen. Von Patienten, die in andere Kliniken geschickt werden, wo die Sterberate bei bestimmten Operationen bis zu fünfmal so hoch ist wie an der Uniklinik. Ein Familienvater mit Gallentumor hatte noch sechs Wochen zu leben und wollte sie zu Hause verbringen. Eine Woche verlor er, weil der Ernährungskatheter nicht gesetzt werden konnte. Die Orthopädie mußte 179 angesetzte Operationen absagen. Bandscheibenvorfälle landen auf Wartelisten - daran stirbt man ja nicht. Am Haupteingang sind die Streikfeuer aus. Verdi macht Feierabend. Für heute.

Quelle: F.A.Z., 07.04.2006, Nr. 83 / Seite 14
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Jahrgang 1979, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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