21.04.2010 · Statt einer Tariferhöhung bekommen die 550.000 Beschäftigten der Chemie-Industrie in Deutschland dieses Jahr eine Einmalzahlung in Höhe von pauschal 550 Euro. Schichtarbeiter erhalten mehr.
Von Henrike RoßbachArbeitgeber und Gewerkschaft haben sich am Mittwoch in Würzburg auf einen neuen Tarifvertrag für die rund 550 000 Beschäftigten in der Chemischen Industrie geeinigt. Neben einer Einmalzahlung und Instrumenten zur Beschäftigungssicherung haben die Tarifpartner auch beschlossen, die Übernahme von Auszubildenden über einen Branchenfonds finanziell zu fördern. Mit dieser Vereinbarung hat die Branche abermals tarifpolitisches Neuland betreten, ähnlich wie mit ihrem Demographietarifvertrag vor zwei Jahren. Die Einigung kam schon in der ersten überregionalen Verhandlungsrunde zustande.
Konkret sieht der neue Tarifvertrag vor, dass die Beschäftigten einmalig 550 Euro erhalten, Schichtarbeiter bis zu 715 Euro. Eine prozentuale Steigerung der Entgelte wird es nicht geben - ein Zugeständnis an die Arbeitgeber, die angesichts des Krisenjahres 2009 eine Nullrunde gefordert hatten. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat nur zugestimmt, weil gleichzeitig eine kurze Laufzeit vereinbart wurde. Der Tarifvertrag soll elf Monate gelten; je nach Tarifgebiet läuft er Ende Februar, März oder April 2011 aus. Danach kann neu verhandelt werden.
Unternehmen, denen es nach wie vor schlechtgeht, können die Einmalzahlung auf bis zu 300 Euro verringern. Im Gegenzug müssen Unternehmen, die nicht wesentlich von der Krise betroffen sind, einen Konjunkturbonus von 200 Euro zahlen - für Schichtarbeiter bis zu 260 Euro. Sowohl den Bonus als auch die Kürzung der Einmalzahlung beschließen Betriebsrat und Unternehmen gemeinsam. Gibt es Streit, entscheiden die Gewerkschaft und der Arbeitgeberverband.
Damit Auszubildende am Ende ihrer Lehrzeit eine bessere Chance haben, von ihrem Unternehmen übernommen zu werden, soll es in der Chemischen Industrie zur Überbrückung der Krise einen Fonds geben, den die 1900 tarifgebundenen Betriebe der Branche finanzieren. Sie zahlen einmalig 25 Millionen Euro ein - wer wie viel zahlt, richtet sich nach der Bruttolohnsumme des jeweiligen Betriebs. Aus diesem Topf sollen Unternehmen, die ihre Nachwuchskräfte normalerweise nicht übernommen hätten, für ein Jahr einen monatlichen Lohnzuschuss von 1000 Euro je Auszubildenden bekommen. Die Arbeitgeber haben dadurch deutlich niedrigere Gehaltskosten - ein Chemikant verdient etwa 2400 Euro im Monat. Die Tarifpartner wollen im Jahr rund 1000 Auszubildende auf diese Weise fördern. Das Geld würde dann für etwa zwei Jahre reichen.
Verwalten wollen Arbeitgeber und IG BCE den Fonds gemeinsam. Er soll beim Unterstützungsverein der Chemischen Industrie angesiedelt sein, den es schon länger gibt. Die Gewerkschaft hat angekündigt, nur Auszubildende zu fördern, die IG-BCE-Mitglied sind. Ein Sprecher des Arbeitgeberverbandes BAVC sagte hingegen, das stehe so nicht im Tarifvertrag. Da die Tarifpartner aber zusammen entscheiden, wer Geld bekommt, könnte die IG BCE durchaus versuchen, einen Gewerkschaftsbonus durchzusetzen. Neben dem Entgelttarifvertrag und dem Ausbildungs-Fonds haben die Arbeitgeber auch zugesagt, bis 2013 jedes Jahr 9000 Ausbildungsplätze zu garantieren.
IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis sprach nach den zweitägigen Verhandlungen von einem guten Abschluss, der den unterschiedlichen Bedingungen in der Branche gerecht werde. Arbeitgeberpräsident Eggert Voscherau sagte, durch das Krisenbündnis sei die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe gestärkt worden.
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