Es war nur ein Aprilscherz, als der Verdi-Landesbezirk Bayern verkündete, Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sei der zweitgrößten deutschen Gewerkschaft beigetreten - weil ihn die Verhandlungsführung von Verdi-Chef Frank Bsirske in der jüngsten Tarifrunde so beeindruckt habe.
So weit ging die Begeisterung des CSU-Politikers über den 6,3-Prozent-Abschluss für die zwei Millionen Bediensteten von Bund und Kommunen dann doch nicht. Aber: Auch im wahren Leben gehen Politiker und Gewerkschafter deutlich entspannter miteinander um als noch vor wenigen Jahren.
Das Verhältnis war zerrüttet
Es ist nicht lange her, da gehörte es unter Politikern zum guten Ton, die Gewerkschaften für so ziemlich alles verantwortlich zu machen, was schief lief im Land: die chronische Wachstumsschwäche, den verkrusteten Arbeitsmarkt, die Arbeitslosigkeit. Deutschland galt als kranker Mann Europas und fand sich regelmäßig am unteren Ende der Erfolgsstatistiken wieder. Union und FDP galten dem Gewerkschaftslager ohnehin als Erbfeind, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte.
Als sich dann noch ein sozialdemokratischer Bundeskanzler und natürlicher Verbündeter der Gewerkschaften zu einschneidenden Sozialreformen aufraffte, schien der politische Einfluss der Arbeitnehmerorganisationen endgültig dahin.
Sie liefen Sturm gegen Gerhard Schröders Agenda 2010. Das Verhältnis zwischen dem Deutschen Gewerkschaftsbund und den Sozialdemokraten war zerrüttet; DGB-Chef Michael Sommer hat es Schröder bis heute nicht verziehen, dass dieser gerne öffentlich Witze auf seine Kosten machte.
Lob für umsichtiges Handeln zu fast jeder Gelegenheit
Heute wirken diese Geschichten wie aus der Zeit gefallen. Der Ruf von IG Metall, Verdi und Co. hat sich gewaltig verbessert. Statt Verachtung bringt ihnen das politische Berlin Respekt entgegen; statt schlecht über Gewerkschafter zu reden, gibt die Kanzlerin ein Abendessen zum sechzigsten Geburtstag des IG-Metall-Vorsitzenden Berthold Huber. Und kaum ein wirtschaftspolitischer Termin vergeht, ohne dass den Tarifpartnern Lob für umsichtiges Handeln in Krisenzeiten gezollt wird.
In der Tat hat ausgerechnet die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg die Auferstehung der Gewerkschaften beschleunigt. Ihr Krisenmanagement hat sie salonfähig gemacht, denn vor allem die Industriegewerkschaften haben gemeinsam mit den Arbeitgebern versucht, Arbeitsplätze zu retten: Tarifliche Regelungen über Kurzarbeit, ins Minus laufende Arbeitszeitkonten, Nullrunden - beide Seiten haben Opfer gebracht.
Heute ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland so gering wie seit Jahrzehnten nicht, und die Wirtschaft wächst. Zwar haben die Konjunkturprogramme die Verschuldung in die Höhe getrieben. Dennoch steht Deutschland in fast jeder Hinsicht besser da als die meisten Volkswirtschaften Europas.
Aus Ideologen sind Co-Manager geworden
Arbeitgeber und Gewerkschaften waren in der Krise überhaupt zur Zusammenarbeit fähig, weil sie in vielen Branchen den Tarifkrieg längst durch das Prinzip der Tarifpartnerschaft ersetzt hatten. Weil die Gewerkschaften pragmatischer geworden sind, haben sie schon vor der Krise mit Lohnzurückhaltung dazu beigetragen, dass die deutsche Industrie ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen konnte. Auch deshalb muss Deutschland heute keine Deindustrialisierung beklagen.
Mit Öffnungsklauseln im Flächentarifvertrag haben die Gewerkschaften zudem mehr Flexibilität zugelassen, und statt streiklustiger Ideologen sitzen immer öfter Co-Manager in den obersten Etagen der Gewerkschaftszentralen und in den Betriebsräten.
Die Unternehmen schätzen den Flächentarif wieder
Viele Arbeiterführer haben erkannt, dass es ihren Organisationen nutzt, wenn sie handfeste Lösungen für konkrete Probleme im Betrieb finden, anstatt klassenkämpfend über die Marktplätze zu ziehen. Denn nur wer spürbare Verbesserungen für die Beschäftigten erzielt, gewinnt Mitglieder. Wer bloß Fahnen und Reden schwingt, geht leer aus.
Auf der anderen Seite haben viele Unternehmen den Flächentarifvertrag wieder schätzen gelernt, weil er zumindest eine Zeitlang für Ruhe sorgt. Auch wenn vielen Städten und Gemeinden der Tarifabschluss im öffentlichen Dienst zu hoch ist - Guerrilla-Streiks unzufriedener Splittergewerkschaften fürchten sie noch mehr.
Und wenn die Tarifautonomie funktioniert, wofür ein gewisser Organisationsgrad auf beiden Seiten notwendig ist, dann hält das auch den Staat davon ab, in das Lohngefüge einzugreifen und sich an schädlichen Mindestlohnexperimenten zu versuchen.
Der Reputationsgewinn der Gewerkschaften kann sich allerdings rasch wieder in Luft auflösen, wenn die Organisationen in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Die Warnstreiks von Verdi im öffentlichen Dienst erinnerten an alte Reflexe, und die IG Metall muss in der aktuellen Tarifrunde beweisen, dass sie auch jenseits von Krisenzeiten zu Vernunft und Weitsicht fähig ist.
Das Beharren auf unbefristeter Übernahme aller Auszubildenden ist kein gutes Vorzeichen. Nicht zuletzt haben weiterhin mehr als drei Millionen Bürger in Deutschland keine Arbeit - teilweise auch deshalb, weil die vom Tarifkartell ausgehandelten Löhne zu hoch sind für das, was sie leisten können. Das sollte kein Gewerkschafter vergessen, der am Verhandlungstisch Platz nimmt.
Was für ein Quatsch!
Thomas Böhm (Thomasbaerboehm)
- 03.04.2012, 17:27 Uhr