Home
http://www.faz.net/-gqg-yjr6
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 23. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Superwirtschaftsminister“ Die libyschen Rebellen wollen bald Öl exportieren

30.03.2011 ·  Ali Tarhuni war Wirtschaftsprofessor in Amerika, nun ist er „Superminister“ der Rebellen und stellt die Weichen für die Marktwirtschaft. Libyen ist durch die sozialistischen Misswirtschaft Gaddafis abgewirtschaftet. Essen und Medizin werden knapp.

Von Rainer Hermann, Benghasi
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (10)

Seit dem vergangene Donnerstag erst ist Ali Tarhuni als „Superwirtschaftsminister“ der libyschen Rebellenregierung in Benghasi im Amt. In den wenigen Tagen hat er bereits viel auf den Weg gebracht. Mit der Qatar Petroleum Company hat er einen Vertrag unterzeichnet, das Rohöl des freien Libyens zu vermarkten; eine neue Zentralbank soll die Versorgung der Liquidität sicherstellen; mit den Zentralbanken und Schatzämtern befreundeter Staaten verhandelt er über Überbrückungskredite. All das hat der 61 Jahre alte Wirtschaftsprofessor Tarhuni, der als junger Mann vor Ghaddafi nach Amerika floh und zuletzt an der Foster School of Business der University of Washington gelehrt hat, in knapp einer Woche angestoßen. Arbeitsgruppen von Exil-Libyern in London, der Schweiz und am Golf steuern von außen Expertise zu den Finanz- und Ölmärkten sowie Kontakte in die Welt bei.

Von den Ölfeldern, die unter der Kontrolle von Gaddafis Regime stehen, fördert keines mehr Öl. Demgegenüber produzierten die Ölfelder unter der Kontrolle der Rebellen 130 000 Barrel (à 159 Liter) am Tag, sagt Tarhuni. Das könne rasch auf 300 000 Barrel gesteigert werden. Die verfügbaren Arbeitskräfte auf den Ölfeldern reichten aus, Sicherheitsprobleme, die noch vor zwei Wochen bestanden hätten, seien beigelegt. Die Gefahr, dass Gaddafi die Ölfelder bombardiert, bestehe nicht mehr, sagt Tarhuni. Zudem sind am Montag die Gasverarbeitungsanlagen in Brega wieder in Betrieb gegangen. Sie stellen Erdgas für den heimischen Verbrauch bereit, noch nicht aber für den Export.

Innerhalb der kommenden Woche erwartet Tarhuni den ersten Export von Rohöl. Verschifft werden wird es vom Hafen Tobruk, dem einzigen Ölhafen Libyens, der in Betrieb ist. Die Qatar Petroleum Company werde die Einnahmen auf ein Konto bei einer ausländischen Bank einzahlen. „Wir wissen dann, wohin das Geld fließt.“ Weitere Verträge zur Vermarktung des libyschen Öls bestehen nicht. Den Spotmarkt will Tarhuni wegen dessen Risiken meiden.

Kommerzielle Lebensmittelläden könnten in zehn Tagen keine Produkte mehr haben

Tarhuni leitet eines der fünf Ressorts des exekutiven Arms des „Nationalen Übergangsrats“ in Benghasi und ist für die Bereiche Finanzen, Wirtschaft und Öl zuständig. Die Regierung verhandelt ebenfalls über den Kauf von Nahrungsmitteln und Medizin sowie von Waffen. Gerade bei Nahrungsmitteln und Energie will Tarhuni eine strategische Reserve anlegen, um die von Gaddafis Herrschaft befreiten Gebiete beliefern zu können.

Während die medizinische Grundversorgung sichergestellt sei, fehlten dem Osten Libyens für die Behandlung der Kriegsfolgen vor allem medizinische Instrumente für die Neurologie und Orthopädie sowie Medikamente für die Psychiatrie und Patienten mit Nierentransplantationen, sagt der libysch-schweizerische Arzt Rafa Tajouri, der über die „Swiss Humanitarian Aid“ 2 Tonnen medizinischer Hilfsgüter nach Benghasi gebracht hat.

Grundnahrungsmittel haben als humanitäre Hilfe Qatar, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate sowie die Türkei, Italien und das Internationale Rote Kreuz in Containern nach Benghasi geliefert. Sie versorgen 40 000 arme Familien im Raum Benghasi, sagt Salim al Fisai, der vor der Revolution Einzelhändler war und nun als Freiwilliger die Verteilung der Hilfsgüter leitet. Die Bestände reichten nur noch wenige Tage, fürchtet er. Ebenfalls erwartet er, dass die kommerziellen Lebensmittelläden in zehn Tagen keine Produkte mehr haben werden.

Die libyschen Fonds im Ausland will Tarhuni nicht antasten

Die meisten Geschäfte sind geschlossen, auch in der „Dubai-Straße“, wie der Volksmund die wichtigste Einkaufstraße mit den prächtigsten Schaufenstern nennt. Die Güter gehen zur Neige, und viele Menschen schränken auch wegen der Unsicherheit ihre Ausgaben ein. Schiffe fahren aber nicht in den Hafen ein, da die libyschen Abnehmer kein Geld haben, um die Waren zu bezahlen.

Der Wirtschaftsexperte Tarhuni will daher schnellstens Liquidität schaffen und dafür sorgen, dass Gehälter wieder ausbezahlt werden. Die Liquidität, die man in der Filiale der libyschen Zentralbank in Benghasi sowie in den Geschäftsbanken gefunden habe, reiche aus, um die Gehälter und Entschädigungen für die Opfer des Kriegs zu zahlen sowie Medizin zu kaufen, sagt Tarhuni. „Dazu haben wir genügend Dinar.“ Die libyschen Fonds im Ausland will Tarhuni nicht antasten, solange nicht ganz Libyen von Gaddafis Herrschaft befreit sei. Davon wolle er selbst dann keinen Gebrach machen, sollten ihm das die Staaten anbieten, die die Gelder eingefroren haben. Mit den Fonds als Garantie wolle er aber bei den Zentralbanken und Schatzämtern der befreundeten Staaten Kredite aufnehmen.

Was passiert mit den Banknoten im Wert von 1 Milliarde Dinar?

Aufgabe der neuen Zentralbank sei es, Liquidität bereitzustellen, um die Gehälter und Entschädigungen auszuzahlen. Ferner soll sie Devisenreserven in Euro und Dollar anlegen sowie neues Vertrauen in das Bankwesen schaffen. Dazu werden in diesen Tagen auch Devisenkonten für Händler und Importeure eröffnet. Die Menschen halten wegen der Unsicherheit viel Bargeld. „Wenn das Vertrauen in das Bankwesen wieder steigt, zahlen die Menschen, die derzeit viel Bargeld horten, ihr Geld auf Konten ein“, hofft Tarhuni.

Weitere Liquidität soll durch den geplanten Export von Erdöl entstehen. Zudem verhandelt Tarhuni mit der britischen Regierung, die noch von Gaddafi bestellten und in Großbritannien gedruckten Banknoten im Wert von 1 Milliarde Dinar an den Nationalen Übergangsrat in Benghasi zu übergeben. Trotz aller kurzfristigen Herausforderungen ist Tarhuni zuversichtlich für Libyen. Das Land ist an Bodenschätzen reich, aber von Jahrzehnten der sozialistischen Misswirtschaft Gaddafis abgewirtschaftet. Tarhuni hofft, ohne fremde Finanzhilfe und mit einer Politik, die die Privatwirtschaft in den Mittelpunkt stellt, langfristig ein blühendes Land aufbauen zu können.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Sonne am Markt

Von Holger Steltzner

Die Regierung muss Strom aus Sonne, Wind oder Biogas endlich an den Markt heranführen. Es sollte nicht länger derjenige belohnt werden, der möglichst viele teure Anlagen installiert, sondern derjenige, der Strom aus erneuerbaren Quellen günstiger als andere produziert. Mehr 2 20

23.02.2012 10:13 Uhr
  Vortag
Dax 6.893,24 +0,72%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.