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Südafrika Die Jugend treibt es auf die Straße

Die Frustration über die Dauerarbeitslosigkeit sitzt tief in Südafrika. Linkspopulist Julius Malema fällt es deshalb leicht, die Massen hinter sich zu bringen.

© AFP Vergrößern Massenprotest: Die jungen Südafrikaner quälen vor allem die schlechten Zukunftsaussichten

Die Szenen, die sich in der vergangenen Woche in der Johannesburger Innenstadt abgespielt haben, erinnern an Fernsehbilder aus dem Nahen Osten. Mehrere tausend Demonstranten randalieren in den Straßen, bewerfen Polizisten und Journalisten mit Steinen, verbrennen T-Shirts mit dem Bild des Staatspräsidenten Jacob Zuma, recken aus Holz geschnitzte Maschinengewehre in die Höhe. „Siehst Du meinen Präsidenten“, brüllt ein junger Mann, der sich Genosse Drogba nennt, und zeigt auf sein Hemd mit dem Porträt von Julius Malema. „Ich werde hier nicht weggehen, bevor Malema frei ist“. Ein anderer schwenkt ein Poster mit der Aufschrift „Jesus hilf Malema“.

Claudia Bröll Folgen:  

Der Mann, für den die grölenden Massen das wirtschaftliche Leben in Johannesburgs Innenstadt zum Stillstand brachten, ist 30 Jahre alt, Anführer der Jugendliga der Regierungspartei ANC und in Südafrika so umstritten wie kein anderer Politiker. Auslöser der Proteste ist ein Disziplinarverfahren, das die ANC-Führung jetzt gegen Malema eingeleitet hat. Ihm wird Rufschädigung der Partei und aufrührerisches Verhalten vorgeworfen. Malema hatte beispielsweise dazu aufgerufen, in einem Putsch den botswanischen Staatschef aus dem Amt zu jagen. Der Ausgang des Verfahrens dürfte nicht nur die persönliche politische Karriere des Jungpolitikers bestimmen. Er könnte auch wegweisend sein für die politische Zukunft und für das Ansehen des Landes als wichtigster Wirtschaftsstandort auf dem afrikanischen Kontinent.

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Aussichtslose wirtschaftliche Situation

Von seinen Anhängern wird Malema, der gerne mit Che-Guevara-Kappe auftritt, als ein für die Armen kämpfender Held verehrt. Andere halten ihn für einen gefährlichen Demagogen. Vor allem Wirtschaftsvertreter beobachten ihn mit Grauen, weil er seit Jahren fordert, den Bergwerkssektor zu verstaatlichen und nach dem Vorbild des zimbabwischen Diktators Robert Mugabe weiße Farmer zu enteignen. Das verunsichert auch ausländische Investoren, zumal der ANC Malema bisher weitgehend frei gewähren ließ. Südafrika ist der größte Platinproduzent und einer der größten Goldförderer der Welt. Vor kurzem wurde das Land in den Club der wichtigsten Schwellenländer (BRIC) aufgenommen, zu dem Brasilien, Russland, Indien und China gehören.

Um das Disziplinarverfahren geht es den Demonstranten und Randalierern aber nur vordergründig. Aus Sicht von Wirtschaftsexperten hat sich auf Johannesburgs Straßen vor allem die Wut über eine aussichtslose wirtschaftliche Situation entladen. Fast 20 Jahre seit dem Ende der Politik der Rassentrennung hat sich das Leben von Millionen schwarzen Südafrikanern kaum gebessert, die Kluft zwischen Arm und Reich ist noch tiefer geworden. In keinem Land auf der Welt ist das Einkommen so ungleich verteilt wie in Südafrika.

Um das Unrecht während der Zeit der Rassentrennung wieder gut zu machen, spielt zwar die Förderung der schwarzen Bevölkerung in der Wirtschaftspolitik eine zentrale Rolle. Tatsächlich aber hat die Politik des „Black Economic Empowerment“ (BEE) bisher vor allem einer politisch gut vernetzten schwarzen Elite zu immensem Reichtum verholfen. „Die Mehrheit der ANC-Wähler hat sich längst von den Millionären und Milliardären in der Regierung und von den BEE-Wirtschaftslenkern abgekoppelt“, urteilt Sebastian Spio-Garbrah von der Beratungsgesellschaft Da-Mina Advisors. Trotz BEE-Politik haben in den Vorstandsetagen vieler Großunternehmen immer noch weiße Manager das Sagen.

Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei 25 Prozent

Offiziell liegt Südafrikas Arbeitslosenquote bei 25 Prozent. Das tatsächliche Ausmaß der Unterbeschäftigung aber ist deutlich größer. Das südafrikanische Institut für Rassenbeziehungen ermittelte vor kurzem, dass die Hälfte der heute 25 bis 34 Jahre alten Südafrikaner niemals in ihrem Leben arbeiten werden. Der stellvertretende Regierungschef Kgalema Motlanthe sprach von einer „tickenden Zeitbombe“. Um die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken, müsste Südafrikas Wirtschaft 20 Jahre lang jedes Jahr um mehr als 7 Prozent wachsen. Jüngst lag das Wachstum bei rund 3 Prozent. Ökonomen verweisen auf das miserable staatliche Schulwesen als einen Grund für die chronisch hohe Arbeitslosigkeit. Zusätzlich schneidet Südafrika im Kosten- und Produktivitätswettbewerb mit anderen Niedriglohnländern schlecht ab. Versuche, den Arbeitsmarkt von staatlicher Seite etwa über Lohnsubventionen zu beleben, scheitern regelmäßig an parteiinternen Widerständen oder am Veto der Gewerkschaften, einem Allianzpartner des ANC.

Die Frustration der Menschen wächst daher unaufhörlich. In den Armenvierteln stehen Proteste gegen nicht erfüllte Versprechen der Regierung seit langem an der Tagesordnung. Malemas radikale Parolen treffen dort auf ein nach Heilsbotschaften dürstendes Publikum. Im Jargon der einstigen Kämpfer gegen das Apartheid-Regime geißelt er die „weißen Großkapitalisten“ und ruft zum Kampf für die wirtschaftliche Freiheit auf. Dass sich der Sohn eines früheren Dienstmädchens selbst mittlerweile von den Armen weit entfernt hat und immer wieder mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert wird, mindert seine Popularität nicht - im Gegenteil. Malema lässt sich gerade eine Villa für umgerechnet 1,6 Millionen Euro bauen, samt Hubschrauberlandeplatz und Bunker. Woher das Geld stammt, will er nicht preisgeben. Genosse Drogba ist das einerlei. „Julius Malema wird uns befreien“, grölt er nach einem Schluck aus der Bierflasche.

Quelle: F.A.Z.

 
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