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Stuttgart 21 Der Streich

09.10.2010 ·  Stuttgart 21 könnte als ökologisches Musterprojekt stehen. Doch die Vision ist nicht greifbar. Der Streit um das Projekt wirft ein Schlaglicht auf eine Protestkultur, die vom Internet befeuert wird.

Von Susanne Preuß
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Die Blätter rascheln und der Kies knirscht, aber die Wortfetzen sind klar zu hören: „Volksentscheid“ und „unser Geld“. Die Jogger diskutieren eindeutig über „Stuttgart 21“. Man kann dem Thema nicht entrinnen, auch nicht im Wald hoch über dem Stuttgarter Talkessel.

Seit vergangenem Donnerstag gehören auch „Wasserwerfer“ und „Pfefferspray“ zum Alltagsvokabular in Stuttgart, sogar „Juchtenkäfer“. Osmoderma eremita, ein bis zu vier Zentimeter langer, braunschwarz glänzender Käfer, lebt auf den alten Bäumen im Stuttgarter Schlossgarten und lehrt die erregten Bürger, was es mit der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) auf sich hat: Um den seltenen Juchtenkäfer zu schützen, hat das Eisenbahn-Bundesamt das Fällen der Bäume im Schlossgarten untersagt, weshalb der Zorn über den Einsatz von mehr als 1000 Polizisten anlässlich der Fällaktion erst recht hochkocht.

Wer sich munitionieren will mit Argumenten gegen „Stuttgart 21“, braucht nur in den Schlossgarten zu gehen. Die Parkschützer campieren noch da und linke Aktivisten, Robin Wood und die Gewerkschaftsjugend von Verdi haben Informationsstände aufgebaut. Baumpaten haben den Stamm einer Platane rundum mit Hunderten von Plüschtieren gepolstert, in die Zweige eines anderen Baums Engelchen, Windspiele und Spiegel gehängt und vor einem besonders mächtigen Exemplar eine Art Altar aufgebaut, ein großer Brotlaib in der Mitte und Dutzende von Friedhofslichtern drumherum. An den Absperrgittern vor dem Bauzaun hängen Schilder mit wütenden Parolen („Mauer 21“ oder „Park des Himmlischen Friedens“), Kopien von Zeitungsartikeln, dazwischen ernste, von Hand aufgeschriebene Gedanken, aber auch witzige Beiträge, etwa ein „Basis-Set für S-21-Demonstranten“, bestehend aus einem Papierflieger und einer Kastanie. Die Rosskastanie, von einigen Polizisten im Eifer des Gefechts zunächst fälschlicherweise als Pflasterstein identifiziert, macht ihre eigene Karriere als Auktionsgegenstand im Internet.

Nur wenige Gegner in der Wirtschaft

Gegen die Macht solcher Bilder kommen die Befürworter von „Stuttgart 21“ nicht an. „Jeder kann sich ausgiebig informieren. Aber bei einem solch komplexen Projekt ist es letztlich immer eine Frage, welchem Experten man glaubt – und dann kommt zur Information die Emotion dazu“, analysiert Andreas Richter die Lage. Als Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Stuttgart ist er qua Amt ein Befürworter von „Stuttgart21“, und er ist überzeugt, dass es in der Wirtschaft nur wenige Gegner des Projekts gibt.

Für flammende Plädoyers für „Stuttgart21“ kann aber selbst das IHK-Magazin nicht allzu viele Größen des örtlichen Wirtschaftslebens aufbieten. Neben dem IHK-Präsidenten findet sich noch Volker Gerstenmaier, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Ellwanger & Geiger, der befürchtet, „ein Projektstopp würde die heutige Wirtschaftsregion Baden-Württemberg zurück in die Steinzeit befördern“. Sehr viel vorsichtiger äußert sich für die IHK-Titelgeschichte LBBW-Vorstandschef Hans-Jörg Vetter, der erhebliche Vorteile für Stadt und Region sieht, allerdings erst nach Fertigstellung – also frühestens in zehn Jahren, mit oder ohne Protest.

Die Stellungnahme von Wolfgang Malchow, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor von Bosch, ist sogar noch defensiver: Der Konzern stehe „dem grundsätzlichen Plan, die Verkehrsinfrastruktur verbessern zu wollen, positiv gegenüber“. Den Satz könnte wahrscheinlich jeder unterschreiben. Und Daimler-Chef Dieter Zetsche? Fehlanzeige. Diese Woche stellte die Pressestelle aus aktuellem Anlass lediglich klar, dass Zetsche keineswegs einen offenen Brief an Ministerpräsident Mappus finanziell unterstützt habe, wie in einer Zeitungsanzeige behauptet wurde. Mehr als das Dementi enthielt die Mitteilung aber nicht.

Quer durch die Gesellschaft

Würde manche S-Klasse nicht gekauft, wenn Daimler-Chef Dieter Zetsche sich mit Verve für „Stuttgart 21“ einsetzen würde? Klar ist: Das Thema spaltet, und der Riss geht quer durch die Gesellschaft, durch Unternehmen, durch Familien. Er habe Schwierigkeiten, seine Frau vom Demonstrieren abzuhalten, berichtet der Vorstandschef eines börsennotierten Unternehmens, der selbst ein Verfechter von „Stuttgart 21“ ist: „Ich müsste sie anbinden.“

Auch wenn der Schlossgarten in der tiefstehenden Sonne Hippieatmosphäre atmet, rekrutieren sich die Großdemos mit Zehntausenden Teilnehmern doch nicht nur aus Linken und Berufsdemonstranten. Junge wie Alte ereifern sich, Sympathisanten der Piratenpartei ebenso wie Konservative. Da mag es manchem Unternehmer angeraten erscheinen, lieber nichts zu sagen. „Man muss sensibel sein“, warnt auch Unternehmensberater Matthias Filbinger: „Jeder Gewerbetreibende muss prüfen, wie förderlich oder schädlich sich eine Äußerung aufs Geschäft auswirkt.“

Filbinger, Sohn des früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten, geht offen mit seiner Skepsis um, mit seiner Furcht, dass der Bahnhof einschließlich der Schnellbahntrasse über die Schwäbische Alb nach Osten eines Tages sogar 20 Milliarden Euro verschlingen könnte. Bei den krisengeschüttelten Mittelständlern, die zu seinem Kundenkreis gehören, beobachtet er ebenfalls, dass die Kostensteigerungen Sorgen bereiten: „Es geht doch letztlich um das eigene Geld, die selbst bezahlten Steuern.“

Der „Schwabenstreich“ wird zum Exportartikel

Argumente für „Stuttgart 21“ gibt es dennoch genug, gerade aus Stuttgarter Sicht, denn das allermeiste Geld kommt ja nicht aus dem Stadtsäckel, sondern aus Bundesmitteln und von der Bahn. Hinter dem neuen Tiefbahnhof, der aus Stuttgart verkehrstechnisch das schnell pulsierende Herz Europas machte, könnte auf dem freiwerdenden Gleisareal quasi ein ökologisches Musterstädtle entstehen, mit Passivhäusern für tausende Bürger, 10.000 modernen Arbeitsplätzen in Wohnortnähe und im übrigen auch mit zusätzlichen Parkanlagen. Die Bürger könnten daran mitwirken, lockt Ministerpräsident Mappus in seiner Regierungserklärung. Das, tatsächlich, ist ein Sieg der Gegner, denn von Mitwirkung bei der Gestaltung des neuen Stadtteils war zuvor nicht die Rede.

,Stuttgart 21‘ wird Veränderungen erfahren, weil vieles noch gar nicht geregelt ist“, erwartet IHK-Chef Richter daher. Dass der als Vermittler eingeschaltete Heiner Geißler – etwas verworren – einen vorläufigen Baustopp versprochen hat, lässt die Hoffnung aufkeimen, dass die starren Fronten sich lockern, dass aus Gegnern Verhandlungspartner werden, die nicht nur über alles oder nichts streiten.

Der schnelle Erfolg der Proteste könnte weit über „Stuttgart 21“ hinaus wirken, auch wenn es nur Etappensiege sind. „Gerade die Jugend findet es interessant, dass so unmittelbar Wirkung erzeugt wird, und das ganz ohne den Weg durch die Instanzen und ohne Bindung an eine bestimmte Partei“, beobachtet Peter Kruse, Psychologe und Berater mit dem Schwerpunkt Komplexitätsverarbeitung in intelligenten Netzwerken. „Die Gestaltbarkeit wird spürbar, und das erklärt ein weit über die Region hinausreichendes Interesse.“

Tatsächlich beschäftigt „Stuttgart 21“ nicht nur die Gemüter in der Heimat. „Was da im Ländle abgeht ... Ich finde es ja sehr sympathisch, dass sich die Leute mal auf die Hinterbeine stellen“, schreibt etwa der Mitarbeiter einer Investmentbank aus London in einer Mail. Selbst der „Schwabenstreich“, ein in Stuttgart täglich um 19 Uhr zelebriertes minutenkurzes Trillerpfeifenkonzert als Protest gegen „Stuttgart 21“, hat es zum Exportartikel gebracht: In New York fand sich Ende August immerhin knapp ein Dutzend Menschen zu einem Pfeifkonzert auf dem Times Square ein.

Abschreckung fehlgeschlagen

Smartphone und Internet machen die Protestierer superflink. Über soziale Netzwerke wie Facebook organisiert man sich in Gruppen, über Youtube hält man sich über Geschehenes auf dem Laufenden. Unter den Videos der Kategorie „Nachrichten & Politik“ sind seit Tagen Beiträge über „Stuttgart 21“ der Renner. Die brutalen Szenen mit Wasserwerfern und Pfefferspray sahen hunderttausende von Menschen. Zur Mobilisierung wiederum taugt am ehesten der Kurznachrichtendienst Twitter. Seit dem Donnerstag voriger Woche ist #S21 das im deutschen Twitter-Dienst mit Abstand am häufigsten verwendete Stichwort.

Während die Konfrontation sich im Schlossgarten zuspitzte, gab es mehrere tausend S21-Einträge pro Stunde. „Ich kenne keine Organisation, die in der Lage ist, tagsüber innerhalb einer Stunde 10.000 Leute auf die Straße zu bringen und nachts 3000 bis 4000“, sagt IHK-Chef Andreas Richter, und es klingt bei aller Distanz auch Respekt durch: „Das ist eine völlig neue Qualität in der Kommunikation.“

Politik und Polizei waren darauf offenbar nicht gefasst. Was passierte, verbreitete sich in Windeseile in alle Welt, die Taktik der Abschreckung schlug fehl. „Man darf aber nicht den Blitz mit dem Gewitter verwechseln“, warnt Kruse: „Die Interaktionen gab es schon lange zuvor. Da fängt man an zu diskutieren, gibt Hinweise, und dann schaukelt sich das auf. Das ist so hochgegangen, weil die Überreaktion der Staatsmacht mit der Schülerdemo zusammentraf.“ Die Funktionsweise der neuen Kommunikationswege vergleicht Kruse mit biologischen Selbstorganisationsprozessen, die im Gegensatz zu technischen Systemen nicht vorhersehbar seien, sondern Eigendynamik entwickelten. „Über soziale Netze entstehen Spannungsverhältnisse, die sich dann irgendwann entladen.“

So gesehen ist es logisch, dass die S21-Gegner mehr Wirkung erzielen, schon weil die Befürworter mangels emotionaler Themen nichts haben, was sich aufschaukelt – der wöchentliche Lauf für „Stuttgart 21“ scheint eher Pflichtprogramm denn Happening. Da hilft auch das Internet nicht. „Instrumentalisierung ohne Resonanzfeld funktioniert nicht“, sagt Kruse. Was nicht bedeutet, dass die kommerzielle Nutzung des Resonanzfelds ergebnislos wäre: „Schirm zerstört durch Wasserwerfer? Wir unterstützen gerne friedliche Demos“, zwitscherte es nach dem Polizeieinsatz zum Thema S21 durchs Netz. Die Antwort sei schnell, nett und gewitzt gewesen, twittert später einer, der das Versprechen testen wollte: „Bekomme zwar keinen Knirps, aber 21 Prozent beim Einkauf.“ Bei Knirps selbst gibt man sich ahnungslos – das sei wohl die Aktion eines einzelnen Händlers gewesen, heißt es in der Schirmzentrale. Planbare Marketinginstrumente sind Netzwerke nicht.

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Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

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